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Kurt Stukenberg

SPIEGEL Klimabericht Ist das 1,5-Grad-Ziel noch zu schaffen?

Kurt Stukenberg
Von Kurt Stukenberg, stellvertretender Ressortleiter Wissenschaft
In der Wissenschaft mehren sich kritische Stimmen, das Klimaziel von Paris sei kaum noch zu erreichen – wichtig sei es nun, unter zwei Grad zu bleiben. Was folgt daraus? Der Wochenüberblick zur Klimakrise.

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

1,5 oder lieber deutlich unter 2? Ein knappes halbes Grad hat das Zeug für eine Kontroverse in der Klimaszene. Gemeint sind die beiden Temperaturlimits für die Erderwärmung im Jahr 2100 gegenüber vorindustrieller Zeit, die im Klimavertrag von Paris als gerade noch vertretbar vereinbart wurden. Im Team 1,5 spielt die Bewegung um Fridays for Future, die sich von Anfang an für das strengere Klimaschutzziel einsetzt. Auf der anderen Seite des Spektrums stehen die etwas mutigeren Politiker und anderen gesellschaftlichen Akteure, die zuversichtlich sind, dass auch bei einer Erwärmung oberhalb von 1,5 Grad die Erde schon nicht untergehen wird – obwohl mit jeder Nachkommastelle die Risiken schwerer Klimaschäden zunehmen.

Die Debatte über den richtigen Weg beim Klimaschutz hat nun auch die Grünen erreicht. Teile der Basis hatten gefordert, das 1,5-Grad-Ziel zur »Maßgabe« grüner Politik zu machen. Bei ihrem Bundesparteitag am Wochenende konnte die Parteiführung eine Kampfabstimmung gerade noch verhindern. »Es ist notwendig auf den 1,5-Grad-Pfad zu kommen«, lautet nun eine neue Formulierung  im Grünen-Grundsatzprogramm – wirklich festgenagelt hat sich die Partei damit natürlich nicht, mögliche Koalitionsgespräche für eine baldige Regierungsbeteiligung im Bund dürfte das erleichtern.

Zur Fairness gehört: Die Grünen haben sich für einen ähnlichen Text entschieden, wie er auch im Klimaabkommen von Paris zu lesen  ist. Im entscheidenden Passus sagen die Vertragsstaaten zu, die Klimaerwärmung auf »deutlich unter zwei Grad« zu begrenzen und »Anstrengungen« zu unternehmen, die Marke von maximal 1,5 Grad einzuhalten. Das Erreichen des strengeren Ziels ist also eine klassische Absichtserklärung, und auch, was »deutlich unter zwei« überhaupt genau bedeutet, ist nicht abschließend geklärt (mehr zu den unterschiedlichen Folgen einer Erderwärmung um 1,5 oder etwa 2 Grad lesen Sie hier).

Dass die Temperaturdiskussion im politischen Mainstream aber überhaupt geführt wird, ist ein gutes Zeichen. Es ist gar nicht lange her, da redeten sich die Hauptkontrahenten noch die Köpfe darüber heiß, ob der Klimawandel überhaupt ein Problem darstelle und schnelles Handeln nötig mache. Das ist zum Glück vorbei. Die neue Frage nach dem »richtigen« Limit bei der Erderwärmung ist allerdings deutlich schwieriger zu beantworten.

Ist das 1,5-Grad-Ziel noch zu schaffen?

Grundsätzlich gilt: Je weniger die Menschen ihren Planeten aufheizen, desto besser, jedes Gramm weniger CO2 in der Atmosphäre ist ein Gewinn. Doch alle Akteure blicken von der ihnen eigenen Seite auf das Jahrhundertprojekt Klimaschutz: Die Unternehmen wägen ab, welches Veränderungstempo für sie leistbar erscheint, Parteien dagegen prüfen vor allem, wofür sie Mehrheiten sammeln können. Bewegungen wiederum orientieren sich am objektiv oder subjektiv notwendigen (zum Disput zwischen Fridays for Future und den Grünen lesen Sie gern auch die Kolumne  von Peter Unfried). Welches Klimaschutzziel also am ehesten erreichbar – oder »realistisch« – ist, hängt davon ab, wen man fragt.

