Christian Stöcker

Klimakrise Was Australiens Wahlergebnis mit Psychologie zu tun hat

Christian Stöcker
Eine Kolumne von Christian Stöcker
Eine Kolumne von Christian Stöcker
Australien leidet extrem unter den Auswirkungen der Erderhitzung, wählte aber immer wieder Klimaskeptiker und Abwiegler. Das hat sich nun geändert – und das hat mit einer kognitiven Verzerrung zu tun.
Überschwemmungen im australischen Lismore Ende März diesen Jahres

Überschwemmungen im australischen Lismore Ende März diesen Jahres

Foto: Dan Peled / Getty Images

»Für alle, die Australiens Reaktion auf den Klimawandel von außen betrachten, müssen wir Aussies wie eine Nation von Idioten wirken.«
Der australische Biologe und Zoologe Tim Flannery im »New Statesman«  (2022)

Wir leben in einer Zeit der Paradoxa. Ständig passieren Dinge, die eigentlich logisch unvereinbar sein sollten. Australien ist dafür ein politisches Extrembeispiel. Das aber hat sich dieses Wochenende geändert – Scott Morrison hat seine Wahlniederlage eingestanden und tritt als Parteichef zurück. Das ist ein Gewinn für den ganzen Planeten.

In Australien wütet die Klimakrise schon jetzt auf eine Weise, die für die Bevölkerung des Landes nicht mehr zu ignorieren ist. Gleichzeitig aber regierten seit Jahren Leute, die alles taten, um nichts gegen die Klimakrise tun zu müssen.

Fast wie biblische Plagen

Weltweit für Aufsehen sorgten die gigantischen Buschbrände 2019/2020, die eine Fläche in der Größenordnung Großbritanniens verwüsteten, 34 Menschen und Milliarden Tiere töteten . Auch Menschen, die in Großstädten weit von den Bränden entfernt lebten, litten an der verqualmten Luft, monatelang.

Dieses Jahr erlebten viele in Australien Hitze bis zu 50 Grad Celsius, dann kamen gewaltige Regenfälle und Überschwemmungen. Wieder starben Menschen und zahllose Tiere. »Zuerst haben die Leute monatelang giftigen Qualm, dann Überflutungen samt unausweichlichem Schimmel und gleichzeitig Monate ohne Sonne ertragen«, fasst der eingangs zitierte Wissenschaftler und Sachbuchautor Tim Flannery die Lage zusammen. Dass es dort brennt, ist nichts Neues, aber Frequenz und Ausmaß der Katastrophen nehmen zu . Genauso sieht die Klimakatastrophe aus.

Dass es immer heißer wird, war in Australien schon lange vor 2019 augenfällig. Ebenso wie die Tatsache, dass das Great Barrier Reef die Erhitzung und Versauerung der Ozeane nicht auf die Dauer wird überstehen können. Und trotz alledem hat Australiens Wahlvolk im bisher heißesten Jahrzehnt  des Holozäns wieder dafür gesorgt, dass die klimaskeptischen, kohlefreundlichen Liberalen den Premierminister stellen konnten, zunächst den Klimawandelleugner Tony Abbott , dann den schwerreichen Malcom Turnbull und nach dessen Rücktritt Scott Morrison.

Der Mann mit dem Kohlebrocken

Scott Morrison, der schon einmal einen Klumpen Kohle mit ins australische Parlament gebracht hat , ihn dort triumphierend in die Höhe hielt und erklärte, man solle sich davor doch bitte »nicht fürchten«. Scott Morrison, der während der gigantischen Brände 2019/2020 erst einmal nach Hawaii in den Urlaub flog . Scott Morrison, der Wahlkampf mit der Angst vor den wirtschaftlichen Folgen einer Transformation weg von fossilen Brennstoffen gemacht hat. Immer tatkräftig unterstützt von Rupert Murdochs Medienkonglomerat, von dem sogar ehemalige Premierminister glauben, dass es in Wahrheit darüber bestimmt, wer das Land regiert.

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Paradox ist all das deshalb, weil schon 2020 56 Prozent der Australierinnen und Australier dieser Aussage zugestimmt haben : »Die globale Erwärmung ist ein ernstes und drängendes Problem. Wir sollten jetzt beginnen, etwas dagegen zu unternehmen, selbst, wenn das bedeutsame Kosten verursacht.« Ein Jahr später stimmten dem Satz schon 60 Prozent zu. Bis heute hat Australien aber keinen nennenswerten Plan außer vagen, in ferner Zukunft liegenden CO₂-Zielen.

Lauter Frauen, die die Nase voll haben

Auch Leute, die früher vielleicht die Liberalen gewählt hätten, waren Morrisons Realitätsverweigerung mittlerweile aber so leid, dass sie lieber selbst antraten. 19 Frauen und drei Männer kandidierten als »Unabhängige«, unterstützt von einer Organisation namens Climate 200, die wiederum von dem australischen Unternehmer und Milliardärssohn Simon Holmes à Court finanziert wird. Alle 22 setzen sich für echte Klimapolitik ein, außerdem für Gleichberechtigung der Geschlechter und »Integrität«. Viele sind Quereinsteigerinnen aus der Geschäftswelt oder der Wissenschaft .

