Klima-Vorstoß Medizin von Mustermädchen Merkel

Angela Merkel will die EU auf schärfere CO2-Ziele verpflichten. Europa soll Vorbild für die Welt werden - in Deutschland müsste die Kanzlerin dafür anfangen, doch drohen politischer Widerstand und technische Probleme.

Von Stefan Schmitt


Unter denen, die der Erde einheizen, steht die Bundesrepublik nicht (ganz) vorne. Beim Klimaschutz strebt sie eine Vorreiterrolle an: Angela Merkel will auf dem EU-Gipfel Ende der Woche als EU-weites Sparziel 60 bis 80 Prozent weniger CO2-Ausstoß bis 2050 - verglichen mit dem Jahr 1990 - festklopfen. Im Erfolgsfall will die Bundeskanzlerin im Juni beim G8-Gipfel der führenden Industrienationen für das gleiche Ziel werben.

Windräder vor Braunkohlekraftwerk (in Jänschwalde): "Das Zwei-Grad-Ziel kann europäisch alleine gar nicht erreicht werden"
DPA

Windräder vor Braunkohlekraftwerk (in Jänschwalde): "Das Zwei-Grad-Ziel kann europäisch alleine gar nicht erreicht werden"

"Das würde dem Rat des Weltklimarats entsprechen", sagt Claudia Kemfert, Energie- und Umweltökonomin am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin, zu SPIEGEL ONLINE. Doch die Meldung über Merkels Vorhaben war erst wenige Stunden alt, da dämpfen schon wieder schlechte Nachrichten aus zwei anderen Ländern den aufkeimenden Optimismus:

  • Die USA werden im Jahr 2020 wohl 20 Prozent mehr Treibhausgase in die Atmosphäre pusten als noch 1990. Das zitiert die Nachrichtenagentur AP aus einem internen Regierungspapier.
  • Großbritannien wird sein Ziel verfehlen, seine Treibhausgas-Emissionen bis zum Jahr 2020 um 30 Prozent gegenüber dem Stand von 1990 zu senken, berichtet die Londoner Zeitung "Guardian". Unabhängige Berechnungen am University College London halten eine Reduktion von 12 bis 17 Prozent für realistischer.

Merkel muss also einiges an Überzeugungsarbeit leisten - zumal eine Einigung am Freitag die EU lediglich zum guten Vorbild machen würde. Die Vereinten Nationen halten eine Klimaerwärmung von zwei Grad im globalen Durchschnitt für gerade noch kontrollierbar - alles darüber könnte katastrophale Folgen haben. "Das Zwei-Grad-Ziel kann europäisch alleine gar nicht erreicht werden", sagt Ottmar Edenhofer vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. "Aber für einen G8-Gipfel wäre es ein wichtiger Schritt, die Emissionen bis 2050 oder 2060 um 60 bis 80 Prozent gegenüber 1990 zu senken."

"Nicht realistisch, dass dieses Ziel erreicht wird"

Noch sind die USA das Land mit dem weltweit größten Ausstoß an Treibhausgasen. Sie werden aber voraussichtlich schon 2010 von China überholt. Auch die Emissionen von Brasilien und Indien steigen Jahr für Jahr. Um am Ende des 21. Jahrhunderts nicht über einen durchschnittlichen globalen Temperaturanstieg von zwei Grad Celsius zu kommen, müssten binnen der kommenden zwei Jahrzehnte neben der EU auch Brasilien, China, Indien und die USA in ein System des Emissionsrechtehandels eingebunden werden, glaubt Edenhofer.

Bisherige Reduktionsziele: Minus 50 Prozent bis 2050
DER SPIEGEL

Bisherige Reduktionsziele: Minus 50 Prozent bis 2050

Aber 60 bis 80 Prozent weniger Ausstoß als vor 17 Jahren? "Ich halte es nicht für realistisch, dass dieses Ziel erreicht wird", sagt die Berliner Expertin Kemfert. "Wir haben zur Zeit nicht die nötige Technologie, um diese Einsparung zu erreichen." Gerade seien in Deutschland 26 Kohlekraftwerke in Planung, keines davon könne CO2-neutral sein. "Das Energiesystem ist sehr träge. Man braucht 20 bis 30 Jahre, um das umzustellen."

Edenhofer aber glaubt, dass das Einsparziel von 60 bis 80 Prozent zumindest in Reichweit ist. "Wir haben jetzt schon eine Menge Effizienztechnologien, etwa für Autos und Häuser, die sogar Geld sparen helfen. Bei Wind- und Sonnenkraft sind die nötigen Technologien in Reichweite." Schwieriger sei allerdings die Abscheidung und Lagerung von Kohlestoff etwa aus dem Abgas von Kraftwerken. "Da werden wir erst in 10 bis 20 Jahren wissen, ob das funktioniert", sagt der Forscher vom Potsdam-Institut, das auch die Bundesregierung berät.

Unangenehmer nächster Schritt: Emissionshandel

Kemfert glaubt, dass der Anteil erneuerbarer Energien etwa aus Wind oder Biomasse bis zur Jahrhundertmitte stark zunehmen und die Energieeffizienz deutlich steigen wird.

