Streit über Geoengineering Kalter Klimakrieg

Die Klimakrise wird schon bald Kriege befördern - um Wasser, Ackerland und Orte, an denen Menschen ohne Angst vor Naturkatastrophen leben können. Ein noch bedrohlicherer Konflikt könnte in 25 Kilometer Höhe entstehen.

Verbranntes Areal im Amazonas-Gebiet: Krieg, um den Wald zu retten?
Fernando Bizerra/ EPA-EFE/ REX

Verbranntes Areal im Amazonas-Gebiet: Krieg, um den Wald zu retten?

Eine Kolumne von


"Die 150.000 PAX-Soldaten, die aus Kriegsgebieten rund um den Globus abgezogen worden waren, blieben nicht untätig. Präsident Nissen schickte sie nach Brasilien, um die sterbenden Reste des Amazonas-Regenwaldes zu umstellen und zu beschlagnahmen."

Frank Miller und Dave Gibbons, "Liberty" (1990)

Der Krieg um den Regenwald wird mit schweren und seltsamen Waffen ausgetragen. Gigantische Kampfroboter in Gestalt übergewichtiger Kinder stampfen durch den Dschungel, in einer Hand einen riesigen Burger, in der anderen einen monströsen Softdrink. Gelegentlich setzen die Söldner des Konzerns namens "Fat Boy Burger" auch Giftgas ein, das in diesem Konflikt "Special Sauce" genannt wird.

Die Comicreihe über die Soldatin Martha Washington ist eine aberwitzige, kaputte, extrem brutale und rücksichtslose Satire. Es gibt darin korrupte Politiker und Militärs, phallusförmige Weltraum-Laserwaffen, schwule Nazimilizionäre, geklonte Walküren-Spezialkräfte, Kühe mit Sprengstoffgürteln und eine Supermarktkette namens "Behemoth", die radioaktive Hotdogs im Format von Boxsäcken verkauft.

"Liberty" von Frank Miller & Dave Gibbons: Die Zukunft wird Gegenwart
Frank Miller & Dave Gibbons: "Liberty"

"Liberty" von Frank Miller & Dave Gibbons: Die Zukunft wird Gegenwart

Den Autor, Frank Miller ("Sin City", "300"), sehen manche seiner Kollegen heute sehr kritisch. 2011 nannte er die "Occupy Wall Street"-Demonstranten in New York "Abschaum", und "Rüpel, Diebe und Vergewaltiger". Manche seiner finsteren Visionen von vor fast 30 Jahren aber wirken heute beklemmend aktuell.

Es ist nicht so einfach wie im Comic

Tatsächlich konnte man in den letzten Wochen in Internetforen und sozialen Medien vereinzelt die Forderung lesen, man müsse endlich über eine militärische Intervention in Brasilien nachdenken. Krieg, um den Wald zu retten, wie in "Liberty"?

In Wahrheit liegen die Dinge erwartungsgemäß komplizierter als im Comic. Fast ein Viertel der mehr als 1,6 Millionen Tonnen Rindfleisch, die Brasilien 2018 exportierte, ging nach Hongkong, weitere 320.000 Tonnen nach China. Auf Platz drei der Exportregionen liegt, geht man nach dem Umsatz, die EU.

Es sind also beileibe nicht nur amerikanische Hamburger-Konzerne, die für die Brandrodung der Amazonaswälder mitverantwortlich sind. Und auch die Sojabohnen, für deren Anbau immer mehr Regenwald geopfert wird, verkauft Brasilien vor allem nach China und in die EU. Der Handelskrieg, den US-Präsident Donald Trump angezettelt hat, trägt dazu kräftig bei: Brasiliens Bauern winken noch mehr Exporte nach China.

Kriege aufgrund der Krise, Kriege ums Klima selbst

Einen Krieg um den Rohstoff Regenwald zu führen, wäre angesichts dieser Verflechtungen nicht nur völkerrechtswidrig, zynisch und unmenschlich - es wäre auch absolut sinnlos.

Wenn man Brasiliens Präsidenten Bolsonaro zum Einlenken zwingen will, geht das ausschließlich mit wirtschaftlichem Druck. Ohne die Kooperation Chinas wird es kaum gelingen. Trotzdem wäre es sinnvoll und richtig, das Mercosur-Abkommen zwischen Brasilien und der EU mindestens auf Eis zu legen.

Echte Kriege auslösen oder weiter anfachen wird die Klimakrise trotzdem: Kriege um Wasser, um Ackerland, um Orte, an denen Menschen noch ohne Angst vor ständigen Flutkatastrophen, Monsterstürmen oder Hungersnöten leben können.

