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Kurt Stukenberg

SPIEGEL-Klimabericht Das Rekordjahr der Stürme

Kurt Stukenberg
Von Kurt Stukenberg, stellvertretender Ressortleiter Wissenschaft
Noch nie seit Beginn der Aufzeichungen fegten mehr Hurrikans über den Atlantik als in diesem Jahr. Was das mit der Erderwärmung zu tun hat – und was nicht. Der Wochenüberblick zur Klimakrise.

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

vielleicht sollten sich Klimaaktivisten öfter mal mit Franziska Giffey treffen. Die Bundesfamilienministerin macht vor, wie man mit Sprache Politik macht. In Giffeys Amtszeit fallen sowohl das "Gute-Kita-Gesetz" als auch das "Starke-Familien-Gesetz". Man kann die Namen albern oder anmaßend finden, aber sie wirken. Jeder, der über das Vorhaben schreibt oder spricht, ist gezwungen, die Botschaft zu transportieren, die die Familienministerin senden will. Beim Projekt Weltrettung ist das bislang leider nicht geglückt. Erderwärmung, Klimawandel, Nachhaltigkeit – keine gerade mitreißende Terminologie, von "enkeltauglich" ganz zu schweigen.

Um die Dringlichkeit der Klimakrise (schon besser) zu veranschaulichen, fehlt es außerdem bekanntlich an gut verständlichen, sichtbaren Ereignissen, die sich eindeutig der CO2-Verklappung in der Atmosphäre zuschreiben lassen. Der Wald brennt nicht direkt wegen des Klimawandels, sondern die Wahrscheinlichkeit, dass er brennen kann oder die Schwere der Feuer steigen mit zunehmendem globalem Temperaturanstieg an.

Der Klimaforscher James Hansen hat dafür vor einigen Jahren den Begriff der "gezinkten Würfel" aufgebracht. Stellen Sie sich einen Würfel vor, auf dem an drei Seiten statt nur an einer eine Sechs aufgemalt ist. Wenn Sie nun spielen, ist die Wahrscheinlichkeit, eine Sechs zu würfeln, höher als bei einem handelsüblichen Würfel – tatsächlich wissen Sie aber bei jedem einzelnen Mal nicht, ob Sie die Sechs nun erwischt haben, weil das ein manipulierter Würfel ist, oder ob Ihnen das auch unter Normalbedingungen gelungen wäre. Klar ist Ihnen aber, dass die Chancen auf Sechsen erheblich angestiegen sind. Ganz ähnlich verhält es sich auch mit Extremwetterereignissen: Ihre Anzahl oder ihre Intensität steigen zwar an, eindeutig dem Klimawandel zuschreiben lassen sie sich aber jeweils kaum.

In der öffentlichen Diskussion und der medialen Berichterstattung wird auf diesen Umstand seit ein paar Jahren – mit einigen Ausnahmen – aber immerhin verstärkt hingewiesen. Ob die Feuer in Australien im vergangenen Jahr, die Trockenheit in Deutschland oder die verheerenden Brände an der US-Westküste, überall hinterließ der Klimawandel einen Fingerabdruck.

Was hat der Klimawandel mit der Rekord-Hurrikansaison zu tun?

Noch etwas komplizierter wird die Materie bei Hurrikans. Seit dieser Woche steht fest, dass 2020 die stärkste Hurrikansaison seit Beginn der Aufzeichnungen wird. Wissenschaftler hatten schon früh prognostiziert, dass in diesem Jahr besonders viele Tropenstürme über den Atlantik brausen würden, die US-Wetterbehörde NOAA hatte im Mai 19 bis Ende der Saison im November vorausgesagt , tatsächlich sind es bislang 29, der Durchschnitt der vergangenen Jahrzehnte liegt bei 12. Längst sind der Weltorganisation für Meteorologie die Namen für die Stürme ausgegangen, weshalb sie auf Buchstaben des griechischen Alphabets ausgewichen ist.

Dass in einem Jahr, in dem trotz Coronakrise neue Rekordwerte  bei der CO2-Konzentration gemessen wurden, auch die Stürme besonders zahlreich wüten, passt ins Bild – doch der erste Eindruck kann hier täuschen.

Die NOAA führt eine Datenbank  aller Tropenstürme weltweit, die je nach Region Hurrikane, Taifune oder Zyklone genannt werden. In den Trends seit 1980 zeigt sich, dass die heftigen Stürme der Kategorie vier um 60 Prozent, und die der Kategorie fünf sogar um mehr als 100 Prozent zugenommen haben. Die Stürme der schwachen Kategorien werden dafür immer seltener – die Gesamtzahl aller Hurrikane ist demnach nahezu gleich geblieben.

