Stefan Rahmstorf

Klimakrise Die Menschheit verliert die Kontrolle über den Zustand der Erde

Über Jahrtausende hat sich der Mensch zu einer Kraft entwickelt, die den ganzen Planeten verändert. Nun ist sie so stark geworden, dass sie das Erdsystem endgültig zum Kippen bringen könnte.

Haben wir Klimaforscher uns geirrt? Seit mehr als 50 Jahren warnen die Experten vor der globalen Erwärmung, vor Eisschmelze und einem Anstieg des Meeresspiegels, verursacht durch unsere Verbrennung fossiler Brennstoffe. Aber bekanntlich sind Vorhersagen schwierig - besonders, wenn sie die Zukunft betreffen.

Weil wir Klimaforscher Projektionen erstellen und dabei - wenn auch gut begründete - Annahmen treffen müssen, wird meinen Kollegen und mir oft vorgeworfen, unsere Computersimulationen seien unrealistisch. In Kommentaren oder Zuschriften ist dann zu lesen, wir seien viel zu "alarmistisch". Im Meer versinkende Städte, Megadürren, Hungerkrisen, Massenflucht? Kaum möglich, dass es so schlimm kommen kann!

Zum Autor
Foto: Astrid Eckert

Stefan Rahmstorf schreibt regelmäßig für den SPIEGEL über die Klimakrise. Er ist Klima- und Meeresforscher und leitet die Abteilung Erdsystemanalyse am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK). Seit dem Jahr 2000 ist er zudem Professor für Physik der Ozeane an der Universität Potsdam. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören die Paläoklimaforschung, Veränderungen von Meeresströmungen und Meeresspiegel sowie Wetterextreme.

Inzwischen ist klar: Die Kritiker haben einen Punkt. Denn während die Klimaforscher die globale Erwärmung seit einem halben Jahrhundert zwar grundsätzlich richtig vorhergesagt haben, lagen sie bei Tempo und Ausmaß einiger Entwicklungen falsch. Allerdings haben sie diese nicht über-, sondern unterschätzt .

Das Phänomen hat die Harvard-Wissenschaftshistorikerin Naomi Oreskes  mit zwei Kollegen gerade in ihrem neuen Buch Discerning Experts ausführlich dargelegt. Ein Grund liegt in der Kultur der Wissenschaft: Wer als Forscher Gefahren übertreibt, riskiert seinen guten Ruf. Wer sie eher unterschätzt, gilt dagegen als zurückhaltend oder besonnen und geht damit kein Reputationsrisiko ein.

Kritische Grenzen werden überschritten

Inzwischen sehen wir, wie auch besonders unheilvolle und weniger sichere Vorhersagen eintreffen. Ich spreche von den sogenannten Klima-Kipppunkten des Erdsystems, deren Überschreiten zu unumkehrbaren, verhängnisvollen Veränderungen führt: Stellen Sie sich vor, Sie schieben eine volle Kaffeetasse über den Schreibtischrand. Auf den ersten Millimetern passiert wenig, die Tasse verändert nur ihre Position. Doch irgendwann erreicht sie einen kritischen Punkt, an dem sie kippt, abstürzt und ihren Inhalt auf den Teppich ergießt.

Im Klimasystem gibt es gleich mehrere solch kritischer Systeme, die sich ähnlich verhalten.

Ein gutes Beispiel ist die Instabilität des marinen (also unter dem Meeresspiegel aufliegenden) Eisschilds der Westantarktis, vor der schon seit den Siebzigerjahren gewarnt wird. Zieht das Eis sich zu weit hinter einen unterseeischen Bergkamm zurück, gibt es kein Halten mehr: weil das Land nach hinten abfällt, fließt das Eis umso schneller ab, je weiter es schrumpft.

Inzwischen spricht viel dafür, dass genau das schon passiert ist - ausgelöst durch uns Menschen, wie eine gerade erschienene Studie  zeigt. Bewahrheitet sich die Prognose, wären wir allein durch diesen Effekt zu einem globalen Meeresspiegelanstieg von drei Metern verdammt, der sich unaufhaltsam vollziehen würde, selbst wenn wir die weitere globale Erwärmung stoppten. Immerhin geschähe er in Superzeitlupe und würde sich wohl über ein- oder zweitausend Jahre erstrecken.

Das vorhergesagte Korallensterben hat begonnen

Ganz ähnlich - nur viel schneller - ergeht es den prächtigen Korallenriffen unserer Erde. Sie gehören zu den größten Naturwundern des Planeten und beherbergen einen unfassbaren Schatz an Fischen, Seeanemonen, Algen, Schwämmen, Seesternen und vielfältigen anderen Lebensformen. Laut der US-Ozeanbehörde NOAA sind weltweit mehr als eine halbe Milliarde Menschen auf intakte Korallenriffe angewiesen, weil sie ihre Nahrungsmittelversorgung decken, ihnen ein Einkommen sichern oder die Küsten vor Überschwemmungen schützen.

Das größte Riff, das Great Barrier Reef vor der Ostküste Australiens, erstreckt sich über eine Länge von 2300 Kilometern und umfasst eine Fläche so groß wie ganz Deutschland. Es ist das größte von Lebewesen erschaffene Bauwerk unseres Planeten.

Ich hatte 2005 erstmals das Privileg, die Wunderwelt unter Wasser an diesem Riff kennenzulernen, während ich eine Sommerschule für Studenten der Meereskunde auf Lady Elliot Island unterrichtete. Ein Jahrzehnt später kehrte ich ans Riff zurück, diesmal während einer Gastprofessur in Sydney, und besuchte die Forschungsstation der University of Queensland auf Heron Island.

