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Patrick Mariathasan / DER SPIEGEL

Kurt Stukenberg

SPIEGEL-Klimabericht Die Welt braucht neue Endlager

Kurt Stukenberg
Von Kurt Stukenberg, stellvertretender Ressortleiter Wissenschaft
Von Kurt Stukenberg, stellvertretender Ressortleiter Wissenschaft
Können wir Emissionen nicht einfach verbuddeln statt einsparen? Weil die Zeit drängt, kommt die Debatte über CO₂-Speicher nun wieder auf. Ihr Wochenüberblick zur Klimakrise.

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

ob der Präsident der Vereinigten Staaten wirklich der »mächtigste Mann der Welt« ist, wie es immer heißt, daran darf man zweifeln. Am Mittwoch aber zeigte sich, dass in der Formulierung etwas Wahres steckt: Ein paar wenige Zeilen von Joe Biden, verpackt als executive order , reichten aus, um den zweitgrößten Treiber der Klimakrise zurück in das Abkommen von Paris zu führen. Der Schritt kann in seiner Bedeutung kaum überschätzt werden, denn die weltweiten Klimaziele einzuhalten, wäre ohne einen entsprechenden Beitrag der USA nahezu unmöglich geworden. 

Einer der wahrscheinlich wichtigsten Schritte für erfolgreichen Klimaschutz in dieser Dekade ist damit gemacht. Wo wir aber 2030 oder gar 2050 stehen werden, ist deshalb nicht geklärt. Und das hängt nicht nur an der Frage, wie viele der Versprechen Biden und die anderen Staatschefs tatsächlich umsetzen, sondern auch an den Ankündigungen selbst. 

Macht Biden Ernst, stellt er die Weichen dafür, dass die USA im Jahr 2050 »netto« keine Emissionen mehr ausstoßen. Die EU, China und viele andere Staaten haben Ähnliches angekündigt.

Doch »netto null« Emissionen heißt nicht nichts. In dem Maße, in dem der Druck steigt, Industrien, die Landwirtschaft und die Mobilität rasch zu dekarbonisieren, rücken Möglichkeiten wieder stärker in den Blickpunkt, dies nicht nur über CO -Vermeidung schaffen zu müssen . Hinzu kommt, dass sich gar nicht alle Treibhausgase auf klassischem Wege unterbinden lassen. 

In den kommenden Jahren darf die Menschheit insgesamt noch maximal 400 Milliarden Tonnen CO₂ in der Atmosphäre entsorgen, um die Erde nicht um mehr als 1,5 Grad Celsius gegenüber der vorindustriellen Zeit aufzuheizen. Heute gelangen weltweit pro Jahr etwa 37 Milliarden Tonnen Kohlendioxid in die Atmosphäre. Damit wäre das Budget in zehn Jahren aufgebraucht.

Also suchen Staaten und Unternehmen verstärkt nach Wegen , Emissionen auszugleichen oder deren Weg in die Atmosphäre zu stoppen, etwa in dem sie unterirdisch gespeichert werden, Carbon Capture and Storage (CCS) genannt (mehr über die Projekte in Europa lesen Sie hier ). 

Ideen, wie sich CO₂ einfangen lässt, um Prozesse klimaneutral zu machen oder wie sich gar »negative Emissionen«  erreichen lassen, gibt es theoretisch viele. Sie reichen von der Aufforstung von Wäldern bis hin zu komplexen technischen Lösungen, mit denen CO₂ aus der Luft abgesaugt werden könnte.

Die meisten Ansätze haben vor allem drei zentrale Probleme

  • Es ist unklar, ob sie dazu geeignet sind, Klimagase dauerhaft zu sichern. Undichte unterirdische CO-Endlager würden gespeichertes Kohlendioxid wieder in die Atmosphäre entlassen, der Klimanutzen wäre dahin. Und wie schnell Wälder in Flammen aufgehen können, konnte man im vergangenen Jahr beobachten – natürlich kann dieses Schicksal auch speziell zur CO-Speicherung angelegte Bäume ereilen.

  • Wie der Klimabeitrag von CO-Kompensationsprojekten genau ermittelt wird, ist noch nicht einheitlich geregelt, die Gefahr von Schönrechnerei ist daher groß.

  • Die Kosten pro eingesparter Tonne Klimagas sind bei vielen Ansätzen extrem hoch. Mit Preisen von bis zu 500 Euro und mehr, lohnen sie sich wirtschaftlich (noch) nicht

Klimaschützer befürchten zudem seit Langem, dass technische Ansätze vor allem als Ausrede benutzt werden könnten, weniger Anstrengungen in die Energiewende und die Dekarbonisierung der Wirtschaft zu investieren und fossile Energieträger doch noch etwas länger nutzen zu können. 

