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Patrick Mariathasan / DER SPIEGEL

Kurt Stukenberg

SPIEGEL Klimabericht Wie sich Bill Gates ein globales Klima-Update vorstellt

Kurt Stukenberg
Von Kurt Stukenberg, stellvertretender Ressortleiter Wissenschaft
Von Kurt Stukenberg, stellvertretender Ressortleiter Wissenschaft
Der Multimilliardär und ehemalige Microsoft-Chef widmet sich dem größten Thema unserer Zeit und hat konkrete Lösungsansätze. Dies und mehr im Wochenüberblick zur Klimakrise.

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Bill Gates ist late to the Party. Aber immerhin hat sein später Beitritt zum Klub der Klimabewegten für Aufsehen gesorgt. Das ist viel wert, denn um Aufsehen für das Thema geht es ja schließlich. Der Multimilliardär hat ein Buch geschrieben , das diese Woche zeitgleich in mehreren Sprachen erschienen ist. Titel: »Wie wir die Klimakatastrophe verhindern«. Flankierend hat er mit diversen internationalen Medien gesprochen und Einblick in seine Ideen zur Rettung des Planeten gegeben.

Man darf sagen, dass die große Aufmerksamkeit sicher mehr mit dem Autor als mit dem Werk zu tun hat: Gates, der über Jahre reichste Mann der Welt, entdeckt jetzt die größte Krise der Welt und präsentiert Lösungen – öffentliches Interesse garantiert.

Die inhaltliche Analyse des einstigen Microsoft-Chefs ist allerdings in vielen Punkten zutreffend:

  • Es reiche nicht, die Klimaemissionen bis zur Mitte des Jahrhunderts möglichst weit zu senken, sagt Gates, nötig sei, netto gar keine Treibhausgase mehr auszustoßen. Er vergleicht das Klima mit einer Badewanne, die auch dann irgendwann überlaufe, wenn der Hahn nur noch ein bisschen tröpfelt.

  • Beim Klimaschutz nimmt die Energiewende des Stromsektors große Aufmerksamkeit in Anspruch, während verhältnismäßig wenig über die Emissionen der Landwirtschaft, der Stahl- und Zementindustrie gesprochen werde, die aber für einen großen Teil der weltweiten Klimagase verantwortlich sei.

  • Verantwortungsbewusster Konsum und Verzicht Einzelner sei zwar löblich, stelle aber keine Lösung  für die Klimakrise insgesamt dar.

Viel lieber aber möchte Gates mit Lösungen durchdringen, denn mit Problemstellungen. Dass er dafür, vorsichtig formuliert, vielleicht nicht der beste Botschafter ist, gibt er zu. Er sei jemand, der große Häuser besitze und in Privatjets fliege, schreibt er  im »Guardian«. »Es fehlt der Welt nicht wirklich an reichen Menschen mit großen Ideen, die anderen sagen, was sie zu tun haben.« Wohl wahr – Gates tut es dann aber natürlich doch.

Mit der persönlichen Glaubwürdigkeit ist es bei ihm so eine Sache: Noch im Januar, wenige Wochen vor Erscheinen seines Buchs über die Klimakrise, soll sich Gates an einem Bieterwettbewerb um »Signatur Aviation« beteiligt  haben, einem Unternehmen, dass Dienstleistungen zur Abfertigung von mehr als 1,6 Millionen Privatjetflügen jährlich anbietet, er selbst zählt wahrscheinlich zu den größten Superemittern der Welt . Und ob er sich wirklich so konsequent von der fossilen Wirtschaft losgesagt hat, bezweifeln  Kritiker.

Die Technik muss es richten

Gates vorzuwerfen, dass er ja selbst gar nicht klimaneutral lebt, ist einfach. Das trifft auf die meisten Superreichen zu. Dabei kann es für die Sache von enormem Vorteil sein, Multiplikatoren wie Gates an Bord zu haben, etwa um nach der Corona-Delle die Klimakrise wieder auf die öffentliche Agenda zu setzen. Bei den Antworten aber, die Gates für die größte Herausforderung dieses Jahrhunderts aufbietet, beschränkt er sich auf Ausschnitte.

