Christian Stöcker

Bericht des Weltklimarates Die Eltern sind noch längst nicht wütend genug

Christian Stöcker
Eine Kolumne von Christian Stöcker
Eine Kolumne von Christian Stöcker
Der am Montag veröffentlichte Bericht des Weltklimarates ist ein Alarmruf, der kaum lauter hätte ausfallen können. Die Reaktionen aber sind seltsam verhalten. Viele Eltern scheinen zu verdrängen, was der Bericht für ihre Kinder bedeutet.
Was tun, wenn's brennt?

Was tun, wenn's brennt?

Foto: Michael Blann / Getty Images

Stellen Sie sich bitte folgende Situation vor: Sie brutzeln sich gerade etwas zum Abendessen, als das Telefon klingelt. Sie lassen die Pfanne mit dem heißen Fett kurz allein, schließen die Küchentür und nehmen ab. Als das Gespräch endet, sehen Sie, dass Rauch unter der Küchentür hervorquillt. Sie öffnen die Tür einen Spalt: Die Arbeitsplatte rund um ihren Herd steht in Flammen. Die Küche ist voller Qualm, das Feuer breitet sich schnell aus. Sie schließen die Tür hastig wieder. Ihre Kinder sind in ihren Zimmern.

Was tun Sie jetzt?

a) Ich gehe ins Wohnzimmer und schalte den Fernseher ein, um mich ein bisschen abzulenken.

b) Ich setze mich an meinen Computer und mache ein bisschen Internetshopping.

c) Ich greife zum Hörer und bestelle Abendessen bei einem Lieferservice.

d) Ich warne meine Kinder und hole meinen Feuerlöscher.

e) Ich warne meine Kinder und rufe sofort die Feuerwehr.

Wir brauchen uns jetzt nicht lange mit der Frage aufzuhalten, welche Reaktionen hier angemessen wären. Sollte man meinen.

»Für Jahrhunderte bis Jahrtausende unumkehrbar«

Anders stellt sich das dar, wenn man die Reaktionen der deutschen und in weiten Teilen auch der internationalen Politik (und auch mancher deutschen Medien ) auf den erschütternden, wenn auch für aufmerksame Nachrichtenkonsumenten nicht wirklich überraschenden Bericht  des Weltklimarates IPCC vom Montag betrachtet.

Es gab eine Menge Lippenbekenntnisse, mehr aber auch nicht. Die Bundeskanzlerin sagte gar nichts. Es gab keinen »Brennpunkt«, keine Krisensitzungen, nichts.

Alarmsignal

Zur Erinnerung: Das hier waren bis vor Kurzem die Klimapolitiker der Union.

Der Bericht ein sehr lautes Alarmsignal, aufs Schrecklichste untermalt von sehr realem Qualm in vielen Regionen der Welt. Ein Katalog der apokalyptischen Ereignisse, die bevorstehen. Einige davon werden mit Sicherheit eintreten: »Viele Veränderungen, die auf vergangene und künftige Treibhausgasemissionen zurückzuführen sind, sind für Jahrhunderte bis Jahrtausende unumkehrbar.«

Dagegen ist die Pandemie ein Hickser

Die Küche brennt, aber den Rest des Hauses könnten wir durchaus noch retten – wenn wir endlich handeln. Gegen das, was bevorsteht, wenn wir nichts tun, ist die Pandemie, in all ihrer Schrecklichkeit, ein Hickser der Menschheitsgeschichte.

Der Bericht zeigt auch einmal mehr, dass das, was dem Weltklimarat von selbst ernannten »Skeptikern« immer wieder vorgeworfen wird, nicht zutrifft, im Gegenteil: Die Autorinnen und Autoren übertreiben nicht. Sie betreiben keine »Panikmache«, sie sind in ihren Projektionen immer sehr konservativ. Das führt leider dazu, dass die realen Entwicklungen beim nächsten Bericht meist noch schlimmer sind als die Vorhersagen. So auch in diesem Fall.

Wie heiß wird die Welt Ihrer Kinder?

Es gibt in Deutschland im Moment zwei Sorten von Menschen: Die einen haben schon begriffen, dass all das wirklich Tatsachen sind und nicht unangenehme Möglichkeiten, dass es sehr eilt. Die anderen noch nicht.

