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Patrick Mariathasan / DER SPIEGEL

Kurt Stukenberg

SPIEGEL-Klimabericht Kommt der Bruch oder der Durchbruch?

Kurt Stukenberg
Von Kurt Stukenberg, stellvertretender Ressortleiter Wissenschaft
Willkommen im Jahr der Veränderungen! Klimapolitisch wird es in 2021 mehrere Richtungsentscheidungen geben – mit offenem Ausgang. Lesen Sie hier Ihren Wochenüberblick zur Klimakrise.

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

das zweitwärmste Jahr seit Beginn der Wetteraufzeichnungen war gerade erst zu Ende gegangen. Ein Jahr in dem in Australien, den USA, Sibirien und anderswo die Wälder in biblischen Ausmaßen brannten, in dem die Länder am Atlantik von einer Hurrikan-Rekordsaison durchgeschüttelt wurden und die CO2-Konzentration in der Atmosphäre einen neuen Höchststand erreichte. Nach diesem Jahr rückte am Dienstag, dem 5. Januar, die Polizei im westlichsten Zipfel Deutschlands an, um fünf Aktivisten von einem Hausdach zu holen. Sie wollten im nordrhein-westfälischen Lützerath den Abriss eines Hauses verhindern , das im Auftrag des Energiekonzerns RWE zusammen mit der ganzen Ortschaft verschwinden soll, um dort nach Kohle zu graben.

Es war der Dienstag vor zwei Tagen, wir schreiben das Jahr 2021. Ziemlich genau fünf Jahre nachdem Deutschland das Pariser Klimaschutzabkommen unterzeichnet hat, werden hierzulande noch immer unter Polizeischutz neue Kohlegruben erschlossen. Ist die Räumung in Lützerath die dunkle Ouvertüre für Klimaschutz im neuen Jahr? Immerhin hatte die Woche noch mindestens ein weiteres Ereignis in petto, das andere Schlüsse zulässt: Am Mittwochabend gewannen die US-Demokraten vorläufigen Berichten zufolge beide Senatssitze im Bundesstaat Georgia. Was wegen der erschütternden Ereignisse in der Hauptstadt  in den Nachrichten fast verdrängt wurde, dürfte weitreichende Folgen haben.

Mit hauchdünner Mehrheit kontrolliert die Partei des neuen Präsidenten Joe Biden jetzt beide Kammern des Kongresses – und hat nun umfassende Möglichkeiten, die ambitionierte Klimaagenda durchzubringen. Der neue Präsident hat im Wahlkampf versprochen, dem Abkommen von Paris wieder beizutreten, die USA bis 2050 klimaneutral zu machen und die Stromversorgung des Landes bis 2035 zu 100 Prozent auf erneuerbare Energien umzustellen. Insgesamt zwei Billionen Dollar  will er in den Umbau der Wirtschaft investieren, darunter Subventionen für E-Autos und emissionsarme Infrastruktur – eine enorme Summe. Ohne Unterstützung im Kongress lässt sich ein Programm dieser Größenordnung nicht durchsetzen, deshalb ist die Mehrheit im Senat für die Demokraten durch den Sieg in Georgia auch international so wichtig. Welche Versprechen Bidens Realität werden, ist natürlich völlig offen.

Ob in die eine oder in die andere Richtung: 2021 wird ein Jahr der Veränderungen und Neuanfänge sein, auch und vor allem klimapolitisch. 

  • Nach Jahren des mehr oder weniger Weiter-so in der Klimapolitik eröffnet eine neue Regierung nach der Bundestagswahl im September die Chance auf einen echten Neuanfang. Der wäre dringend nötig, um die wichtigen Klimaetappenziele bis 2030 zu realisieren. 

  • International wird die verschobene Uno-Klimakonferenz COP26 im November in Glasgow der Höhepunkt sein, auf der die Ambitionen der Länder bei der Emissionsminderung hochgeschraubt werden sollen. 

  • Der Weltklimarat IPCC veröffentlicht den wegen Corona verschobenen sechsten Sachstandsbericht, vor allem der erste Band zur Grundlagenforschung dürfte große Beachtung finden.

  • Die EU entscheidet in der ersten Hälfte des Jahres endgültig über die Zukunft der Agrarsubventionen. Die Landwirtschaft ist in Europa nach Sektoren immerhin der zweitgrößte Emittent von Treibhausgasen , direkt nach der Energiewirtschaft. Entsprechend groß ist die Lenkungswirkung der rund 400 Milliarden Euro Förderung, die in den kommenden sieben Jahren fließen sollen. Außerdem finalisiert die EU ihr Klimagesetz und will mit neuen Rechtsvorschriften  die EU-Gesetze mit Energie- und Klimabezug fit machen für das neue Reduktionsziel der Union von minus 55 Prozent CO₂ bis 2030.

