Klimagipfel in New York Wenn sich Konzerne als Klimaschützer inszenieren

Die Uno bittet große Unternehmen um Mithilfe beim Klimaschutz. Zum Uno-Gipfel in New York sind Vorstandschefs multinationaler Konzerne eingeladen. Wie viel Greenwashing steckt dahinter?
Palmöl-Pflanzungen in Indonesien: "Riesige Mengen auch illegal abgeholzt"

Palmöl-Pflanzungen in Indonesien: "Riesige Mengen auch illegal abgeholzt"

Foto: Afriadi Hikmal/ Getty Images

Früher waren die Fronten klar: Große Unternehmen wehrten sich gegen strenge Umweltauflagen oder eine konsequente Energiewende. Einige Konzerne wie Exxon Mobil finanzierten sogar Klimaleugner und erklärten der Wissenschaft den Krieg. Zumindest Ökos und Klimaschützer wussten, wer ihr Feind ist. Dieses Schwarz-Weiß-Denken hat sich überlebt - jedenfalls scheint es so.

Konzernchefs und PR-Strategen lassen keine Chance aus, sich als Klimaschützer zu inszenieren: Aufwendige Imagekampagnen, Absichtserklärungen und öffentliche Aufrufe. Werden Konzernbosse nun zu Umweltschützern?

Auf den ersten Blick sieht es so aus: 28 große Unternehmen kündigen anlässlich des eintägigen Uno-Klimagipfels in New York an, ihre Geschäfte klimafreundlicher zu machen . Sie wollen ihre Produktion auf das im Weltklimavertrag festgelegte 1,5-Grad-Ziel ausrichten. Zusammen haben sie ein Budget von 1,3 Billionen Dollar - rund ein Drittel des deutschen Bruttoinlandsprodukts.

Mit dabei sind große Namen wie Unilever, SAP und Vodafone. Damit folgen die Unternehmen einer Bitte von Uno-Spitzenbeamten  wie der Leiterin der Uno-Generalversammlung María Fernanda Espinosa Garcés und der Chefin des Uno-Klimasekretariats Patricia Espinosa: "Wir laden diese visionären Unternehmer ein, sich ihre Klimapläne auf dem Uno-Klimagipfel anerkennen zu lassen", wirbt der offene Brief. Die Vereinten Nationen rollen den Unternehmen in New York den roten Teppich aus - als Dank für ihre Klimaziele dürfen sie am Gipfel teilnehmen.

Auch 34 Bankchefs sind eingeladen und werden von Uno-Generalsekretär António Guterres persönlich in Empfang genommen: Auch sie wollen sich auf "Prinzipien für verantwortungsvolles Banking" verpflichten. Damit versprechen die Geldinstitute ebenfalls, ihre Unternehmensstrategie auf das Weltklimaabkommen und die Uno-Nachhaltigkeitsziele "auszurichten".

Mehr Geld für fossile Energieprojekte

Wenn die Banken das ernst nehmen, müssten sie ihre Investments allerdings stark überdenken: Bisher stecken die meisten von ihnen noch Milliardensummen in fossile Geschäfte wie Ölbohrungen in der Arktis oder Kohlekraftwerke. "Seit dem Paris-Abkommen 2015 finanzierten Banken fossile Projekte mit 1,9 Billionen Dollar", resümiert ein Bericht von Nichtregierungsorganisationen , darunter der Sierra Club und das Rainforest Action Network. Sie "tracken", wo Banken ihr Geld investieren. Ihre Bilanz: Seit es den Pariser Weltklimavertrag gibt, fließen sogar mehr Kredite in Kohle, Öl- und Gasprojekte.

Auch einige Mitglieder der neuen Uno-Allianz für "verantwortliches Banking" wie die französische Societé General gaben mehr Geld in fossile Geschäfte aus als in den Vorjahren. Und die US-amerikanische Citigroup gilt in dem NGO-Bericht sogar als "Topverschmutzer". Sie investierte allein 2018 rund 43 Milliarden Dollar unter anderem in Öl- und Gasbohrungen in der Arktis und den klimaschädlichen Teersandabbau.

"Aus Zerstörern werden keine Klimaretter", ist sich Greenwashing-Expertin Kathrin Hartmann sicher. Die Buchautorin von "Die Grüne Lüge" hat jahrelang dem grünen Image der Konzerne hinterherrecherchiert. Besonders gut kennt sie Unilever. Das 50 Milliarden schwere Unternehmen mit Sitz in London initiierte mit den Uno-Spitzenbeamten die diesjährige Klimakampagne.

"Unilever gehört zu den größten Waldzerstörern, denn der Konzern benötigt für seine Produkte vor allem Rindfleisch, Soja und Palmöl ", sagt Hartmann. "Für seine Kosmetikprodukte und Fertignahrung holzt sein Palmöllieferant Wilmar International riesige Mengen Regenwald in Indonesien seit Jahren auch illegal ab." Dass Unilever sich nun auf den Weltklimavertrag und das 1,5-Grad-Ziel verpflichtet, sei eine PR-Maßnahme. "Unilever hat auch 2014 die Uno-Waldschutzerklärung mitinitiiert und lässt sich davon nicht bei seinen Geschäften stören", sagt die Autorin.

Alle machen mit - aber alle freiwillig

Die Klima-Umarmung der Wirtschaft durch die Uno kam erst seit der Klimakonferenz in Paris richtig in Schwung. Sie folgt einer Logik, die auch dem Weltklimavertrag zugrunde liegt: Alle machen mit, aber alle freiwillig. Denn auch die 195 Länder, die sich im Pariser Vertrag 2015 zum Klimaschutz verpflichten, tun das aus freien Stücken - und konnten Klimapläne nach Lust und Laune einreichen.