Auffallend aber ist, dass sich auch in der Wissenschaft die Stimmen derer mehren, die das strengere Limit von 1,5 Grad Erwärmung kritisch sehen, weil es kaum noch erreichbar erscheine. Gerald Haug, Paläoklimatologe und Präsident der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina, sagte vor Kurzem dem SPIEGEL : »Momentan sind wir bei etwa 1,1 Grad globaler Erwärmung, die Luftverschmutzung kühlt etwa 0,35 Grad herunter. Das muss man aufaddieren. Wir sind also de facto schon bei 1,5 Grad. Deshalb ist es jetzt nur noch sinnvoll, auf unter 2 Grad zu kommen.«

Auch der Klimaphysiker Anders Levermann vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) sieht in einem Interview mit der »taz«  die Fixierung auf das 1,5-Grad-Ziel kritisch. So traurig es sei, aber das strengere Pariser Klimaziel sei faktisch bereits gerissen, »selbst wenn wir die derzeitige CO2-Konzentration in der Atmosphäre nicht mehr erhöhen würden, bekämen wir noch wenigstens ein halbes Grad drauf.« Ein weit verbreitetes Missverständnis sei zudem, »dass die globale Erwärmung in eine selbstverstärkende Spirale gerät, wenn wir sie nicht auf 1,5 Grad begrenzen. Davor haben viele Angst, aber das ist nicht der Fall. Deshalb können die Fridays immer noch sagen, dass die Begrenzung auf 1,5 Grad wünschenswert ist, aber sie können nicht sagen, dass die Wissenschaft zwingend 1,5 Grad verlangt.«

Die Aktivisten hatten im Oktober beim Wuppertal Institut eine eigene Studie in Auftrag gegeben, die immerhin belegen sollte, dass Deutschland seinen Beitrag zum Erreichen des 1,5-Grad-Ziels sehr wohl noch leisten könnte, ohne dass Wirtschaft und Gesellschaft kollabierten, mithin, dass Klimaneutralität bis 2035 realistisch sei. Aktuell ist dieses Ziel für 2050 geplant. Brigitte Knopf, Generalsekretärin des Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change (MCC) übte auf Twitter jedoch deutliche Kritik : »Die Studie sagt, dass es zwar ›extrem anspruchsvoll, grundsätzlich aber möglich ist‹. Das wird aber nicht qualifiziert. Nur zu sagen, dass man die Sanierungsrate [bei Gebäuden] von 1 Prozent auf 4 Prozent oder den jährlichen Ausbau der erneuerbaren Energien von 6 Gigawatt auf 25 bis 30 Gigawatt erhöhen muss, hat noch nichts mit Machbarkeit zu tun.«

Es fehle praktisch komplett eine Analyse der ökonomischen Machbarkeit, Kosten und Verteilungsfragen würden zwar angesprochen, aber »auf dieser dürren Basis zu sagen, dass es aus ökonomischer Sicht ›extrem anspruchsvoll, aber machbar‹ ist, halte ich für gewagt«. Persönlich halte sie die in der Studie beschriebenen »notwendigen Umwälzungen für so gigantisch, dass ich ein CO2-neutrales Deutschland 2035 für ›nicht machbar‹ halte.«

Dass die Grünen sich am Wochenende gegen eine deutliche Festlegung auf das 1,5-Grad-Ziel entschieden haben, könnte sich vor diesem Hintergrund noch als klug erweisen. Denn sollten sich die Hinweise verdichten, dass das strengere Paris-Ziel tatsächlich außer Reichweite ist, wird es politisch heikel bis unseriös, weiter dafür zu trommeln. Zumindest das Vorhaben, bei der Erwärmung »deutlich unter zwei Grad« zu bleiben, wird dann umso wichtiger. Ein Freibrief für fossiles Laissez faire ist das Aufgeben von 1,5 Grad jedenfalls nicht, sondern das Gegenteil.

Diese Entwicklung wäre dennoch tragisch, denn noch vor 20 Jahren wäre ein globales 1,5-Grad-Ziel im Vergleich fast ein Spaziergang gewesen: Hätten die weltweiten Emissionen im Jahr 2000 ihren Höhepunkt erreicht, hätten sie ab da um »nur« rund drei Prozent jährlich reduziert werden müssen, ergab  der »Emissions Gap Report 2019« des Uno-Umweltprogramms. Doch die Chance hat die Welt leider verpasst.

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Bleiben Sie zuversichtlich,

Ihr Kurt Stukenberg

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