Ein besonders frappierendes Beispiel kommt aus den USA . So will das Unternehmen Occidental Petroleum auf Amerikas größtem Ölfeld eine CO-Filteranlage installieren – um mehr Öl fördern zu können. Aus der Luft gefangenes CO₂ soll unterirdisch in alten Öllagerstätten verpresst werden, der Vorgang soll zunächst aber auch dazu genutzt werden, schwer zu erschließendes Öl leichter an die Oberfläche zu befördern. Mit anderen Worten: Oben filtert eine Anlage Klimagas aus der Luft, dieses wird dann unter die Erde gepumpt, um an noch mehr klimaschädliches Öl zu gelangen, das bei der Verbrennung wiederum Klimagas freisetzt. Die Anlage soll 2023 ihren Betrieb aufnehmen und bis zu einer Million Tonnen CO₂ pro Jahr einfangen.

Modellierung einer CO₂-Filteranlage von Carbon Engineering

Modellierung einer CO₂-Filteranlage von Carbon Engineering

Foto: Carbon Engineering / youtube

Für das Image technischer Klimalösungen sind Projekte wie dieses schlecht, bestätigen sie doch Klischees über die fossile Energiewirtschaft. Das wäre zu verschmerzen, wenn nicht schon heute klar wäre, dass wir die Technik für den Klimaschutz wohl dringend brauchen werden.

Viele Klimagase – sei es in der Stahlindustrie, der Landwirtschaft oder im Flugverkehr – lassen sich nicht komplett oder nicht schnell genug vermeiden, um die Klimaziele zu erreichen, für diese Emissionen müssen sehr wahrscheinlich Lagerstätten gefunden werden. 

Auch der Weltklimarat IPCC hat in seinem Bericht  darüber, wie das 1,5-Grad-Ziel erreicht werden kann, CCS eine fundamentale Rolle zugesprochen: Bis 2100 sollen um die 700 Milliarden Tonnen CO₂ eingelagert werden – das ist mehr, als alle Länder aktuell in 15 Jahren emittieren. Schon 2015 kam eine Studie  zu dem Ergebnis, dass negative Emissionen sogar dann gebraucht würden, wenn die Erderwärmung nur auf unter zwei Grad begrenzt werden solle. 

Konventionelle Klimaschutzmaßnahmen zur Emissionsvermeidung wie erneuerbare Energien oder Energieeffizienz seien allein nicht genug für Netto-Null, schrieben Oliver Geden und Felix Schenuit von der Stiftung Wissenschaft und Politik in einer Studie im Mai. Um unvermeidbare Restemissionen auszugleichen, müssten auch unkonventionelle Maßnahmen zur Entnahme von CO₂ aus der Atmosphäre eingesetzt werden – »im Umfang von mehreren Hundert Millionen Tonnen pro Jahr«. Zum Vergleich: Deutschland emittierte 2019 gut 800 Millionen Tonnen Treibhausgase.

Professor Stuart Haszeldine von der Universität Edinburgh wurde vergangene Woche gegenüber dem »Observer«  noch etwas deutlicher: »Wenn wir irgendeine Chance haben wollen, die Erderwärmung auf unter zwei Grad zu stabilisieren, müssen wir dringend Wege finden, wie wir CO₂ einfangen und unterirdisch lagern können.« 

Auch wenn bislang unklar ist, ob und in welchem Umfang das gelingen kann, führt an »negativen Emissionen« wohl kein Weg vorbei, wenn wir die Paris-Beschlüsse ernst nehmen. Das bedeutet auch, dass bei Klimaversprechen wie dem von Joe Biden, aber auch ähnlich lautenden Ankündigungen von Unternehmen künftig viel genauer hingeschaut werden muss, welche Techniken sie dafür einkalkulieren.

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  • Für den Chef der Europäischen Investitionsbank ist die Zeit von Gas als Energieträger vorbei. »Um es zurückhaltend zu formulieren: Gas is over«, sagte Werner Hoyer (»Euractiv«) 

  • Bis Ende des Jahrzehnts muss Europa die installierte Windenergieleistung verdoppeln, um die Klimaziele zu schaffen (Bloomberg) 

  • Trotz des Versprechens auf Klimaneutralität hat die Kohleförderung in China ihren höchsten Stand seit 2015 erreicht (Reuters) 

Der Klimabericht - Daten zur Lage des Planeten

Glossar

Begriff der Woche: Rückkopplungseffekte – wenn Eines zum Anderen führt
Beim Klimawandel sind unzählige Bereiche des Systems Erde betroffen. Diese können sich untereinander beeinflussen und auftretende Effekte verstärken oder abschwächen. Wie funktionieren Rückkopplungseffekte?

Bleiben Sie zuversichtlich

Ihr Kurt Stukenberg