Zur ersten Gruppe gehören zweifellos die 1,4 Millionen, die schon im September 2019 in Deutschland für eine echte Klimapolitik auf die Straße gegangen sind. Seitdem dürften noch einige mehr dazugekommen sein. Insgesamt aber hat man nicht den Eindruck, als sei die Tragweite und Dringlichkeit des Problems schon in allen Köpfen angekommen. Schon gar nicht in den Köpfen weiter Teile des Polit-Establishments.

Das hat viel mit psychologischen Faktoren zu tun, die ich diese Woche im Klima-Podcast des SPIEGEL erklärt habe.

Wollen Ihre Kinder noch Kinder?

Die »taz« hat eine Grafik veröffentlicht, die zeigt, wie viel Erhitzung Menschen unterschiedlicher Altersgruppen voraussichtlich noch erleben werden. Für meine Altersgruppe sind das zwei Grad mehr als zu vorindustriellen Zeiten. Für das Alter meiner Kinder 2,5 bis drei Grad.

Ein bekannter deutscher Schriftsteller twitterte, seine Kinder im Teenageralter hätten entschieden, das sie jetzt doch keine Kinder mehr wollten. Er hat den Tweet wieder gelöscht, aber ich bin sicher, dass viele Teenager gerade genau dasselbe denken.

Und ich habe den Verdacht, dass eine wachsende Zahl von Eltern und Großeltern all das erst langsam realisiert. Zeigen Sie diesen Text doch mal ein paar davon.

»Was jetzt möglich ist, werden wir erst noch erleben«

Um den Klimanewsletter des britischen »Economist« zu zitieren, des Zentralorgans des globalisierten, liberalen Kapitalismus: »Die Welt hat noch nicht vollständig begriffen, was die gegenwärtigen 1,1 Grad Erwärmung wirklich bedeuten. (…) Viel von dem, was unwahrscheinlich, jetzt bei 1,1 Grad Celsius aber möglich ist, werden wir erst noch erleben.«

Ich bin in den letzten Jahren selbst einer wachsenden Zahl von Menschen in meiner Altersgruppe begegnet, die, nachdem sie das Ausmaß der Gefahr verstanden hatten, mit zunehmendem Unverständnis für das Nichtstun der Politik reagieren. Und mit dem wachsenden Bedürfnis, selbst etwas zu tun. Menschen die, wie das bei Eltern normalerweise der Fall ist, ihren Kindern ein schönes, erfülltes, möglichst angstfreies Leben wünschen. Ohne globale Hungersnöte, ständige Naturkatastrophen, gigantische Flüchtlingsbewegungen und Kriege um Ressourcen.

Laschet schaltet den Fernseher ein

Kommen Sie mir jetzt nicht mit »aber Deutschland ist nur für zwei Prozent der Emissionen verantwortlich«. Das ist erstens grob irreführend, und zweitens ist etwas ganz anderes entscheidend: Dass auch deutsche Regierungen die Klimakrise als das behandeln, was sie ist – das drängendste aller Probleme.

Wer beispielsweise bereit ist, der Partei von Armin »weil jetzt so ein Tag ist, ändert man nicht die Politik«  Laschet seine Stimme zu geben, hat das offenbar noch nicht verinnerlicht. Laschet ist so einer, der den Fernseher einschaltet, während es in der Küche brennt. Das Paradies wartet ja sowieso im Jenseits.

Die Totenglocke läutet

Natürlich kann man von der deutschen Politik nicht erwarten, dass sie die Klimakrise allein löst, das ist nicht möglich. Man kann aber erwarten, dass sie das Problem national wie international mit der Dringlichkeit behandelt, die es verdient. Das tut sie nicht.

Um es mit Uno-Generalsekretär António Guterres zu sagen: »Der Bericht muss die Totenglocke für Kohle und andere fossile Brennstoffe sein, bevor sie unseren Planeten zerstören.« Die derzeitige Bundesregierung möchte gern noch 17 weitere Jahre lang Kohle verfeuern lassen. Also über den Zeitpunkt hinaus, zu dem wir dem IPCC zufolge bereits 1,5 Grad Erderhitzung überschritten haben werden.

Die Küche brennt, der Flur ist voller Qualm, er erreicht bald die Kinderzimmer. Die Bundesregierung kippt noch ein bisschen Sprit in den Flur.

Die Eltern sind noch längst nicht wütend genug.