Foto:

Patrick Mariathasan / DER SPIEGEL

Viola Kiel

SPIEGEL-Klimabericht Fluten, Stürme, Krankheiten – so hart trifft die Klimakrise die Kinder

Viola Kiel
Von Viola Kiel, Redakteurin Wissenschaft
Von Viola Kiel, Redakteurin Wissenschaft
Kinder besitzen keine Ölkonzerne, keine Autos, keine Kohlekraftwerke – trotzdem leiden sie unter der Erderwärmung. Ein Unicef-Bericht zeigt: Eine Milliarde Minderjährige sind bedroht. Der Wochenüberblick zur Klimakrise.

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

in der Debatte über die Klimakrise und die Maßnahmen zu ihrer Bekämpfung geht es auch um Gerechtigkeit. Ist es gerecht, dass ein Zehntel der Menschheit für mehr als ein Drittel der Treibhausgasemissionen verantwortlich ist? Ist es gerecht, dass die Menschen, die kaum selbst zur Erderwärmung beitragen, am meisten unter ihren Folgen leiden?

Diese zweite Frage stellt sich vor allem in einem regionalen Zusammenhang, aber nicht nur.

Ein neuer Bericht des Uno-Kinderhilfswerks Unicef  zeigt nämlich: Die Klimakrise bedroht eine Milliarde Kinder, sie bedroht ihre Gesundheit, ihre Bildung, ihren Schutz. So viele Kinder sind dem Bericht zufolge weltweit »extrem stark gefährdet« – durch Überschwemmungen, Dürre, Feuer und Hitze, durch Krankheiten, die sich ausbreiten, und durch verschmutzte Luft.

1.000.000.000 Kinder.

Veröffentlicht hat Unicef den »Ersten Klima-Risiko-Index für Kinder« an diesem Freitag zusammen mit Fridays for Future.

Der SPIEGEL-Klimapodcast – hier kostenlos abonnieren
Foto:

Pia Pritzel / DER SPIEGEL

»Klimabericht« ist der SPIEGEL-Podcast zur Lage des Planeten. Wir fragen, ob die ökologische Wende gelingt. Welche politischen Ideen und wirtschaftlichen Innovationen überzeugen. Jede Woche zeigen wir, welchen Einfluss die Klimakrise auf unseren Planeten hat und warum wir im spannendsten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts leben.

Spotify , Apple Podcasts , Google Podcasts , RSS-Feed 

Daran, dass die Welt heute so ist, sind die Kinder aber nicht schuld. Kinder besitzen keine Ölkonzerne und keine Autos mit Verbrennungsmotor, Kinder betreiben keine Kohlekraftwerke, unternehmen keine Geschäftsreisen und kaufen sich selten ein Schnitzel  im Supermarkt. Kinder machen keine Gesetze.

Und doch ist beinahe jedes zweite Kind auf der Welt von den Folgen der Klimakrise betroffen. Konkret heißt es in dem Bericht:

  • Knapp 600 Millionen Kinder sind von Überschwemmungen betroffen, 240 Millionen davon in Küstenregionen, 330 Millionen an Flüssen.

  • Weltweit sind 400 Millionen Kinder von Wirbelstürmen betroffen.

  • Für 600 Millionen Kinder besteht ein hohes Risiko, dass sie sich mit Krankheiten infizieren, die in Folge der Erderwärmung häufiger werden, wie zum Beispiel Malaria.

  • 820 Millionen Kinder sind stark betroffen von Hitzewellen.

  • 920 Millionen Kindern droht Wasserknappheit oder sie erleben sie schon jetzt.

  • 1 Milliarde Kinder ist von extrem hoher Luftverschmutzung betroffen.

Kaum ein Kind auf der Welt ist nicht von mindestens einer dieser klima- und umweltbedingten Gefahren bedroht, zeigt der Unicef-Report. In den am stärksten betroffenen Ländern seien viele Kinder sogar mit mehreren dieser »Schocks« gleichzeitig konfrontiert.

»Der Klimawandel ist zutiefst ungerecht.«

Henrietta Fore, Exekutivdirektorin von Unicef

Die Kinder, die die Klimakrise auf verschiedenen Wegen bedroht, verteilen sich nicht gleichmäßig über den Globus. Am stärksten betroffen sind Kinder in der Zentralafrikanischen Republik, im Tschad, in Nigeria, in Guinea und in Guinea-Bissau – in Staaten auf dem afrikanischen Kontinent. Der Anteil Afrikas am weltweiten Treibhausgas-Ausstoß ist einstellig.

33 Länder identifiziert der Bericht als »extrem risikoreich« – diese 33 Länder verantworten aber nur neun Prozent der weltweiten CO2-Emissionen.

Kinder, die im Tschad aufwachsen, sind von mehreren Auswirkungen des Klimawandels stark betroffen

Kinder, die im Tschad aufwachsen, sind von mehreren Auswirkungen des Klimawandels stark betroffen

Foto: ZOHRA BENSEMRA / REUTERS

»Der Klimawandel ist zutiefst ungerecht. Obwohl Kinder für den Anstieg der globalen Temperaturen nicht verantwortlich sind, werden sie den höchsten Preis dafür zahlen«, sagt auch die Unicef-Exekutivdirektorin Henrietta Fore. Man fordere deshalb Unternehmen und Regierungen auf, ihre Anstrengungen zur drastischen Reduzierung der Treibhausgasemissionen zu beschleunigen.