Es sieht derzeit danach aus, dass in einem Parlament mit Patt zwischen Liberalen und ohne absolute Mehrheit für die Labor-Partei Unabhängige und Grüne das Zünglein an der Waage werden könnten –, und damit überproportional einflussreich. Ob Labor eine eigene Mehrheit erreicht, war am Sonntagmorgen noch nicht ganz klar. Klar aber war, dass die Unabhängigen mindestens neun Sitze erreichen konnten, viele davon nahmen sie Morrisons Liberalen ab .

Der alte Trick funktioniert langsam nicht mehr

Australiens Wirtschaft ist mehr als die vieler anderer Industrienationen vom Export fossiler Brennstoffe, vor allem Kohle und Gas, abhängig. Auch Labor fühlte sich den Kohleregionen lange verbunden, ähnlich wie die SPD in Deutschland. Der Trick, den Leuten Angst vor kurzfristigen Problemen zu machen und die langsam heraufziehende Katastrophe gleichzeitig zu leugnen oder zu ignorieren, funktioniert jetzt aber immer schlechter.

Das psychologische Phänomen, das dabei eine zentrale Rolle spielt, ist die Verfügbarkeitsheuristik: Wir haben, kurz gesagt, die Tendenz, Dinge für wahrscheinlicher oder häufiger zu halten, an die wir uns leicht erinnern können. Das hat oft politisch problematische Auswirkungen: Zum Beispiel überschätzen viele Leute hierzulande den Prozentsatz der in Deutschland lebenden Musliminnen und Muslime massiv.

Das ist ein Propagandaerfolg von Thilo Sarrazin, Pegida und der AfD. Das ständige Schwadronieren über die vermeintliche Bedrohung durch den übermächtigen Islam sorgt dafür, dass viele Menschen völlig falsche, völlig überzogene Vorstellungen von der Zahl der Muslime entwickelt haben. Die Schätzungen liegen im Schnitt bei über 20 Prozent Muslimen in Deutschland, die tatsächliche Zahl liegt bei fünf bis sechs Prozent.

»Keine Skeptiker am Feuerwehrschlauch«

Bei der Klimakrise aber spielt die Verfügbarkeitsheuristik der Menschheit in die Hände, obwohl sie zu den sogenannten kognitiven Verzerrungen gehört. Hier ist so eine Verzerrung ausnahmsweise einmal nützlich, denn sie konterkariert klimawandelskeptische Propaganda.

Auch wenn die Abwiegler bis heute versuchen, bei jedem Extremwetterereignis wieder die Unsicherheit über die Frage in den Vordergrund zu stellen, ob das jetzt noch natürliche Schwankungen waren oder schon der Klimawandel ist – das zieht nicht mehr. Der Satz »Es gibt keine Skeptiker am Ende eines Feuerwehrschlauchs«  ist unter australischen Brandbekämpfern schon seit bald zehn Jahren eine Art geflügeltes Wort .

Aber jetzt sind es eben nicht mehr nur die Feuerwehrleute, die persönlich erleben, dass es immer schlimmer wird. Es sind weite Teile der australischen Bevölkerung. Der Kausalzusammenhang zwischen CO₂-Ausstoß, Erwärmung und Extremwetter ist mittlerweile fest in der Mehrheit der Köpfe verankert, Kohlelobbyismus und Murdoch-Propaganda zum Trotz. Ob sich einzelne Ereignisse wirklich wissenschaftlich belastbar, kausal auf die Erwärmung zurückführen lassen, ist mittlerweile weitgehend egal, der Verfügbarkeitsheuristik sei Dank. Viel spricht dafür, dass das Thema Klima Morrison jetzt aus dem Amt gefegt hat.

»Millionen von Australiern haben das Klima nach vorn gestellt«, kommentierte  Amanda McKenzie  vom Australischen »Climate Council« das Wahlergebnis. Der designierte künftige Labor-Regierungschef, Anthony Albanese, der bislang nicht als radikaler Klimavorkämpfer aufgefallen ist, kündigte nach dem Wahlerfolg an, »Australien zu einer Supermacht der erneuerbaren Energien« zu machen. Wenn er im Parlament auf die Grünen und die klimafreundlichen Unabhängigen angewiesen ist, um zu regieren, dürfte ihm die Einhaltung dieses Versprechens wesentlich leichter fallen.

Überraschende Abwahl oder offener Zorn

Bekanntlich erlebt die Welt auch in diesem Jahr wieder eine außerordentliche Häufung von Extremwetterereignissen, von hochsommerlichen Temperaturen, Starkregen- und Sturmereignissen in Deutschland (Tornados !) Mitte Mai bis hin zu Extremhitze und katastrophalen Überschwemmungen  in Pakistan  und Indien.

Irgendwann wird den Leuten rund um den Globus klar werden, dass alle in Politik und Wirtschaft, die all die Jahre abgewiegelt haben, sie aufs Übelste verladen haben.

Die Folge werden mancherorts weitere rapide politische Machtverschiebungen sein – und andernorts offener Zorn.