Christian Stöcker

Klimadebatte Spielt dieses Spiel nicht mit!

Nach der absolut berechtigten Kritik an ihrem mutlosen Klimapaket drohen Union und SPD in eine Falle zu tappen: Sich den Attacken gegen die "Fridays for Future"-Bewegung anzuschließen, weil deren Kritik so schmerzt. Das darf nicht passieren.
Ein Mädchen hält in Brisbane, Australien während einer Demonstration ein Schild hoch

Ein Mädchen hält in Brisbane, Australien während einer Demonstration ein Schild hoch

Foto: Dan Peled/ AAP/ DPA

Zu beneiden sind die Politiker der großen Koalition nicht. Da hatten sie sich die Nacht von Donnerstag auf Freitag um die Ohren geschlagen, hatten, wie üblich, ein bisschen etwas hin- und hergeschoben, so dass alle das Gefühl haben konnten, sie hätten ihr Scherflein beigetragen.

Und dann das.

Niemand scheint mit den Plänen des sogenannten Klimakabinetts zufrieden zu sein. Umweltverbände und Wirtschaftswissenschaftler, Klimaforscher und Demonstranten , Kommentatoren nahezu quer durch die Medienlandschaft sind sich einig: Das war nichts.

Der Kern des Kompromisses ist, wie das bei Parteien, die um ihre Wiederwahl fürchten müssen, zu sein pflegt: Wir tun ein bisschen gegen unseren CO2-Ausstoß, aber keine Sorge, lieber Wähler: Du wirst davon gar nichts merken! Nur nicht den "kleinen Mann" verärgern. Auch, wenn man die eigenen Ziele so unmöglich wird einhalten können.

Manche sind durchaus zufrieden!

Angesichts von geschätzten eineinhalb Millionen Demonstranten allein in Deutschland und vielen Millionen rund um den Globus, von Bangladesch bis Uganda, von Tasmanien bis New York, erscheint das arg kümmerlich.

Übrigens stimmt es gar nicht, dass alle mit dem sogenannten Klimapaket unzufrieden sind, im Gegenteil. Gut findet es zum Beispiel der Branchenverband der deutschen Automobilindustrie . Auch in der gut gelaunten Pressemitteilung  des Mineralölwirtschaftsverbandes zum Thema kommen bemerkenswert oft Adjektive wie "positiv" und "erfreulich" vor. Und der Aktienkurs von RWE stieg am Freitag um zwei Prozent. Gut, vielleicht auch wegen der Erneuerbaren-Sparte Innogy, aber sicher auch, weil die Anleger eben Regulierung mit Lenkungswirkung befürchtet hatten, und die blieb ihnen ja erspart.

Die einzigen, die mit dem "Kompromiss" durchaus zufrieden sind, sind also diejenigen, die an der Herstellung von CO2 weiterhin gutes Geld verdienen werden.

Probieren Sie mal das mit George Soros aus

An vielen Stellen vollzieht sich derzeit trotz alledem die Vorbereitung für den großen Klima-Backlash.

Die Partei, deren Kernangebot die Angst vor dem Fremden ist, macht das ja schon länger vor. Zuletzt, als sie, gemeinsam mit ihren publizistischen Helferlein, versuchte, das Narrativ zu platzieren, Greta Thunberg sei eine Marionette "geschäftstüchtiger Hintermänner" und "Banken und Geschäftemachern".

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Es gibt einen einfachen Test, um zu sehen, ob die rechtsradikale Internationale aktuell bei einem Thema schon bei ihrem Lieblingserklärungsmuster für alles, die "jüdische Weltverschwörung", angekommen ist: Indem man das jeweilige Stichwort zusammen mit dem Namen George Soros in eine Suchmaschine eingibt. Probieren sie das mal mit Greta Thunberg aus, Sie werden staunen!

Für den Sprung von Future zu Faschismus reicht schon ein Gerücht

Jetzt aber sickern die Attacken gegen die Klimademonstranten langsam in den nicht rechtsextremen Mainstream ein, und das ist noch viel gefährlicher.