Kinder sind weniger resilient als Erwachsene

Die genannten Gefahren betreffen natürlich alle Menschen, junge wie alte. Aber, heißt es dazu von Unicef: Kinder seien weniger resilient, weniger widerstandsfähig als Erwachsene. Sie sind insgesamt anfälliger für Temperaturschwankungen und Krankheiten.

Der Deutschland-Chef von Unicef, Christian Schneider, sagt: »Es muss sofort und dringend mehr in die Anpassung der Lebensbedingungen von Kindern an die Veränderungen in ihrer Umwelt investiert werden. Wir müssen ihre Widerstandskraft stärken, indem wir ihre Grundversorgung verbessern.«

Und er sagt auch: Wir müssten den Kindern »ermöglichen, zu verstehen, was mit der Erde passiert – auch, damit sie selbst handeln können.«

Für Ungerechtigkeiten haben Kinder ja meistens ein ganz gutes Gespür.

Wenn Sie mögen, informieren wir Sie einmal in der Woche über das Wichtigste zur Klimakrise – Storys, Forschungsergebnisse und die neuesten Entwicklungen zum größten Thema unserer Zeit. Zum Newsletter-Abo kommen Sie hier.

Die Themen der Woche

Wer die Wahl gewinnt, muss Deutschland retten 
Nach dem aktuellen Bericht der Klimaforscher ist klar: Um die Erwärmung aufzuhalten, bleibt kaum noch Zeit. Der nächste Kanzler wird entweder zum Helden – oder er wird das Scheitern besiegeln.

So genau können Supercomputer die Klimazukunft berechnen 
Mit immer schnelleren Hochleistungsrechnern wie dem »Mistral« in Hamburg simulieren Klimaforscher die kommende Heißzeit. Die Maschinen sind so gut, dass sie genaue Prognosen für einzelne Regionen auswerfen.

»Das ist kein positiver Rekord, sondern ein Problem«
Auf 48,8 Grad stieg das Thermometer diese Woche in Floridia auf Sizilien. Für den erst 24 Jahre alten Bürgermeister der Stadt ist die rekordverdächtige Temperatur vor allem eins: eine Warnung.

Der Kohlepreis schießt hoch – auch wegen des Klimawandels 
Der schmutzige Brennstoff ist derzeit so gefragt und so teuer wie lange nicht. Das liegt an der Rückkehr der energiehungrigen Weltwirtschaft – und an einer Reihe von Extremwetterereignissen.

Wie künstliche Intelligenz die Klimakrise bekämpfen kann
KI unterstützt Forscher, Stadtplaner, Aktivisten, aber auch Unternehmen dabei, Klimaschäden einzudämmen. Algorithmen erkennen Waldzerstörung, reduzieren Emissionen – oder belauschen Tiere im Ozean.

»Einige Städte werden wir aufgeben müssen« 
Hilft am Ende nur militärische Gewalt gegen Klimaverschmutzer? Diese provokante Frage stellte der US-Politologe Stephen Walt. Hier erklärt er, warum der Kampf gegen die Klimakrise nicht vorangeht.

Juli 2021 wärmster Monat seit Beginn der Messungen
Der Juli ist weltweit typischerweise der wärmste Monat des Jahres. Nach 2016, 2019 und 2020 hat sich der Sommermonat in diesem Jahr nach Angaben der US-Klimabehörde »selbst übertroffen« – so heiß war er noch nie.

»Wer im freien Fall auf den Erdboden zurast, sollte nicht über die Kosten für den Fallschirm debattieren«
Der neue Weltklimabericht der Uno warnt vor Wetterextremen, wie wir sie noch nie erlebt haben. Was sollte die Politik jetzt tun? Antworten von Alice Schwarzer, Reinhold Messner, Wolfgang Niedecken und anderen.

Die reichsten zehn Prozent verursachen mehr als ein Drittel der Treibhausgase
Eine kleine Gruppe von Forschern hat den Entwurf für den dritten Teil des Weltklimarat-Reports geleakt. Daraus geht hervor: Verantwortlich für den Großteil der Emissionen sind vergleichsweise wenige Menschen.

»Klimabericht«-Podcast: Wie uns ein wärmerer Planet krank macht
Hitzetote, Pollen, neue Krankheiten: Der Klimawandel wirkt sich auch ganz unmittelbar auf die Gesundheit aus. Was kommt auf uns zu und wie kann man gegensteuern?

Verheerende Waldbrände in Russland breiten sich aus
Sie zerstören Dörfer und vergiften die Bevölkerung mit Rauch: Die Waldbrände in Russland weiten sich massiv aus. Mittlerweile brennt eine Fläche, die so groß ist wie die Schweiz.

Der Klimabericht - Daten zur Lage des Planeten

Bleiben Sie zuversichtlich

Ihre Viola Kiel