Der echte Klimakrieg spielt womöglich in 25 Kilometer Höhe

Der echte Klimakrieg wäre womöglich ein kalter, im doppelten Wortsinn. Um sich vorzustellen, wie es dazu kommen könnte, braucht man sich nur die Bilder anzusehen, auf denen die Zerstörung zu sehen ist, die Hurrikan "Dorian" auf den Bahamas angerichtet hat.

Noch beharrt der US-Präsident auf seiner absurden Position, dass man das mit dem Klimawandel ja gar nicht so genau wisse. Doch jede Wetterkatastrophe, jede Dürre, jeder Flächenbrand und jede Überschwemmung wird die Bevölkerung der USA nach und nach noch mehr davon überzeugen, dass der Präsident und seine Republikaner sie anlügen.

Vielleicht wird es noch ein paar US-Legislaturperioden dauern, aber irgendwann werden die katastrophalen Auswirkungen der menschengemachten Aufheizung der Atmosphäre so unerträglich werden, dass die Regierungen der Supermächte USA und China sich zum Handeln gezwungen sehen. Dann werden sie womöglich auf einen Weg verfallen, über den im Moment viel nachgedacht, aber lieber noch nicht so laut gesprochen wird: aktive Eingriffe ins Erdsystem selbst. Der Vorgang selbst wäre so verrückt, so Science-Fiction-artig, dass er gut ins Universum von Martha Washington passen würde.

Lächerlich billig, sehr riskant

Es würde nur etwa ein bis zwei Milliarden Dollar im Jahr kosten, mit Flugzeugen jedes Jahr etwa eine Million Tonnen bestimmter Aerosole in die Stratosphäre zu sprühen, das haben Forscher von den Universitäten Harvard und Carnegie Mellon sowie Mitarbeiter des Unternehmens Aurora Flight Sciences schon vor Jahren ausgerechnet. Damit könnte man die Erwärmung der Atmosphäre tatsächlich bremsen - solange man mit dem Versprühen der Aerosole nicht aufhört. Der Mechanismus ist bekannt: Als der Vulkan Pinatubo auf den Philippinen im Jahr 1991 eine gigantische Wolke Schwefeldioxid in die Atmosphäre spuckte, kühlte das die Erde vorübergehend messbar ab - um bis zu 0,5 Grad Celsius.

Dieser Effekt ließe sich auch künstlich herstellen. Das aber wäre nur eine temporäre Hilfe und zudem hochriskant. Denn, so schreibt der "Economist"-Redakteur Oliver Morton in seinem Buch "The Planet Remade": Die Stratosphären-Schleier wären "kein Gegengift gegen die Klimaveränderung", sondern lediglich "eine zusätzliche Klimaveränderung". Und die würde ihrerseits nur schwer vorhersagbare Auswirkungen haben - zum Beispiel vermutlich die Niederschlagsmenge auf der Erde verringern.

All das hat übrigens mit "Chemtrails" nichts zu tun - auch wenn die Chemtrails-Verschwörungstheoretiker die entsprechenden Forschungsprojekte selbstverständlich mit Argwohn und Wut beobachten.

Tatsächlich sind viele Wissenschaftler schon seit Jahren damit beschäftigt, entsprechende Berechnungen anzustellen und zu vergleichen. Konkrete Experimente aber beschränken sich bislang auf harmlose Modellversuche.

Die Realität hat die Science-Fiction eingeholt

Was aber, wenn etwa die USA und China sich nicht einig werden sollten, wie weit man wirklich am globalen Thermostat drehen möchte? Was, wenn mehrere Staaten sich selbst das Recht einräumen, mit eigenen Aerosol-Sprühflugzeugen ins Klimageschehen einzugreifen, in Konkurrenz zueinander?

Dass die Idee vom Kalten Krieg in der Atmosphäre gar nicht so abwegig ist, zeigt ein Faktum, das Morton in seinem Buch fast beiläufig erwähnt: Der Nationale Forschungsrat der USA hat schon 2015 zwei große Überblicksberichte über die Möglichkeiten und Risiken des Klima-Geoengineerings veröffentlicht. Und was jetzt kommt, könnte wieder aus einem Comic von Frank Miller stammen.

Die Studien wurden, glaubt man Morton, von der gleichen Institution "in Auftrag gegeben und zum Großteil finanziert": der CIA.