Vergangene Woche erschien zum Beispiel in der "Berliner Zeitung" ein Kommentar mit der Überschrift "Wer nicht mitmacht, hat ein Problem". Darin wird die Behauptung aufgestellt, Schülerinnen und Schüler, die nicht demonstrieren oder streiken wollten, würden ausgegrenzt, unter Druck gesetzt. Garniert war das mit einem absatzlangen Verweis auf Morton Rhues Roman "Die Welle" über ein aus dem Ruder gelaufenes Faschismusexperiment an einer Schule. Der Text gipfelt in der Behauptung, dass am Ende solcher Entwicklungen oft Gewalt stehe.

Die Evidenz für all das: Der elfjährige Sohn eines Freundes sei in der Schule auf eine Lehrerin gestoßen, die auf die Frage, ob man denn mitstreiken müsse, geantwortet habe: "Wenn Dir Deine Zukunft egal ist, dann brauchst Du natürlich nicht hinzugehen." Ja: mit Anführungszeichen.

Ich bilde angehende Journalistinnen und Journalisten aus. Niemand dort käme jemals auf die Idee, auf Basis einer einzelnen, anonymen "Hörensagenquelle," zweimal über Bande, ohne Überprüfung und Konfrontation der kritisierten Person, einen Kommentar zu schreiben. Schon gar keinen, der Schülerinnen und Schüler zu potentiell gewaltbereiten Protofaschisten erklärt, weil sie gerne eine Zukunft haben möchten.

Zur Erinnerung: Die riesigen Proteste mit geschätzt 1,4 Millionen Teilnehmerinnen und Teilnehmern allein in Deutschland verliefen friedlich. Das war rund um den Globus so. Die Polizei etwa in Hamburg hatte vorher noch vor "Unterwanderung durch Linksextreme" gewarnt .

"Neue Formen des Terrors und der Gewalt"

Unter Verzicht auf Evidenz wird derzeit trotzdem nicht nur bei der "Berliner Zeitung" tapfer an dem Narrativ gearbeitet, die "Fridays for Future"-Demonstranten seien getarnte Agenten einer totalitären Ideologie, Stichwort "Klimadiktatur".

Für einen Autor ist das mit der Gewalt schon beschlossene Sache: "Es ist wohl keine allzu gewagte Prognose, dass mit der sog. Klimabewegung neue Formen des Terrors und der Gewalt einhergehen werden." (Der Text ist hier mit Absicht nicht verlinkt, wenn Sie ihn unbedingt lesen wollen, googeln Sie eben).

All das sind Beispiele für das, was schon seit der Zeit der alten Römer ad hominem-Argument genannt wird, mit einem zusätzlichen Schuss Strohmann-Argument: Wenn man in der Sache keine Argumente anzubieten hat, dann attackiert man eben die Person. Und wenn die Person gar keine Angriffsfläche bietet, dann attackiert man eben eine fiktive Version der Person, die angeblich Verwerfliches tut oder plant. Beides ist natürlich in Wahrheit überhaupt kein Argument.

Weder radikal noch totalitär

Das Problem der Kritiker der "Fridays for Future"-Demonstranten ist einfach zusammenzufassen: Deren Forderungen sind gar nicht radikal. Ob in Thailand oder Bangladesch, in Indien oder Australien, die Demonstranten forderten am Freitag vor allem eins: Die Nationen der Welt, 196 plus die europäische Union, haben sich im Pariser Klimaabkommen dazu verpflichtet, die Aufheizung des Erdsystems auf deutlich unter zwei Grad Celsius, am besten nicht mehr als 1,5 Grad zu begrenzen. Mit den Maßnahmen, die derzeit im Gange oder geplant sind, ist das nicht möglich. Das soll sich ändern, schnell.

Oder, ganz kurz: "Fridays for Future" fordert, dass die Regierungen der Welt ihr gemeinsames Versprechen halten.

Diejenigen, die diese schlichte Forderung jetzt jede Woche wiederholen, als bigott, fanatisch, totalitär oder gleich als potentielle Terroristen darzustellen, ist ein Ausdruck des argumentativen Bankrotts. Vereinzelt aber kann man so etwas derzeit aber auch schon von Leuten hören, die etwa den Regierungsparteien nahestehen, im Netz und im persönlichen Gespräch.

Auch wenn die absolut berechtigte Kritik am klitzekleinen Klimapäckchen wehtut: Die Parteien der großen Koalition sollten sich hüten, bei diesem jämmerlichen Spiel auch nur ansatzweise mitzumachen.

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