Gates' Hoffnungen, das macht er in den Interviews klar, ruhen vor allem auf technischen Innovationen, um die Erderwärmung zu bremsen. Er sei ein Technophiler, sagt er von sich selbst. Zwei Ansätze erwähnt er immer wieder: Neue, hochmoderne Atomreaktoren, die klimaneutralen Strom produzieren sollen und das Verfahren des »Direct Air Capture«, eine Technik, die CO₂ aus der Luft filtern kann.

Die Minireaktoren, in die Gates selbst heftig investiert , haben es bis heute nicht zur Marktreife gebracht, und es ist zweifelhaft, ob sie eines Tages viele Abnehmer finden, wenn die erneuerbaren Energien die Netze dominieren. Aber Gates ist Atomfan. »Wenn wir die Menschen von der Sicherheit überzeugen und die Wirtschaftlichkeit verbessern, könnte das einen großen Beitrag zu einer Lösung des Klimawandels leisten«, erzählte er  der »New York Times«. Der »Zeit« sagte er  jetzt, um Verlässlichkeit in der Stromerzeugung zu gewährleisten, könnte man auch »viele Kernreaktoren rund um die Uhr laufen lassen, unabhängig vom Wetter. Alternativ kann man auch auf Kernfusion setzen.« Eine Klimalösung durch Kernfusion liegt allerdings in noch weiterer Ferne als die Minireaktoren, an denen Gates forschen lässt.

Ähnliches gilt für die CO₂-Fänger, auch die sind Zukunftsmusik: Gates sagt selbst, eine Tonne CO₂ aus der Umgebungsluft zu filtern, kostet um die 600 Dollar, viel zu teuer, um das in großem Maßstab zu tun. Zudem fehlen sichere Endlager  für das abgefangene CO₂.

Beide Argumente würde Gates aber wohl als Bestätigung seines Engagements werten: Technische Innovationen, die auch wirklich funktionieren, sind Mangelware, sie großzumachen, sieht er als seine Aufgabe.

Gates blickt »mehr als ein Ingenieur denn als ein Politikwissenschaftler« auf die Klimakrise, wie er sagt. »Wenn man innovativ sein kann, ohne sich auf politische Fragen einlassen zu müssen, würde ich das immer bevorzugen«, erklärte  er »Technology Review«.

Technologien zu entwickeln, die Durchbrüche bei der Dekarbonisierung ermöglichen könnten, ist richtig. Darin mehr zu investieren auch. Aber jetzt noch einmal zehn Jahre intensiv zu forschen, neue Instrumente dann in einem Zeitraum von 20 Jahren auf den Weg zu bringen, um 2050 klimaneutral zu sein, wie es Gates in »Wired« diskutiert , ist ein riskantes Spiel und kostet Zeit. Und ein Großteil der benötigten Technik gibt es schon: extrem kostengünstige erneuerbare Energien, mit denen sich Stromverbrauch, der Verkehr und auch Teile der Wärmeversorgung klimaneutral bereitstellen lassen, Ideen für Speichertechnologien und intelligente und gut ausgebaute Netze, die beim Überbrücken von Schwankungen helfen. Sogar für die Herstellung von grünem Stahl und nachhaltigem Beton  gibt es Ansätze. Ein hoher CO₂-Preis könnte andere grüne Technologien zudem sehr schnell wettbewerbsfähig machen.

Entscheidend ist jetzt, wie sich die Technik weltweit schnell ausbringen lässt, wie man soziale Schieflagen vermeidet, eine faire finanzielle Lastenteilung hinbekommt und globale Klimagerechtigkeit herstellt. Kurz: Wie man es schafft, dass alle mitmachen. Vielleicht ist das sogar wichtiger, als nach neuesten Innovationen zu schürfen. Die Frage geht aber eher an Geisteswissenschaftler, nicht an Ingenieure.

Transparenzhinweis: Die Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt das Projekt »Globale Gesellschaft« des SPIEGEL über drei Jahre mit einer Gesamtsumme von rund 2,3 Millionen Euro. Mehr dazu lesen Sie hier.

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Multimilliardär Bill Gates: »Es fehlt der Welt nicht wirklich an reichen Menschen mit großen Ideen, die anderen sagen, was sie zu tun haben«

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Publiziert

Die Krux mit der Aufforstung

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»Climate impacts of U.S. forest loss span net warming to net cooling«
Williams et al., 2021
Science Advances 

Der Klimabericht - Daten zur Lage des Planeten

Bleiben Sie zuversichtlich

Ihr Kurt Stukenberg