Korrektur: In einer früheren Version war zu lesen, dass sich der Vulkan Pinatubo auf Indonesien befinde, tatsächlich steht er auf den Philippinen. Wir haben den Fehler korrigiert.



insgesamt 88 Beiträge
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HH1960 08.09.2019
1. Das kommt!
Es ist vordergründig einfacher und viel billiger als jetzt noch etwas gegen die Klimakrise zu tun. Daneben werden die Kosten dann wohl von den Staaten getragen. Welcher Industrielobbyist kann dazu schon nein sagen? Von der Politik brauchen wir uns keine wirksamen Maßnahmen ehoffen, denn die ist ja nicht einmal in der Lage einfachste Dinge in Sachen Klimaschutz umzusetzen. Gaga- Aktivismus wie Subventionen für neue Kühlschränke geht, ernsthafte Maßnahmen sind Fehlanzeige.
cosmopolitan75 08.09.2019
2. Handelsabkommen mit dem Mercosur
Es ist kein Mercosur-Abkommen zwischen Brasilien und der EU geplant, sondern ein Abkommen zwischen der EU und dem Mercosur, in dem Brasilien einer von mehreren Mtgliedsstaaten ist. Ein solches Abkommen ist seit über 20 Jahren in der Pipeline. Auch die Regenwald-Problematik war in dieser Zeit den verhandelnden Regierungen - von rechts bis links und grün - bekannt. Es stellt sich daher die Frage, warum das Abkommen, das in Südamerika schon lange öffentlich diskutiert wird, so urplötzlich in Deutschland in Frage gestellt wird.
brandmauerwest77 08.09.2019
3. Horrorvorstellung
Es ist tatsächlich gruselig, aber wer sollte die USA und die Chinesen im Ernstfall davon abhalten. Wird es, sagen wir mal in 50 Jahren überhaupt noch eine Demokratie in USA geben, wie wird das politische System in China aussehen, wenn man nur mal von den weltpolitischen Hauptplayern ausgeht, aber es gibt ja auch noch andere Grossmächte oder Staaten mit atomarer Bewaffnung. Wird es die UNO noch geben, und wenn, was hat sie noch zu sagen oder werden solche Dinge bis dahin in der UNO entschieden, zu einer Art Weltregierung geworden aufgrund der globalen Bedrohungen ? Die Zukunft der Menschheit jedenfalls wird sich wohl definitiv innerhalb der nächsten hundert Jahre entscheiden. Wenn man bis dahin von unveränderten Zuständen ausgeht wie Sie heute weltweit vorherrschen, sollte man tatsächlich und real Angst um die menschliche Zukunft haben. Sollte es irgendwann Krieg um die letzten verfügbaren Ressourcen geben, dann haben wir tatsächlich die Apokalypse, wie schon in der Bibel vorausschauend beschrieben.
butzibart13 08.09.2019
4. Bäume wachsen nicht in den Himmel
Würden sie das tun, so könnte man solche pflanzen, die hauptsächlich chemische Stoffe wie Pinen oder Myrcen abgeben, also viele Nadelbäume. Diese Stoffe würden dann in der Höhe durch Ozon oxidiert und es entstehen Nukleationskeime für Regen. Es spiegelt die Ozonproblematik wieder, Ozon oben hui, unten pfui. Umgekehrt gehören auf der Erde diese Oxidationsprodukte in die Kategorie Feinstaub und so etwas ist bekanntlicherweise in Städten nicht erwünscht. Für Städte sind solche Bäume weniger geeignet, sondern solche die z. B. Isopren absondern, was nicht zur Bildung von Feinstaub führt. Solche Maßnahmen ersparen uns nicht das Handeln bei der CO2-Problematik.
shrufu 08.09.2019
5.
Es gibt einen nachvollziehbaren Grund warum das nur im Kämmerlein besprochen wird.. auch wenn es kein guter Grund ist.. mit dieser Option werden die sowieso schon kurzfristig denkenden ceos und offensichtlich zu allen bereiten Interessengruppen von fossilen Brennstoffen das Problem als gelöst sehen oder viel zu wenig tun um es zu lösen. Ich würde mich nicht Mal groß wundern wenn sie sabotieren würden bei der Suche nach einer Technologie die ihr Geschäftsmodell in Frage stellt.. immerhin waren sie bisher bereit einen drastischen Klimawandel in Kauf zu nehmen und konnten eine der mächtigsten Organisationen der Welt auf ihre Seite bringen die kein Problem hat durch die Bank fröhlich vor sich hinzulügen und alles aufs Spiel zu setzen, die Republikaner. Ich hoffe die Sicherheitsvorkehrungen beim Iterprojekt sind hoch genug. -nur eine schrille Meinung passend zur Kolumne -
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