Dahinter steckt die Hoffnung, dass die Staaten sich gegenseitig motivieren und es zu einem Überbietungswettbewerb kommt. Allerdings hat das bisher nicht funktioniert: Die Staaten verfehlen  mit ihren vorgelegten Klimaplänen das im Vertrag festgeschriebene 2-Grad-Ziel. Eher droht der Erde eine durchschnittliche Erwärmung von drei bis vier Grad.

"Klimaschutz wird immer weniger von Regierungen reguliert", erklärt Jesse Bragg von der US-Organisation Corporate Accountability. Die NGO kämpft gegen den Anti-Klimaschutz-Lobbyismus großer Unternehmen auf die Politik. Selbstverpflichtungen der Wirtschaft hätten bei der Uno Tradition. Seit Jahrzehnten würden sich große Konzerne erst reumütig zeigen und dann hofiert. In Wirklichkeit machten aber viele auch dann so weiter wie zuvor, glaubt Lobbyexperte Bragg.

Kohlekonzerne sponsern Klimagipfel

Beispiele für den Flirt zwischen Uno, Regierungen und großen Konzernen gibt es viele. Manchmal führt die Nähe der Wirtschaft sogar zu so absurden Situationen wie auf der Klimakonferenz im vergangenen Dezember in Katowice. Damals sponserten die polnischen Kohlekonzerne PGE, Tauron, JSW und der Gaskonzern PGNiG das Treffen der Staats- und Regierungschefs. Ein Paradoxon, denn der Weltklimavertrag entzieht perspektivisch genau jenen Unternehmen ihre Geschäftsgrundlage.

Die größte Initiative dieser Art ist "Science Based Targets" - eine bereits laufende Kooperation zwischen Uno, Unternehmen und Umweltorganisationen. Firmen geben sich freiwillig Klimaziele, um auf der Zielgeraden mit dem Paris-Abkommen zu sein und die Klimaerwärmung auf "deutlich unter zwei Grad" zu begrenzen. Mehr als 600 Unternehmen weltweit machen schon mit. 232 Klimapläne sind offiziell bestätigt. Auch deutsche Unternehmen wie die Telekom, Daimler, die Deutsche Bahn und die Deutsche Post sind dabei.

Dass sich die Wirtschaft ebenso wie die Staaten Klimaziele gibt, ist an sich nicht verwerflich. Deren Einhaltung wird aber nicht kontrolliert - das müssen auch Plattformen wie "We mean business" eingestehen, die sich um die Klimakampagnen der Unternehmen kümmert. "Wir machen den Unternehmen keine genauen Vorgaben, sondern empfehlen, dass sie ihre Fortschritte in Jahresberichten oder auf ihren Webseiten veröffentlichen", heißt es auf Anfrage.

Sanktionen gibt es auch nicht. "Die Unternehmen verändern sich nur in Bereichen, die ihnen nicht wehtun und gut fürs Image sind", meint Buchautorin Kathrin Hartmann. "Mit solchen Kooperationen will die Uno die Schlechten besser machen - aber alle Erfahrungen zeigen, dass das nicht funktioniert."

Das Geschäft mit klimaschädlichen Ressourcen läuft bestens

Nicht alle sehen das so kritisch. Einige Umweltschützer finden sogar, dass man die Anstrengungen der Unternehmen zumindest anerkennen sollte - immerhin würden viele andere Firmen gar nichts machen. "Man muss genau hinschauen, was die Unternehmen nach solchen Verpflichtungen dann wirklich machen", meint Regine Richter von der Umwelt-NGO urgewald. "Einige der beteiligten Versicherer haben beispielsweise ein echtes Interesse, dass sich im Klimaschutz etwas bewegt, während sich andere Konzerne nur grünwaschen."

Auffällig ist, dass die großen Öl- und Kohlekonzerne bei den Uno-Initiativen nicht mitmachen. Sie investieren lieber weiterhin ungebrochen in neue klimaschädliche Förderprojekte, wie eine kürzlich veröffentlichte Untersuchung des britischen Thinktanks Carbon Tracker  zeigt. Während die Uno-Vertreter und Unternehmen in New York ihre Klimaziele feiern, geben Exxon, Shell und andere Firmen noch in diesem Jahr 21 Milliarden Dollar aus, um klimaschädliche Ressourcen zu fördern.

Die Geschäfte laufen bestens. Innerhalb von etwas mehr als zwölf Monaten sind laut der Studie Projekte von 50 Milliarden US-Dollar genehmigt worden. Allein Exxon Mobil steckte 2,6 Milliarden in ein neues Projekt zur Förderung von kanadischen Teersanden, die als besonders klimaschädlich gelten.

"Der Gipfel in New York ist ein verzweifelter Versuch der Uno, noch mehr Akteure mit ins Boot zu nehmen", erklärt Lobbyexperte Jesse Bragg. Weil man die Wirtschaft anders nicht zwingen könne, Klimaschutz zu betreiben, versuche man es auf dem freiwilligen Weg. "Ich bezweifle, dass da wirklich etwas rauskommt", so Bragg.

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"Nach ein paar Wochen ist alles vergessen, aber die Unternehmen hatten ihre Aufmerksamkeit." Freiwilligkeit, so ist sich der Klimaschützer sicher, reiche aber nicht für eine echte Wende im Klimaschutz - weder in der Wirtschaft noch bei den Staaten.