Doch wenn die Bundesregierung ihren ambitionierten Vorschlag ernst nimmt, steht sie vor einem innenpolitisch brisanten Schritt - beim Emissionshandel. Edenhofer rechnet vor: Im Energiesektor könnte Deutschland auf die Schnelle die CO2-Emissionen von 450 auf 400 Millionen Tonnen jährlich senken. Außerdem müsse auch der Verkehrssektor am Emissionshandel beteiligt werden - und die dafür nötigen Zertifikate endlich versteigert und nicht mehr verschenkt werden.

Gerade davor schreckt die Bundesregierung aber zurück. Wirtschaftsminister Michael Glos (CSU) ist - unisono mit der Energiewirtschaft - strikt dagegen, und sogar sein Umwelt-Gegenspieler Sigmar Gabriel (SPD) gibt sich verhalten: Das würde die Bürger nur zusätzlich belasten. Ohne Auktionen für Verschmutzungszertifikate, finden viele Klimaexperten, kann Deutschland seine Einspar-Ambitionen aber nicht umsetzen. Sollte die deutsche EU-Präsidentschaft also Ende der Woche einen klimadiplomatischen Sieg erringen, könnte dieser in Berlin noch großen Unfrieden stiften.

Und es würde noch nicht einmal ausreichen, wenn Europa in Sachen Emissionshandel mit gutem Beispiel voranginge. Nur einem international funktionierenden Emissionsregime trauen Klimaforscher zu, auch die größten Einheizer zu bändigen. Nur so wäre ein Minus von 60 bis 80 Prozent bei den Emissionen realistisch - wenigstens ungefähr. "Wir wären schon sehr, sehr gut", sagt Claudia Kemfert, "wenn wir bis 2050 ein Minus von 50 Prozent schaffen würden" - das entspricht dem bisherigen Einsparziel der EU.

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DELAN, 06.02.2007
1.
Da melden sich sicherlich gleich ganz viele, die so ein Auto sofort kaufen würde. Es gab solche Autos schon - und zwar aus Deutschland! Aber kaum jemand hat sie gekauft: Der Lupo 3L und der Audi A2, der ebenfalls nur 3l verbrauchte, sind eingestellt worden. Der Audi Q7, ein spritfressender Dinosaurier, verkauft sich wie warme Semmeln. Was wir brauchen, sind nicht andere Autokäufer, sondern ist eine grundlegende Wende in der Energiepolitik. Weg vom Öl, heißt für mich die Devise und da sehe ich kein Land in Sicht. Gruß DELAN
langsamer 06.02.2007
2.
Wer ein "sparsames" Auto kauft, um zu sparen, begeht gleich den ersten Irrtum: die Energiemenge, welche bei der Herstellung eines Autos aufgewendet werden muss, ist viel höher als jene, die dieses Auto jemals bis zu seiner Verschrottung in Form von Kraftstoff verbrauchen wird.
Klo, 06.02.2007
3.
---Zitat von langsamer--- Wer ein "sparsames" Auto kauft, um zu sparen, begeht gleich den ersten Irrtum: die Energiemenge, welche bei der Herstellung eines Autos aufgewendet werden muss, ist viel höher als jene, die dieses Auto jemals bis zu seiner Verschrottung in Form von Kraftstoff verbrauchen wird. ---Zitatende--- Das schreit ja geradezu nach Belegen. Was bitte macht die Herstellung eines Lupo oder Golf zum Energiefresser? Und wieso ist die Herstellung eines 3 Tonnen schweren Maybach da besser? Fragen über Fragen.
Dr.Strangelove, 06.02.2007
4.
Ich erinnere mich noch an meine Suche nach Elektroautos, in die ich in der regel nicht einmal einen Einkauf für 2 Personen bekomme und deren Batterien im Winter nur noch die Hälfte der Energie speichern, weil es für diese weder eine Isolation, noch eine Aufwärmung gibt. Zu sShluss fand ich noch ein experimentelles Fahrzeug mit einer gut isolierten Batterie, die bei 300Grad Celsius Betrieb gefahren wird und im Winter die volle Leistung abgibt. Nur gibt es kein Fahrzeug mit einer solchen Batterie am Markt. Die meisten Bastler haben nicht das Kapital um etwas vernünfitges zu industrialisieren und die Konzerne sind mit sich selbst beschäftigt. Schade eigentlich.
Zeichenkunde, 06.02.2007
5. Umdenken auch von oben
Der Tesla Roadster kostet 100000 ist ein Elektroauto und - ausverkauft. Einfache Logik: Wenn umweltfreundliche Autos nicht aussehen wie Seifenkisten und Alltagstauglich sind (in diesem fall die Reichweite) werden sie auch gekauft. Mein nächstes Wunschauto wäre dann der Loremo. Zweite einfache Logik: wenn der Gesetzgeber beschließt wird auch gehandelt. Siehe Kalifornien: Gesetz da Elektroautos da. Gesetz weg - Autos weg. (Who killed the electrical car) So einfach wäre das!
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