Dort werden in verschiedenen Wasserbecken kleine Korallenriffe gezüchtet  - unter heutigen Bedingungen sowie in wärmerem und saurerem Wasser, wie es die Zukunft bringen wird. In jenem Sommer 2015 machten weltweit erschreckende Berichte einer weiter im Norden um sich greifenden Korallenbleiche die Runde.

Seit vielen Jahren warnen Meeresforscher, dass die tropischen Korallenriffe die globale Erwärmung nicht überleben. Der Bericht  des Weltklimarats IPCC vom vergangenen Jahr folgerte: Bei 1,5 Grad könnten nur zehn bis 30 Prozent der Korallen überleben; schon zwei Grad Erwärmung könnte den fast vollständigen Verlust aller tropischen Korallenriffe bedeuten.

Steinkorallen leben in einer Symbiose mit kleinen, einzelligen Algen genannt Zooxanthellen, die für sie Photosynthese betreiben. Bei zu hohen Wassertemperaturen stoßen die Korallen die Zooxanthellen ab und es kommt zur Korallenbleiche. Ein Teil der Korallen stirbt sofort, andere können sich über Zeiträume von zehn bis fünfzehn Jahren oder länger wieder erholen. Vorausgesetzt allerdings, dass es in dieser Zeit nicht erneut zu Hitzestress kommt - doch genau das passiert gerade durch die rapide steigenden Meerestemperaturen infolge der Erderwärmung.

In den Jahren 2015 bis 2017 - den drei global bislang wärmsten Jahren  seit Beginn der Aufzeichnungen, wahrscheinlich sogar seit Hunderttausend Jahren  - kam es zu einer massiven Korallenbleiche von globalem Ausmaß, von der rund 80 Prozent der tropischen Riffe betroffen waren. Zwei Drittel des Great Barrier Reefs wurden schwer geschädigt. Australische Forscher berichten, wie sie die Daten von Erkundungsflügen ansahen und dann gemeinsam weinten. Die zuständige Behörde der australischen Regierung hat die Aussichten für das Riff gerade auf "sehr schlecht" herabgestuft.

Ich schreibe diese Zeilen in Sydney und besuche hier die internationale Konferenz der Paläo-Ozeanologen. Die Korallenriffe gehören zu den ältesten Ökosystemen der Erde und existieren in ihrer jetzigen Form schon seit über 200 Millionen Jahren. Sie sind ein Erfolgsmodell der Evolution, "doch sie leben auf Messers Schneide", erklärt der Korallenexperte Charlie Veron . Immer wieder sind sie durch veränderte Umweltbedingungen ausgelöscht worden. Es dauerte jeweils Millionen Jahre, bis die Riffe wieder zurückkamen.

Wie der Amazonaswald strotzen Korallenriffe vor Artenreichtum, sie sind eine Wiege der Evolution und Teil des gemeinsamen Naturerbes der Menschheit. Ihr Verfall ist ein ominöses Symptom der Klimakrise: Erstmals sehen wir vor unseren Augen, was das Überschreiten eines Kipppunktes im Erdsystem bedeutet.

Den Kollaps dieses Ökosystems einfach zuzulassen, wäre nicht nur völlig inakzeptabel. Es wäre der Beginn eines Kontrollverlustes, das Fallen eines ersten Dominosteines in einem eng verflochtenen lebenden Erdsystem, in dem alles miteinander verbunden und voneinander abhängig ist.

Regierung im Griff der Kohlelobby

Meine australischen Kollegen sprechen verbittert über die Politik in Canberra. Die Labour-Regierung unter Julia Gillard hatte 2012 immerhin einen moderaten CO2-Preis eingeführt, der allerdings zwei Jahre später durch die neu gewählte konservative Regierung wieder abgeschafft wurde. Seither ist die Regierung wieder fest in Händen der Kohlelobby - Australien ist der bei Weitem weltgrößte Kohleexporteur .

Ein Video mit Symbolkraft zeigt den derzeitigen Premierminister Scott Morrison, wie er werbend einen Klumpen Kohle im Parlament herumzeigt, den ihm der Lobbyverband Minerals Council of Australia gegeben hatte - lackiert, damit er sich nicht die Hände schmutzig macht. Kritikern warf er eine "ideologische, pathologische Angst vor Kohle" vor. Im Hintergrund feixten seine Parteikollegen.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von YouTube, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Das Great Barrier Reef gehört zur nationalen Identität Australiens und sorgt für 64.000 Arbeitsplätze im Tourismus, sodass der öffentliche Druck wächst, etwas gegen das Korallensterben zu unternehmen. Die Morrison-Regierung reagiert darauf allerdings nur mit Placebo-Politik. So wird diskutiert, Teile des Riffs gegen die Korallenbleiche mit einer Sonnenschutzfolie abzudecken , während die Regierung parallel eine gigantische Kohlemine im Hinterland und den Bau des weltgrößten Kohlehafens Abbot Point direkt am Riff vorantreibt.

Das erinnert an die hilflosen Versuche, die schwindenden europäischen Alpengletscher mit Folie abzudecken, während weiter kräftig Kohle verbrannt wird. Pillepalle statt wirksamem Klimaschutz. In Australien deutet im Moment vieles darauf hin, dass sich die hiesige Regierung für den Weg der Kapitulation vor der Klimakrise entschieden hat, unfähig auf die Herausforderung adäquat zu reagieren. Sie ist ein mahnendes Beispiel auch für Deutschland, das sich diesen Herbst bei der Vorstellung des lange erwarteten Klimagesetzes entscheiden muss, ob es zu den verantwortungsvollen Gestaltern der Zukunft zählt - oder nicht.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.