Christian Stöcker

Guerilla-Journalismus im Fernsehen Der einsame Klimakampf der Wetteransager

Christian Stöcker
Eine Kolumne von Christian Stöcker
Ein Physiknobelpreisträger preist junge Klimaaktivisten, TV-Meteorologen reden immer deutlicher über Extremwetterkatastrophen. Beides hat auch mit dem Versagen öffentlich-rechtlicher Sender zu tun.
»Tagesthemen«-Meteorologe Karsten Schwanke illustriert anhand einer Grafik, wie Extremwetterereignisse bereits seit Jahrzehnten Milliardenschäden verursachen

»Tagesthemen«-Meteorologe Karsten Schwanke illustriert anhand einer Grafik, wie Extremwetterereignisse bereits seit Jahrzehnten Milliardenschäden verursachen

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NUR ALS ZITAT

Lange Zeit galt für Fernsehnachrichten eine einfache, unverrückbare Regel: Am Ende kommen zuerst »weiche« Themen, Kulturelles etwa, dann der Sport – und dann das Wetter. Der Wetterbericht galt stets als das Unpolitischste, das eine Nachrichtensendung zu bieten hat.

Damit ist es vorbei.

Tatsächlich ist der Wetterbericht in vielen Nachrichtensendungen mittlerweile politischer – oder vielmehr: relevanter als weite Teile der übrigen Berichterstattung. Das liegt daran, dass die einst so unpolitischen Wetterleute offenkundig die Nase voll davon haben, dass das wichtigste Thema der Gegenwart auch in den Öffentlich-Rechtlichen oft noch immer wie eine Randnotiz behandelt wird.

Die immer gleiche falsche Frage

Es gibt eine ganze Reihe dieser rebellischen Meteorologen, die ihren Aufgabenbereich deutlich erweitert haben – wohl auch deshalb, weil es eben sonst niemand macht. »Anne Will« fragte noch in der Woche vor der Bundestagswahl »Was ist uns das Klima wert?«, eine im Jahr 2021 eindeutig falsch gestellte Frage, die auch in den drei TV-Triellen jeweils einen unrühmlichen Auftritt hatte.

Podcast Cover

Der Meteorologe Karsten Schwanke zeigte dann diese Woche während des »Tagesthemen«-Wetterberichts eine Grafik, die diese Frage ad absurdum führt: Sie zeigt, dass Extremwetterereignisse, die Milliardenschäden verursachen, schon seit den Achtzigern immer häufiger werden, die Abstände zwischen ihnen immer kleiner.

Die korrekte Frage lautet eben längst: »Was kostet uns die Klimakrise, wenn wir nicht endlich handeln?« Aktueller Anlass war dieses Mal die Regenkatastrophe in Ligurien, wo an einem Tag so viel Wasser vom Himmel fiel wie sonst in Hamburg in einem ganzen Jahr. Eine von bekanntlich vielen wetterbedingten Katastrophen dieses Jahr.

Regenschirm oder Sonnencreme – das war einmal

Herkömmliche Wetterberichte wirken derzeit oft ein bisschen seltsam. Wenn jemand vor der Kamera zum Beispiel versuchen muss, von verheerenden Bränden im ganzen Mittelmeerraum einen eleganten Bogen zu der Frage zu schlagen, ob »in Süddeutschland noch einmal der Sommer zurückkommt«.

Das Wetter an sich ist jetzt politisch, denn es ist immer ein Hinweis auf eine existenzielle Bedrohung. Das Fernsehen aber versucht oft, diesen Umstand weiterhin auszublenden.

Man könnte das, was diverse TV-Meteorologen deshalb mittlerweile machen, Guerilla-Wissenschaftsjournalismus nennen: Der Wetterbericht, in dem es doch eigentlich früher nur um die Frage ging, ob man morgen einen Regenschirm oder Sonnencreme braucht, ist jetzt der Klimabericht. Nicht zuletzt deshalb, weil das wichtigste aller Themen, die Zukunft der Menschheit, anderswo im Programm weiterhin nicht die angemessene Aufmerksamkeit, Zeit und Tiefe bekommt.

Attacken auf die Überbringer der Botschaft

Karsten Schwanke ist nicht der einzige, der Guerilla-Klimajournalismus betreibt. Ein weiterer auffälliger Vertreter des Genres ist sein ZDF-Kollege Özden Terli. Schon seit einiger Zeit macht Terli in seinen Wetterberichten »Volkshochschule« zur Klimakrise, wie der »Tagesspiegel« das einmal formulierte. Er wird dafür angefeindet und diffamiert . Klimawandelleugner schreiben gern wütende Briefe an echte oder vermeintliche Vorgesetzte von Leuten, die ihnen nicht passen. Das ist in einem öffentlich-rechtlichen Apparat sicher nicht immer angenehm.

Ähnliche Attacken treffen alle, die sich erdreisten, schlichte wissenschaftliche Tatsachen zum Thema Klimakrise öffentlich kundzutun. Auch Sven Plöger (ARD), noch einer, der seine Wetterberichte immer wieder für Klimaaufklärung benutzt, wird seit Jahren diffamiert. Es gibt YouTube-Videos, in denen er mit anmontierter Pinocchio-Nase dargestellt und der »Klimalüge« bezichtigt wird.

