Christian Stöcker

Klima und Menschenrechte Die Realität hat einen Lauf

Christian Stöcker
Eine Kolumne von Christian Stöcker
Es gibt eine Verbindung zwischen dem Entwurf des neuesten Klimaberichts und der Diskussion über Regenbogenfarben im Fußball: Realitätsverweigerung hat gerade einen schweren Stand. Zum Glück.
Münchner Allianz-Arena mit Regenbogenbeleuchtung, 30. Januar 2021

Münchner Allianz-Arena mit Regenbogenbeleuchtung, 30. Januar 2021

Foto: Frank Hoermann/SVEN SIMON / imago images

Hier ein paar wissenschaftlich gut abgesicherte Tatsachen:

  • Die Erde ist rund und kreist um eine von vielen Milliarden Sonnen in unserer Galaxis, die wiederum eine von vielen hundert Milliarden Galaxien im bekannten Universum ist .

  • Die Erde ist der einzige uns bekannte Planet, auf dem Leben existiert.

  • Der Mensch ist, wie alle Lebewesen, ein Produkt von Milliarden Jahren fortgesetzter Mutation und Selektion.

  • Es gibt Menschen, und zwar gar nicht wenige, die sich sexuell auch oder ausschließlich von Angehörigen ihres eigenen Geschlechts angezogen fühlen.

  • Es gibt Menschen, die sich mit dem bei ihrer Geburt aufgrund körperlicher Merkmale niedergelegten Geschlecht nicht identifizieren.

  • Die Erdatmosphäre hat sich in den vergangenen etwa zwei Jahrhunderten um etwa 1,1 Grad Celsius erwärmt.

  • Dieser Prozess basiert maßgeblich auf der Tatsache, dass wir Menschen in diesem Zeitraum gewaltige, weiter wachsende Mengen bestimmter Gase in die Atmosphäre entlassen, vor allem Kohlendioxid, aber auch Methan und Lachgas.

  • Die rasante Erhitzung des Planeten wird, wenn sie nicht sehr bald gestoppt wird, weite Teile des Planeten für Menschen unbewohnbar machen.

Diese Fakten haben noch etwas gemeinsam: Viele davon waren lange umstritten, manche sind es bis heute. Oft haben religiöse Organisationen wie die Kirchen dabei eine zentrale Rolle gespielt.

Faktenverleugnungsapparate

Zum Teil ist auch das noch heute so: Die katholische Kirche etwa hat zwar längst akzeptiert, dass die Sonne sich nicht um die Erde dreht, und auch, dass es Homosexualität gibt. Man behält sich aber weiterhin vor, das letztere, eindeutig natürlich entstehende Faktum als »gegen die Natur« zu betrachten. Organisierte Religionen, nicht nur die christliche, gehören zu den wirksamsten Faktenverleugnungsapparaten der Geschichte.

Andere Tatsachen wurden lange eher aus wirtschaftlichen denn aus weltanschaulichen Gründen geleugnet: Die Branchen, die Geld mit der Anreicherung der Atmosphäre mit CO₂ verdienen, haben gewaltige Anstrengungen unternommen, um das Faktum der menschengemachten Erderhitzung zweifelhaft erscheinen zu lassen.

Der Siegeszug der Realität ist längst nicht abgeschlossen

Es gibt, neben dem Zusammenhang mit der Religion, auch einen Zusammenhang zwischen der Verleugnung von Tatsachen und der politischen Einstellung mancher Strömungen, die sich selbst gern »konservativ« nennen. Das global wirkmächtigste Beispiel sind die Republikaner in den USA, deren Faktenaversion sich mittlerweile sogar auf Wahlergebnisse in ihrem eigenen Land erstreckt . Was eigentlich nicht verwundert, wenn man sich klarmacht, dass auch vorher schon etwa 20 bis 30 Prozent aller US-Bürger glaubten, dass Gott den Menschen in seiner gegenwärtigen Form erschaffen hat.

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In Europa ist die Faktenaversion weit weniger ausgeprägt, aber auch hier ist der Siegeszug der Realität in den Köpfen noch lange nicht abgeschlossen.