Die Maximalstärke, die ein Hurrikan unter optimalen Bedingungen erreichen kann, liegt aber umso höher, je wärmer das Meerwasser unter ihm ist. Und die Meerestemperaturen steigen bekanntlich weltweit durch die Erderhitzung kontinuierlich an.

Eine gerade in "Nature"  veröffentlichte Studie kommt außerdem zu dem Ergebnis: Wenn tropische Wirbelstürme in Nordamerika auf Land treffen, schwächen sie sich heute deutlich langsamer ab als vor 50 Jahren. Hatten Hurrikans Ende der Sechzigerjahre nach einem Tag an Land durchschnittlich nur noch 50 Prozent ihrer Intensität, so sind es heute 75 Prozent. Den Trend erklären die Wissenschaftler mit der größeren Menge an Feuchtigkeit, die ein Wirbelsturm bei höheren Oberflächentemperaturen der Meere aufnehmen kann. Je höher die Temperatur, desto länger hielt sich ein Wirbelsturm an Land.

Ende der Sechzigerjahre zerfielen tropische Wirbelstürme nach durchschnittlich 17 Stunden an Land, knapp 50 Jahre später waren es 33 Stunden – eine Steigerung um 94 Prozent.

Auch wenn nicht so wie auf den ersten Blick vielleicht vermutet, sind die Effekte des Klimawandels also grundsätzlich auch bei Hurrikans zu beobachten – nicht erst irgendwann in der Zukunft, sondern schon heute. Dabei stellt sich die Frage, warum die Bewegung eigentlich "Fridays for Future" heißt, wenn die Klimakrise schon heute spürbar ist und eher sofort gehandelt werden müsste, anstatt morgen. Franziska Giffey hätte sicher einen passenderen Namen parat.

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Publiziert

Negativer Rückkopplungseffekt im Boden

Der mikrobielle Abbau von organischem Material in Böden gehört zu den wichtigsten natürlichen Treibhausgasquellen. Während bei einem gut belüfteten Untergrund vor allem CO2 freigesetzt wird, ist dies bei feuchten Böden aufgrund des fehlenden Sauerstoffs das deutlich wirksamere Klimagas Methan. Chinesische Forscher berichten nun in "Nature Communications", wie sich verändernde Umgebungstemperaturen auf diesen natürlichen Prozess auswirken. Hierfür haben sie Bodenproben aus Sumpfgebieten im Labor sowohl unter vier Grad Celsius wärmeren als auch kälteren Bedingungen untersucht und dabei festgestellt, dass sich die Methanfreisetzung mit zunehmender Umgebungstemperatur reduzierte. Diesen "negativen Rückkopplungseffekt" führen sie vor allem auf die Veränderung der Mikroben-Zusammensetzung im Boden zurück. Auch wenn noch weitere Analysen notwendig sind, scheint dies doch eine kleine positive Nachricht aus der Klimaforschung zu sein.

"The thermal response of soil microbial methanogenesis decreases in magnitude with changing temperature"
Hongyang Chen, Ting Zhu, Bo Li, Changming Fang & Ming Nie 
Nature Communications (2020) 

Aufgewärmt

  • 1,5 Grad – in der ersten Folge ihres neuen Podcasts spricht Klimaaktivistin Luisa Neubauer mit Stefan Rahmstorf und Jane Fonda ("Spotify") 

  • Selbst wenn die Treibhausgas-Emissionen sofort aufhörten, könnte der Permafrost immer weiter auftauen? Fachkollegen üben harsche Kritik an einer besonders dramatischen Klimaprognose ("Süddeutsche Zeitung") 

  • Interview mit EU-Parlamentarier Rasmus Andresen über Klimaschutz und Biodiversität im neuen EU-Haushalt ("Deutschlandfunk") 

  • Die Arbeit der freiwilligen Wächter der Themenseite Klimawandel bei Wikipedia ("Mashable") 

  • Siemens will weitgehend aus dem Kohle-Geschäft aussteigen ("Reuters") 

  • Mit welchen Stratgien der neue US-Präsident Biden künftig Klimaschutz auf Bundesebene voranbringen könnte ("Washington Post") 

Der Klimabericht - Daten zur Lage des Planeten

Glossar

Permafrost - Kohlenstoffspeicher in Gefahr
In Permafrostböden sind riesige Kohlenstoffmengen gespeichert. Ihr Tauen kann die Klimakrise deutlich verschärfen. Alles, was Sie über Permafrost wissen müssen.

Bleiben Sie zuversichtlich,

Ihr Kurt Stukenberg

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