"Kleines Pompeji" Die Totenstadt des Vatikans

Archäologen haben im Vatikan eine antike Totenstadt freigelegt. Die Nekropole bietet einen tiefen Blick in das Alltagsleben im Rom der Antike - Forscher nennen sie ein "kleines Pompeji".


Eigentlich sollte auf dem Gebiet des Vatikanstaats nur ein neuer Parkplatz entstehen. Doch was bei den Bauarbeiten vor drei Jahren ans Tageslicht kam, erstaunte selbst Experten: Der Erdboden gab die Überreste zahlreicher Menschen frei. In vielen Fällen war die Asche der Toten in einfachen Terrakotta-Gefäßen bestattet worden. Reichere Verstorbene waren in prunkvollen Sarkophagen zur letzten Ruhe gebettet. Außerdem fanden die Forscher Skulpturen, Inschriften und viele andere Grabbeigaben.

Die Totenstadt wurde nach Angaben der Wissenschaftler in der Regierungszeit des römischen Kaisers Augustus angelegt, die vom Jahr 27 vor bis 14 nach Christus dauerte. Die letzten Bestattungen in der Nekropole hätten in der Zeit Kaiser Konstantins im vierten Jahrhundert stattgefunden.

Besucher werden demnächst von eigens konstruierten Stegen auf die Skelette herabblicken können. Erst beim Bau der Wege, als die Ausgrabungen bereits beendet waren, wurden die Knochen eines Kindes entdeckt, das mit einem Hühnerei in der Hand begraben wurde. Das Kind steckt noch immer zur Hälfte im Erdboden und hält die Reste der Eierschale in der Hand. Das Ei könnte die Hoffnung auf eine Wiedergeburt zum Ausdruck gebracht haben, sagten Vertreter des Vatikanmuseums.

Einblicke ins antike Alltagsleben

Es sind Funde wie diese, die der Totenstadt ihren Wert verleihen: Sie ermöglicht einen seltenen Einblick ins Alltagsleben der Antike, weil in ihr nicht nur die Reichen und Mächtigen, sondern auch Angehörige der römischen Mittelschicht bestattet wurden. "Wir haben ein kleines Pompeji gefunden", schwärmt Giandomenico Spinola vom Vatikanmuseum. "Wir kennen die Mausoleen von Hadrian und Augustus, aber nur wenige Begräbnisstätten für die Mittel- und Unterschicht."

Die Totenstadt im Vatikan könne dabei helfen, "das Leben der Mittelklasse zu dokumentieren, was uns normalerweise nicht gelingt", sagt Paolo Liverani, einer der beteiligten Archäologen. "Die Geschichte besteht nicht nur aus Generälen und Königen." Unter den in der Nekropole Bestatteten befinde sich zum Beispiel ein Künstler, der Kulissen für das Theater von Pompeji angefertigt habe. Das Grab des Mannes sei mit Symbolen seines Berufsstands versehen: einem Zirkel und einer Zeichenschiene. Auch ein Archivar des Privatbesitzes von Kaiser Nero und mehrere Postboten seien in der Totenstadt begraben worden.

Ein Teenager wurde mit einer Skulptur bestattet, deren Hände wie zum Gebet ausgestreckt sind. Diese Art der Darstellung, Orans oder Orante genannt, gilt auch als frühes Symbol des Christentums. Liverani betonte allerdings, dass die Nekropole in einer Zeitspanne genutzt wurde, in der es schwierig gewesen sei, den christlichen Glauben der Verstorbenen zu dokumentieren. Die Verfolgung von Christen im römischen Reich endete erst zur Zeit Kaiser Konstantins - als auch die Bestattungen in der Nekropole zu Ende gingen.

Ab dieser Woche wird die Nekropole für Besucher geöffnet. Der Zugang ist allerdings streng begrenzt: Touristen dürfen nur in Gruppen von höchstens 25 Personen auf das Gelände und müssen vorher schriftlich beim Vatikan um Erlaubnis bitten.

mbe/AP



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