»Teile der Realität sind optional«

Der Streit über die regenbogenfarbene Beleuchtung des Münchner Fußballstadions in der zurückliegenden Woche ist ein schönes, aber auch ein mahnendes Beispiel für diese Tatsache.

Eine bemerkenswert breite Allianz von Organisationen und Personen erklärte sich da plötzlich demonstrativ solidarisch mit der doch eigentlich längst etablierten Idee, dass die Menschenrechte auch für Menschen mit anderen Geschlechtsidentitäten gelten. Sogar Markus Söder. Das ändert allerdings nichts daran, dass sich gerade die Union noch in jüngster Zeit in der konkreten Gesetzgebung weit weniger »weltoffen«, wie sie das jetzt selbst nennt, gezeigt hat.

»Manche haben die Sorge, dass wir unsere konservative Identität verlieren könnten«, das hat ein für Schwulenrechte einstehendes junges CDU-Mitglied »Bento« vergangenes Jahr gesagt. Für manche ist »konservativ« immer noch gleichbedeutend mit: »Teile der Realität sind optional.«

Da waren sich Religiöse und Kommunisten einmal einig

Viktor Orbán zum Beispiel verfolgt in seinem Land weiterhin konsequent die Fiktion, dass man Homosexualität verhindern kann, indem man jungen Menschen möglichst lang verheimlicht, dass es Homosexualität gibt. Dass weite Teile des übrigen Europa solchen absurden Positionen mittlerweile klar und öffentlich widersprechen, ist – auch – ein weiterer großer Schritt in Richtung faktenbasierte Politik. Und für viele auch ein Schritt in Richtung eines endlich wirklich gleichberechtigten Lebens.

Ich persönlich fände es gut, wenn die Akzeptanz von Tatsachen, egal ob in Sachen Klima oder in Sachen Sexualität und Geschlechtsidentität, Voraussetzung für eine Mitgliedschaft in der Europäischen Union wäre, aber das ist leider aktuell schwierig umzusetzen.

Die bedrohte Männlichkeit machthungriger Männer

Die Verleugnung von Homosexualität und Trans-Identitäten ist eine besonders universelle Ausprägung der menschlichen Realitätsverweigerung. Das war nicht immer so: Im alten Griechenland beispielsweise und auch im alten China waren gleichgeschlechtliche Beziehungen durchaus akzeptiert. Sowohl die monotheistischen Religionen als auch der Kommunismus, egal ob stalinistischer oder maoistischer Prägung, versuchten aber, Homosexualität durch Nicht-wahrhaben-Wollen und Repression zum Verschwinden zu bringen.

Vermutlich hat die lange Zeit so unhinterfragt verbreitete Unterdrückung Homosexueller mehr mit der bedrohten Männlichkeit machthungriger Männer als mit konkreten Weltanschauungen zu tun. Es wäre lächerlich, verursachte es nicht solches Leid.

Beim Klimawandel ist die Sachlage anders: Hier geht es nicht primär um bedrohte Männlichkeit, sondern um bedrohte Geldquellen. Unglücklicherweise stehen diese Geschäftsinteressen im klaren Widerspruch zum Fortbestand der menschlichen Zivilisation.

Man macht sich zunehmend lächerlich

Auch hier aber hat die Realität in den vergangenen Jahren viel Boden gutgemacht, wenn auch sehr spät. Das liegt daran, dass die Folgen der Krise mittlerweile für jeden, der nicht beide Augen verschließt, sichtbar werden. Und daran, dass die Warnungen von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern längst nicht mehr schonend formuliert sind.

»Das Leben auf der Erde kann sich von einem drastischen Klimaumschwung erholen, indem es neue Arten hervorbringt und neue Ökosysteme schafft«, heißt es in der technischen Zusammenfassung des Entwurfs für den nächsten Bericht des Weltklimarats. »Menschen können das nicht.«

Man macht sich zunehmend lächerlich, wenn man solche Tatsachen weiterhin abstreitet. Das ist ein echter Fortschritt.

Die Wirklichkeit hat gerade einen Lauf in den Köpfen der Menschheit. Jetzt muss die Menschheit daraus auch die Konsequenzen ziehen, und zwar sehr schnell.

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