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James Hansen: Kampf gegen "Game Over"

Foto: ? Darren Staples / Reuters/ REUTERS

Klimaforscher James Hansen Die Nervensäge

Der US-Klimaforscher James Hansen gehört seit Jahren zu den schärfsten Kritikern der Nutzung fossiler Rohstoffe. In einer umstrittenen Personalunion ist er Wissenschaftler und Aktivist zugleich. Mit seinen Thesen verschreckt er auch manche Umweltschützer.

Der Gast reagierte genervt. Als Joe Oliver, Kanadas Minister für natürliche Ressourcen, kürzlich am Centre for Strategic and International Studies in Washington auftrat , wurde er auf einen seiner Gegner angesprochen: den US-Klimawissenschaftler James Hansen. Wieder und wieder hatte dieser Kanada zum Kurswechsel aufgefordert. Es geht um die riesigen Ölsand-Vorkommen in der kanadischen Provinz Alberta . Dort liegen mindestens 170 Milliarden Barrel Öl im Boden - und möglichst viel davon soll durch eine Mega-Pipeline ("Keystone XL") in die USA fließen. Doch Kritiker wie Hansen warnen beständig vor den ökologischen Folgen.

"Übertriebene Rhetorik" und "ganz einfach Nonsens" sei das, konterte Oliver . Der Forscher solle sich angesichts seiner Äußerungen "schämen". Schließlich habe Hansen vor vier Jahren vorhergesagt, dem Planeten drohe der Kollaps ("Game Over"), wenn die Kanadier die Förderung der Ölsande fortsetzten. Doch solche Schreckensszenarien schadeten dem "sehr wichtigen" Kampf gegen den Klimawandel nur, so der Minister.

Solch Rüffel ist James Hansen gewohnt - schließlich gehört der 72-Jährige seit Jahrzehnten zu den schärfsten Kritikern der Nutzung fossiler Rohstoffe. Im heißen Juni 1988 trat er vor dem Energy and Natural Resources Committee des US-Senats auf. Mit "99-prozentiger Wahrscheinlichkeit", so Hansen damals  in seinem Midwest-Akzent, sei die bis dahin beobachtete Erderwärmung nicht mit natürlichen Schwankungen zu erklären.

In einer umstrittenen Personalunion war er seither Wissenschaftler und Aktivist zugleich - und eine Nervensäge im positiven Wortsinn. In seiner Freizeit traf man ihn auf Demos, er ließ sich mehrfach festnehmen. Seine Botschaft: Die Menschheit sei "kurz davor, einen riesigen Fehler zu machen", so drückt Hansen es im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE aus. "Wir sind auf einem Pfad, wo wir das akzeptable CO2-Level deutlich überschreiten." Zumal eine substantielle Menge des bereits emittierten CO2 für Jahrhunderte in der Atmosphäre bleibe.

Kohlenstoffpreis soll stetig steigen

Gerade reist Hansen zusammen dem kanadischen Umweltökonomen Mark Jaccard von der Simon Fraser University durch Europa - um weiter vor fossilen Rohstoffen im Allgemeinen und den Ölsanden im Speziellen zu warnen. Brüssel plant eigentlich, besonders umweltschädlich erzeugten Sprit zu brandmarken. Doch seit mehr als zwei Jahren kommt die entsprechende Richtlinie  nicht recht voran - manch einer argwöhnt, dass das auch am Druck aus Kanada  liegt.

Die EU-Kommission geht davon aus, dass Öl aus den Ölsanden um rund 22 Prozent klimaschädlicher ist als solches aus konventionellen Quellen. Er wird in Europa bisher aber kaum verkauft. Kanadas Regierung verweist darauf, dass die Emissionen pro Barrel bei der Ausbeutung der Ölsande in den vergangenen Jahren dramatisch gesunken sind. Außerdem sollen die - ebenfalls schmutzigen - Kohlekraftwerke im Land nach und nach außer Betrieb gehen. Man tue also sehr wohl etwas fürs Klima.

