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Kurt Stukenberg

SPIEGEL-Klimabericht 100 entscheidende Tage für den Klimaschutz

Kurt Stukenberg
Von Kurt Stukenberg, stellvertretender Ressortleiter Wissenschaft
Wo stehen wir rund drei Monate vor dem wichtigen Gipfel im schottischen Glasgow? Der Wochenüberblick zur Klimakrise.

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

wir leben in einem Jahrzehnt, in dem es nicht zu pathetisch ist, zu sagen, dass jeder Tag die Zukunft prägt. Grünes Licht für eine größere Investitionsentscheidung entweder in ein fossiles Projekt oder für erneuerbare Energien stellt Weichen für CO2-Emissionen für kommende Jahrzehnte. Ein Wahltag macht Klimapolitik für Jahre möglich oder unmöglich. Auch kleine Konsumentscheidungen formen die Zukunft des Planeten mit, nur in anderem Umfang natürlich.

Lange Jahre war Klimapolitik etwas für die großen Gipfel, die sogenannte Conference of the Parties (COP) und sorgte abseits davon nicht oft für Diskussionen. Das ist heute, zumal in Zeiten von Fluten  und Dürren sowohl in Deutschland als auch weltweit, anders. Trotzdem bleiben die Klimakonferenzen enorm wichtig, ganz besonders das anstehende Treffen im schottischen Glasgow. Gut 100 Tage bleiben noch bis zu den hochrangigen Runden.

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Dort soll etwa entschieden werden, nach welchen Regeln die Staaten der Welt beim Klimaschutz zusammenarbeiten können und sollen. Und alle Vertragsstaaten müssen endlich neue Emissionsziele verkünden, ambitioniertere selbstverständlich. Der Mechanismus des Klimaabkommens sieht vor, dass die freiwilligen Selbstzusagen zum Klimaschutz regelmäßig nachgeschärft werden.

Erst rund 100 Staaten haben neue Klimazusagen eingereicht

Nach Auskunft des Uno-Klimasekretariats haben bisher rund 100 Staaten aktualisierte Zahlen gemeldet, fast die Hälfte der Länder fehlt also noch. Und viel Zeit bleibt nicht mehr. Doch die Einigkeit zu mehr Tempo wird für einen gelingenden Gipfel entscheidend sein. Zumal die bisher verabredeten Ziele noch bei Weitem nicht reichen, um das Limit von unter zwei Grad Erderwärmung einzuhalten, das 1,5-Grad-Ziel liegt sogar in weiter Ferne.

Nicht ausgeschlossen ist auch, dass der Gipfel auf den letzten Metern doch noch verschoben wird. Nach Berichten von Reuters  steht im Raum, dass die Uno-Biodiversitätskonferenz im chinesischen Kunming erneut verschoben wird oder jedenfalls entscheidende Teile der Sitzungen. Sie war für Oktober geplant. Gemessen an der Zahl der Gäste und den entsprechend notwendigen Vorkehrungen gegen das Coronavirus nehmen sich beide Veranstaltungen nicht viel.

So oder so dürften sich nicht wenige Länder bei ihren Klima-Positionen auch an dem Kurs der Großen orientieren, die es zuletzt aber versäumt haben, Aufbruchssignale zu senden : Das Treffen der Umweltminister der G20 in der vergangenen Woche in Neapel schloss lediglich mit dem Bekenntnis zum Pariser Abkommen, Hoffnungen, dass der Staatenblock etwa einen schnellen Kohleausstieg verkündet, wurden enttäuscht.

Die nächsten vier Jahre in Deutschland werden besonders wichtig

Auch die Bundestagswahl, mit Implikationen für den Kurs Europas in der klimapolitisch wichtigsten Dekade, fällt in die kommenden 100 Tage. Zwar haben sich inzwischen alle demokratischen Parteien mehr oder weniger eindeutig zum 1,5 Grad-Ziel bekannt, in der Frage, wie man das Ziel erreicht, gibt es aber erhebliche Unterschiede. Mindestens Deutschlands Beitrag zum ambitionierteren Teil des Pariser Abkommens wird sich kaum mehr umsetzen lassen, wenn in den nächsten vier Jahren nicht genug passiert. Der 26. September ist also wirklich einer der Tage, der die Zukunft prägt.

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Aktivistinnen und Aktivisten in London

Aktivistinnen und Aktivisten in London

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