Prognose zu Klimazielen Wieso unsere Ernährung zum Problem wird

Klimaschützer schimpfen oft über den Energie- und Verkehrssektor, wenn es um die Erderwärmung geht. Dabei ist es vor allem die Welternährung, die alle Bemühungen zum Klimaschutz zunichtemachen könnte.
Rinderzucht in den USA

Rinderzucht in den USA

Foto: Martin Harvey / Getty Images

Die Bewältigung der Klimakrise stellt die Menschheit vor gewaltige Herausforderungen. Immerhin einigten sich viele Staaten im Klimavertrag von Paris darauf, die Erderwärmung im Vergleich zu vorindustriellen Werten deutlich unter zwei Grad Celsius zu halten. Zudem verpflichten sich die Vertragspartner dazu, Anstrengungen zu unternehmen, sie auf durchschnittlich nur 1,5 Grad zu begrenzen.

Wie das gehen soll, scheint klar: Erhöht sich die Menge an klimaschädlichem Kohlendioxid, erhöht sich auch die Temperatur in der Atmosphäre. Die Menge an CO₂, die die Menschheit in die Luft einträgt, muss also dramatisch reduziert werden. Das scheint zuallererst eine Angelegenheit der Verkehrsplanung, der Industrie und der Energiekonzerne zu sein. Schließlich verursachen Elektrizitäts- und Wärmeerzeugung, wo oft fossile Brennstoffe eingesetzt werden, mehr als 40 Prozent der weltweiten CO₂-Emissionen.

Eine aktuelle Prognose entwirft ein anderes Bild. Demnach werden allein bei der globalen Produktion von Nahrungsmitteln so viele Treibhausgase ausgestoßen, dass diese Emissionsmengen nach aktuellem Stand ausreichen würden, um das 1,5-Grad-Klimaziel zu verfehlen – selbst wenn alle anderen klimaschädlichen Emissionen schnell und vollständig verschwinden würden. Diese düstere Prognose geben Forscher um Michael Clark von der britischen University of Oxford in der Fachzeitschrift "Science" .

Das globale Nahrungsmittelsystem ist für fast ein Drittel der weltweiten Gesamtemissionen von Treibhausgasen, zu denen beispielsweise auch noch Methan und Lachgas gehören, verantwortlich. Zur miserablen Klimabilanz der Branche trägt vor allem die Viehzucht bei. Die Tiere geben bei der Verdauung Methan ab, dazu wird Wald für Weideflächen abgeholzt, der wiederum große Mengen CO₂ bindet. Auch für den Feldanbau werden Flächen gerodet. Dazu verursachen die Produktion und Verwendung von Düngemitteln und die Verbrennung fossiler Brennstoffe in der Lebensmittelherstellung und in den Versorgungsketten Emissionen. Insgesamt wurden durch die Nahrungsmittelproduktion weltweit von 2012 bis 2017 durchschnittlich 16 Milliarden Tonnen Kohlendioxid-Äquivalente pro Jahr freigesetzt.

Hochgerechnet könnten die Emissionen aus dem Nahrungsmittelsystem nach bisherigem Muster von 2020 bis 2100 laut der Studie bis zu 1356 Gigatonnen betragen. Das reicht aus, um zwischen 2051 und 2063 den globalen Temperaturzuwachs von 1,5 Grad zu überschreiten, rechnen die Forscher vor. Bis zum Ende des Jahrhunderts könnte die 2-Grad-Grenze gerissen werden.

Für die Studie berücksichtigten die Forscher verschiedene dynamische Faktoren wie beispielsweise die Entwicklung der Weltbevölkerung und die Zunahmen von Ackerflächen oder Veränderungen bei Ernteerträgen. Auch Schätzungen zu Verlusten durch Lebensmittelverschwendung oder sich verändernde Ernährungsgewohnheiten flossen in die Prognose mit ein.

Unabhängige Forscher beurteilen die Studie positiv. Zwar gibt es wie bei allen Simulationen Unsicherheiten. Aber "die durchgeführten Datenanalysen und Projektionen entsprechen dem Stand des Wissens und sind sehr detailreich dargestellt", sagt beispielsweise der Klimaforscher Klaus Butterbach-Bahl vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT) dem Science Meda Center (SMC).

So sieht es auch Matin Qaim, Experte für Welternährungswirtschaft und Rurale Entwicklung von der Universität Göttingen. Die Studie verwende solide Daten und liefere plausible Ergebnisse. "Dynamische Aspekte wie steigender Lebensmittelbedarf der wachsenden Weltbevölkerung werden in den Simulationen korrekt berücksichtigt."

Es wird eng fürs Klima

Dass es knapp werden würde mit dem 1,5-Grad-Ziel hatten Wissenschaftler schon früher angemerkt. Um das Ziel von Paris zu erreichen, müssten die weltweiten Emissionen von Treibhausgasen innerhalb weniger Jahre massiv verringert werden und bis zur Mitte des Jahrhunderts bei Netto-Null-Emissionen stehen. Aber noch immer liegt die Menschheit beim Ausstoß von klimaschädlichen Gasen viel zu hoch. Im Jahr 2019 wurden global noch 36,7 Gigatonnen CO₂ in die Atmosphäre ausgestoßen – mehr als in jedem anderen Jahr zuvor. Aber in einem Sonderbericht des Weltklimarats IPCC wird das Maximum der Kohlendioxidemissionen mit 420 (1,5-Grad-Ziel) und 1170 Gigatonnen CO₂ (2-Grad-Ziel) angegeben. Nur dann könne man mit einer Wahrscheinlichkeit von 67 Prozent die gesetzten Vorgaben erfüllen.

Die aktuelle Studie zeigt immerhin auch Wege aus der Ernährungskrise auf, die allerdings nicht überraschen. Die meisten Emissionen ließen sich bei einem höheren Fleischverzicht einsparen. Auch weniger Verbrauch von tierischen Produkten wie Milch oder Eier wirkten sich positiv aus. Zusätzlich könnten Landwirte mit Optimierungen von bewährten Methoden gegensteuern und effizienter arbeiten – etwa indem sie gezielter düngen oder ihre Rinder mit Zusätzen im Futter versorgen, die die Methanbildung hemmen.

Rat für alle Verbraucher

Qaim glaubt, dass es für klimafreundlichere Produktion vor allem auch neue Technologien braucht und Gentechnik und Genomeditierung dabei eine Rolle spielen werden. "Diese Technologien ermöglichen hohe und stabile Erträge mit weniger chemischen Inputs", so Qaim zum SMC. "Das bedeutet im Klartext, dass der Ökolandbau mit seinen niedrigeren Erträgen sicher nicht als Patentrezept für den Klimaschutz gelten kann."

Clemens Scheer, ein weiterer Experte vom KIT, sagt, dass "wir als Konsumenten einen Beitrag zum Klimaschutz leisten müssen und der Fleischkonsum in den Industrienationen reduziert werden muss".

Das empfehlen auch die Studienautoren. Und dazu haben sie für alle Verbraucher einen Rat – egal, ob sie Fleisch essen, Vegetarier oder Veganer sind: Denn allein durch die Reduzierung von Lebensmittelabfällen kann jeder einzelne etwas zum Klimaschutz beitragen.

joe
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