Kleinkinder Spezielle Grammatik erleichtert Zugang zu Zahlen

Wie früh Kinder Zahlen begreifen, hängt von der Muttersprache ab. Zweijährige aus Slowenien oder Saudi-Arabien lernen schneller Zahlwörter. Und kleine Chinesen können schon bis 50 zählen, da mühen sich die Deutschen noch mit der 13. Warum?
Mutter und Kleinkind: Spezielle Pluralform beeinflusst Zahlenverständnis

Mutter und Kleinkind: Spezielle Pluralform beeinflusst Zahlenverständnis

Foto: Corbis

Sprache und Zahlen sind in unserem Gehirn eng verknüpft. Wollen wir uns beispielsweise eine achtstellige Telefonnummer einprägen, sind Schnellsprecher im Vorteil. Unser Kurzzeitgedächtnis arbeitet nämlich akustisch - und der Speicher reicht nur für wenige Sekunden. Wer schneller spricht, bringt darin mehr Ziffern unter - und behält lange Telefonnummern besser im Kopf.

Wie sehr selbst die Muttersprache das Verständnis von Zahlen bei Kleinkindern beeinflusst, zeigt eine Studie, die Forscher aus Großbritannien, Slowenien und Saudi-Arabien durchgeführt haben. Alhanouf Almoammer vom University College London und seine Kollegen untersuchten, wie gut Kinder im Alter von zwei bis vier Jahren die Unterschiede zwischen kleinen Zahlwörtern verstehen.

Dabei zeigte sich, dass der Zahlensinn bei Kindern aus Saudi-Arabien und Slowenien früher entwickelt ist als bei Gleichaltrigen mit Englisch als Muttersprache. Die Ursache dafür steht für die Forscher fest: Im Arabischen wie im Slowenischen gibt es die spezielle grammatikalische Form des Duals, welche die Menge von zwei bezeichnet.

Ein Beispiel aus dem Slowenischen: "gumb" bedeutet Knopf im Singular, "gumba" steht für zwei Knöpfe (Dual), "gumbi" für mehr als zwei Knöpfe (Plural). Die Form des Duals existierte einst in vielen Sprachen, sie verschwand jedoch oft im Laufe der Zeit. Die meisten Sprachen kennen nur Einzahl und Mehrzahl.

"Markante Unterschiede"

"Wir haben herausgefunden, dass die Dual-Form das Erlernen des Zahlworts Zwei beeinflusst", schreiben die Forscher im Fachblatt "Proceedings of the National Academy of Sciences" . Kinder mit den Muttersprachen Slowenisch und Arabisch hätten die Bedeutung der Zahl Zwei früher verstanden als Gleichaltrige mit Englisch als Muttersprache. Bei den slowenischen Kindern gelte dies sogar, obwohl sie das Zählen generell langsamer erlernen würden als englische Kinder.

Die Forscher hatten den Kindern verschiedene Aufgaben gestellt. Beispielsweise wurden sie gebeten, eine vorgegebene Anzahl von Spielzeugen in einen roten Kreis zu legen. Die Kinder sollten die Gegenstände auch durchzählen und in einer weiteren Aufgabe die Anzahl von Objekten auf Karten benennen.

Man habe "markante Unterschiede" zwischen den Sprachen beobachtet, schreiben Almoammer und seine Kollegen. Die Wissenschaftler verglichen ihre Ergebnisse auch mit früheren Studien, an denen russische, japanische und chinesische Kinder teilgenommen hatten. Auch dabei zeigte sich, dass slowenische und arabische Kinder das Konzept der Zahl Zwei wesentlich früher verstanden hatten.

Vorteil China

"Kinder lernen über alle Sprachen hinweg die Zahlen Eins, Zwei, Drei, bevor sie zählen können", erklären die Forscher. Die Studie zeige, dass grammatikalische Aspekte entscheidend seien, wenn es um das frühe Verstehen dieser Zahlwörter gehe.

Wie sehr sprachliche Besonderheiten den Umgang mit Zahlen beeinflussen, zeigt auch das Beispiel der Zahlwörter. Viele Dreijährige können bis acht oder neun zählen, egal was ihre Muttersprache ist. Ein Jahr später zeigen sich jedoch plötzlich große Unterschiede: Vierjährige aus den USA kommen mit Mühe und Not bis 15, gleichaltrige Chinesen hingegen bis 40 oder 50.

Diesen eklatanten Unterschied erklären Forscher mit den streng logischen Regeln für Zahlwörter im Chinesischen . Amerikaner sagen "eleven" und "twelve", nutzen also für elf und zwölf wie wir Deutschen auch jeweils eigene Wörter. Chinesen setzen die Elf und die Zwölf hingegen aus den Zahlwörtern für zehn und eins beziehungsweise zwei zusammen. Elf heißt shi yi (zehn-eins), zwölf shi er (zehn-zwei).

Bei den Zahlen 13 bis 19 beginnt im Deutschen wie im Englischen das nächste Problem - die Zahlwörter werden unlogisch. Man sagt "thirteen", "fourteen" beziehungsweise dreizehn, vierzehn und so weiter. Zuerst wird der Einer genannt und dann der Zehner - beim Aufschreiben der Zahlen ist es aber genau umgekehrt.

Ab 21 wird's für Engländer und Amerikaner immerhin besser: Dann wechseln ihre Zahlwörter zu einem logischeren Aufbau ("twenty-one" statt "one twenty"), die Chinesen sagen er shi yi (zwei-zehn-eins). Im Deutschen bleibt hingegen der Einer vorn (einundzwanzig). Über diese verdrehte Struktur stolpern die Gehirne der Kinder immer wieder. Die besondere Syntax der Zahlwörter wird so zum echten Hindernis beim Erschließen von Zahlen.


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