Hansen fordert dagegen das komplette Aus für die Ölsandförderung - und nicht nur das: "Ein einfacher, steigender Kohlenstoffpreis würde die Ölsande und Kohle einfach aus dem Markt zwingen", sagt er. Für solch eine Abgabe - nicht zu verwechseln mit einem Handelssystem für Verschmutzungsrechte - können sich mittlerweile übrigens sogar einige Konservative in den USA begeistern .

Ein anderer von Hansens Vorschlägen sorgt dagegen selbst bei manchen Umweltschützern für Ablehnung. Denn der Forscher sieht die zumindest in Deutschland verpönte Kernkraft als klimafreundliche Alternative. Staaten wie China, wo man bisher vor allem auf Kohle setzt , bräuchten ganz einfach Atomkraft. Nur so lasse sich die Grundlast im Netz zu befriedigen. Und neuartige Reaktorkonzepte - zum Beispiel Kühlsysteme, die trotz Stromausfalls funktionierten - könnten die Sicherheitsprobleme von AKWs lösen.

Hansen war, wenn nötig, schon immer unbequem. 46 Jahre lang hat er am Goddard Institute for Space Studies der Nasa gearbeitet und zahllose Fachaufsätze veröffentlicht. Dabei setzte er sich auch gegen Gängelungsversuche aus der Politik öffentlichkeitswirksam zur Wehr. So hatte er im Winter 2006 beklagt, die Regierung von George W. Bush versuche, ihn mundtot zu machen: Die Weltraumbehörde widersprach - und ermahnte Hansen, politische Statements in Zukunft den Politikern zu überlassen.

Der Forscher hielt sich nicht daran - auch zum Verdruss einiger Kollegen. Der Physiker Freeman Dyson, ein Kritiker der computerbasierten Klimamodellierung, beklagte  etwa die "ständigen Übertreibungen" Hansens. Die Wissenschaftler Nico Stehr und Hans von Storch kritisierten in einem Gastbeitrag für SPIEGEL ONLINE ebenfalls seine Kassandra-Rufe: "Er hat mit seinen dramatischen Beschreibungen nicht selten Begeisterung ausgelöst, aber dennoch steigen die Emissionen weiter."

"Ich treffe nicht die Entscheidungen"

Probleme mit seiner Doppelrolle als Forscher und Aktivist sieht Hansen dagegen bis heute nicht: "Ich treffe nicht die Entscheidungen, ich liefere die nötigen Informationen." Kürzlich ist er bei der Nasa in den Ruhestand getreten - um sich noch mehr auf seine Rolle als Aktivist zu konzentrieren: "Wenn die Öffentlichkeit die Situation verstehen würde, dann gäbe es auch mehr Unterstützung beim Kampf gegen den Klimawandel."

Auch in Zukunft wolle er Fachartikel produzieren, sagt Hansen. "Wenn ich in der Wissenschaft nicht vorn dabei bleibe, werden Leute nicht auf mich hören." Dabei helfen soll ihm sein Job an der Columbia University, wo er seit 1978 lehrt. In der vergangenen Woche habe die Hochschule das Hansen Climate Change Program aus der Taufe gehoben.

Doch neben dem wissenschaftlichen Nachwuchs liegt ihm die breite Öffentlichkeit am Herzen. Ein Buch hat Hansen schon geschrieben. "Zu technisch" sei das vor vier Jahren erschienene Werk gewesen, sagt der Forscher heute. Deswegen will er sich bald wieder an den Schreibtisch setzen. Der neue Band soll "Sophie's Planet" heißen - und aus einer Reihe von Briefen an seine älteste Enkeltochter bestehen. Zukünftige Generationen dürften mit "unseren Schweinereien" nicht allein gelassen werden, sagt er.

Er wird also weiter nerven. Auch den kanadischen Minister.

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