Die in mehreren Ländern zum Jahreswechsel gestarteten Impfkampagnen gegen das Coronavirus weisen nun endlich einen Weg raus aus der Pandemie – wenn nichts dazwischenkommt . Zeit also, sich mit der anderen großen Krise zu befassen. 

Wenn Sie mögen, informiere ich Sie einmal in der Woche über das Wichtigste zur Klimakrise – Storys, Forschungsergebnisse und die neuesten Entwicklungen zum größten Thema unserer Zeit. Zum Newsletter-Abo kommen Sie hier.

Die Themen der Woche

Vor der Küste Israels: Forscher berichten von Kollaps der heimischen Artenvielfalt im Mittelmeer
Durch höhere Wassertemperaturen ist die Artenzahl der Weichtiere vor Israels Küsten bis zu 95 Prozent zurückgegangen. Forscher befürchten ähnliche Effekte in anderen Mittelmeerregionen.

Energiewende in Nordfriesland: Der Wasserstoff, aus dem die Träume sind
Wasserstoff tanken, der mit Windkraft hergestellt ist – in Norddeutschland verwirklichen Unternehmer diese alte Vision der Energiewende. Sie ist auch ein Gegenentwurf zu Elektromobilität mit Batterien.

Als erstes Land der Welt: Norwegen lässt mehr Elektroautos als Verbrenner zu
In Norwegen boomen E-Autos seit Jahren – 2020 haben die Behörden nun erstmals mehr Wagen mit dem Antrieb zugelassen als Benziner, Dieselfahrzeuge und Hybride zusammen. Am stärksten profitiert ein deutscher Hersteller.

Folge der Coronakrise: Deutschland übertrifft Klimaziel für 2020
Die Coronakrise hat der deutschen Wirtschaft zugesetzt und auch die CO₂-Emissionen gedrückt. Der Effekt ist aber nicht dauerhaft, Wissenschaftler mahnen: Eine Pandemie kann Klimapolitik nicht ersetzen.

Erderhitzung: Was bringt 2021 für das Klima?
Die Corona-Pandemie verschaffte der Erde eine scheinbare CO₂-Verschnaufpause. Aber ist sie nachhaltig? Was muss die internationale Klimapolitik erreichen, was Deutschland tun? Unser Ausblick auf das Klimajahr 2021.

Klimawandel bedroht Deutschlands Küsten: Deich der Zukunft 
Im schleswig-holsteinischen Schlüttsiel errichten Küstenschützer ein neuartiges Bollwerk gegen die Nordsee. Kann es gelingen, den wachsenden Wasserständen zu trotzen?

Aufgewärmt

  • Die großen Ölkonzerne haben kein Interesse an Trumps Last-minute-Versteigerung von Bohrlizenzen in der Arktis – und bieten gar nicht erst mit (NPR) 

  • Exxon veröffentlicht erstmals die Klimawirkung durch die Verbrennung des selbst geförderten Öls (Bloomberg) 

  • Biofleisch hat in der Herstellung die gleiche miese Klimabilanz wie konventionell erzeugtes (»Guardian«) 

  • Wie eine CIA-Agentin der Wissenschaft half, die Auswirkungen des Klimawandels zu messen (»New York Times«) 

Publiziert

Rückkopplungseffekt könnte Auswirkungen von Trockenheit verringern

Bei steigenden Temperaturen auf der Erde gilt der Grundsatz, dass aktuell feuchte Regionen zukünftig mehr Niederschlag abbekommen, während trockene Regionen eher noch trockener werden. In einer neuen Studie zeigen Klimaforscher jedoch einen Rückkopplungseffekt, der die negativen Folgen für Trockengebiete wohl deutlich reduziert. Sie untersuchten den Einfluss der Feuchtigkeit im Boden auf die Atmosphäre. Dabei zeigte sich, dass die Bodenfeuchte durch die Erwärmung in ariden Regionen zwar langfristig zurückgeht, jedoch die Niederschlagsmengen weniger stark sinken, als es zu erwarten wäre. Den Grund sehen die Wissenschaftler darin, dass die kühlende Verdunstung abnimmt und sich die Luft stärker erwärmt. Dadurch aber wird der Land-Meer-Unterschied im Luftdruck größer, was mehr feuchte Luftmassen heran befördert.

»Soil moisture-atmosphere feedbacks mitigate declining water availability in dryland«
Zhou et al., 2021
Nature Climate Change 

Der Klimabericht - Daten zur Lage des Planeten

Glossar

Begriff der Woche: Kippelemente – die Dominosteine des Weltklimas
Das Meereis schmilzt, der Amazonas-Regenwald schwindet, Meeresströmungen schwächen sich ab. Diese Veränderungen bringen das globale Klima selbst wiederum in Schieflage. Alles über Kippelemente.

Bleiben Sie zuversichtlich

Ihr Kurt Stukenberg