Aggressive, wissenschaftsfeindliche Glaubenskrieger

Plöger hat ein Buch über die Klimakrise geschrieben, auch Schwanke weist als Autor, Talkshowgast und Protagonist von Erklärvideos wieder und wieder auf die drohende Katastrophe hin, Terli engagiert sich bei den Scientists for Future. Das macht Leute wie sie – es gibt noch diverse andere, die drei sind hier nur Stellvertreter – zur Zielscheibe. Noch immer gibt es viele, die die alten Propagandalügen der Öl- und Kohlebranche weiterhin glauben wollen. Aggressive, wissenschaftsfeindliche Glaubenskrieger, die sich im Recht und den Rest der Welt im Unrecht wähnen. Man wird sie auch im Forum zu dieser Kolumne wieder antreffen. Sie treten oft bemerkenswert koordiniert auf, verzerren das Bild des öffentlichen Diskurses, pöbeln und lügen.

Und manche ihrer Antreiber sind schlicht skrupellose aber geschäftstüchtige Verschwörungsunternehmer.

Es gibt in Deutschland Blogs wie die »Achse des Guten«, wo sich solche auf den alten Lügen Hängengebliebene versammeln, einen eigenen Klimaleugner-Buchmarkt mit Titeln wie »Grün und dumm«, Verlage wie den Kopp-Verlag, die den Verschwörungsideologen und Klimawandelleugnern ständig neues Futter liefern, obwohl ihre Beteuerungen mit jedem neuen Extremwetterereignis noch absurder klingen. In Wahrheit hört diesen Leuten kaum noch jemand zu, aber sie sind sehr laut und sehr aggressiv.

Und dann ist da das vermeintliche »Forschungsinstitut« EIKE, das angeblich wissenschaftliche Betrachtungen anstellt, in Wahrheit aber keinerlei Fachpublikationen vorweisen kann, dafür aber beste Beziehungen zu von der Ölindustrie finanzierten Desinformations-Organisationen wie dem sogenannten Heartland Institute . Und zur AfD und dem »Berliner Kreis« der Union.

Der Sumpf, aus dem die Trolle kriechen

Aus diesem Sumpf kommen die aggressiven Briefeschreiber und YouTuber, mit denen sich die Schwankes, Plögers und Terlis des deutschen Fernsehens auseinandersetzen müssen, wenn sie schlichte Fakten über den Zusammenhang von Klima und Wetter referieren.

Ein vielleicht noch größeres Problem aber ist, dass sie das überhaupt tun müssen. Dass der Klimawandel im beitragsfinanzierten Fernsehen im Zweifel im Wetterbericht vorkommt und nicht in jeder einzelnen Nachrichtensendung, jeder Auslandsreportage und jeder zweiten oder dritten Talkshow, das ist das eigentliche Versagen der öffentlich-rechtlichen Sender.

Die Initiative, die nur für einen sehr kleinen Teil des Publikums relevante »Börse vor acht« durch eine wirklich für alle relevante Sendung namens »Klima vor acht« zu ersetzen, hat die ARD bekanntlich abgelehnt. ZDF-Intendant Thomas Bellut sagte zur gleichen Frage: »Klima ist wichtig, aber danach kommt das nächste Thema. Themen ändern sich ständig.«

Die Mutter aller Themen

Dieser letzte Satz reflektiert das Problem, das die Guerilla-Meteorologen anzugehen versuchen: Es ist eben blanker Unsinn, dass das Thema Klima demnächst vom »nächsten Thema« verdrängt wird. Im Gegenteil: Mit jedem Jahr in dieser immer heißer werdenden Welt werden die Extremwetterkatastrophen weiter zunehmen, schnelles Handeln noch dringlicher, die politische Debatte über den richtigen Weg heftiger, die ökonomischen Veränderungen offenkundiger werden. Das unterscheidet das »Thema« Klima von allen anderen, vielleicht abgesehen vom ähnlich bedrohlichen Artensterben.

Es ist die Mutter aller Themen. Und das bleibt auch so, bis wir bei echten, globalen Nullemissionen angekommen sind.

Immerhin gibt es erste Ansätze: Der MDR zum Beispiel hat den Oktober, den Monat vor der globalen Klimakonferenz in Glasgow also, zum »Klimamonat« erklärt  und fährt ein umfangreiches Sonderprogramm. Es wird höchste Zeit für solche Aktionen, aber auch sie reichen nicht aus: Mit der ständigen Abwieglerei, Vertagerei und Ablenkerei – aus vermeintlicher »Neutralität« heraus – muss Schluss sein.

Als der Physiker Klaus Hasselmann diese Woche den Nobelpreis dafür bekam, dass er ein zentrales Klimamodell entwickelt hat, wurde das einmal mehr als »politische Botschaft« des Komitees in Stockholm gewertet. Hasselmann selbst hat sich öffentlich und klar als Unterstützer und Partner der Fridays-for-Future-Bewegung bekannt, denn, so der Nobelpreisträger, »die Jugend« trage das Thema nun endlich in die Öffentlichkeit. Was Hasselmann nur durch die Blume sagte: Sonst macht es ja niemand, obwohl es Leute gibt, deren Job das wäre.

Die meisten Leute, die sich wie er mit dem Thema Klima und dem Thema Wetter seit längerer Zeit professionell beschäftigen, sind zunehmend fassungslos über die fortgesetzte Untätigkeit der Politik, aber auch über die mediale Darstellung des wichtigsten Themas von allen.

Es wäre schön, wenn es bald keinen Klima-Guerillajournalismus mehr bräuchte, weil die Mutter aller Themen endlich die Sendezeit bekommt, die ihr gebührt.

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