Klimaforschung in Katar Vorzeigeprojekt kommt kaum voran

Genau ein Jahr ist es her, dass das Emirat Katar und deutsche Klimaforscher die Gründung eines gemeinsamen Instituts bekanntgaben. Doch seit der Ankündigung ist kaum etwas passiert - weil das Land einen Herrscherwechsel verdauen muss, heißt es.

Katars Hauptstadt Doha (im März 2013): Forschungsinstitut mit deutschen Partnern geplant
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Katars Hauptstadt Doha (im März 2013): Forschungsinstitut mit deutschen Partnern geplant

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Als die beiden Herren mit feierlicher Miene zum Stift griffen, schaute ihnen ein hochkarätiges Grüppchen über die Schulter. Vor genau einem Jahr unterzeichneten Faisal Al Suwaidi von der Qatar Foundation (QF) und Hans Joachim Schellnhuber vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) ein Dokument zur Gründung eines klimawissenschaftlichen Forschungsinstituts in Katar. Gäste der Zeremonie waren unter anderem Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon, Chef-Klimadiplomatin Christiana Figueres sowie Katars damalige Herrschergattin Scheicha Musa bint Nasser. Sie ist auch Stiftungsvorsitzende der Qatar Foundation.

Katar sei, so die Scheicha damals, "einzigartig positioniert zwischen dem Norden und dem Süden, dem Osten und dem Westen, den entwickelten Ländern und den sich entwickelnden". Das Land wolle eine wissensbasierte Wirtschaft aufbauen - "und so treffen wir uns heute, um eine neue Partnerschaft anzukündigen, die diese einzigartigen Stärken zusammenbringt für die Erforschung des Klimawandels, Entwicklung und globale Zusammenarbeit." Und auch PIK-Chef Schellnhuber bemühte große Worte. Katar habe erklärt, "die Herausforderungen des Klimawandels anpacken zu wollen - und zwar indem es sich einsetzt für Forschung und faktenbasierte Entscheidungen."

Doch seit der Vertragsunterzeichnung am Rande des Weltklimagipfels vor einem Jahr in Doha ist nicht allzu viel passiert. Das Vorzeigeprojekt ist kaum vorangekommen. "Beide Seiten sind noch in der Konzeptionsphase", erklärt Daniel Klingenfeld, Büroleiter des PIK-Chefs, auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE. Es hätte "bereits eine ganze Reihe von Gesprächen stattgefunden". Man könne aber, da bitte man um Verständnis, aus diesen "laufenden Unterredungen" keine Einzelheiten berichten. Die Qatar Foundation reagierte zunächst nicht auf Anfragen von SPIEGEL ONLINE zum Thema.

Der ursprüngliche Plan sah so aus: In diesem Jahr sollten QF und PIK eigentlich ein Gründungskomitee ernennen. Dieses hätte detaillierte Pläne für die Struktur des Instituts entwickeln und potentiell interessante Wissenschaftler ansprechen sollen. Die Neugründung in Doha, so hieß es bei der Ankündigung, werde an der Kreuzung zwischen Naturwissenschaften und Sozialwissenschaften arbeiten - und sich unter anderem vertieft mit Extrem-Ereignissen, Wasser- und Ökosystemen, Nahrungserzeugung, öffentlicher Gesundheit und nachhaltiger Entwicklung befassen.

PIK-Chef Schellnhuber hatte bei Vertragsunterzeichnung grob geschätzt, dass um die 200 Forscherstellen nötig seien. Derzeit lässt sich nicht klären, ob auch nur eine davon bereits besetzt ist.

Führungspositionen neu besetzt

Für Außenstehende sind die Vorgänge in dem Emirat nicht leicht zu durchschauen. Im Sommer hat Scheich Hamad bin Chalifa die Amtsgeschäfte an seinen Sohn Tamim bin Hamad übergeben. Die absolute Monarchie hat sich große Ziele gesetzt. Die Hauptstadt Doha ist längst zur expandierenden Boomtown in der Wüste geworden.

Das Geld stammt vor allem aus dem Export von verflüssigtem Erdgas. Doch Katar will seine Einkommensquellen diversifizieren und nicht mehr nur als Produzent fossiler Treibstoffe sein Geld verdienen - sondern auch mit Kulturereignissen, Kongressen sowie Sport-Events wie der umstrittenen Fußball WM 2022.

Und - vor allem - mit Forschung und Entwicklung. Laut offizieller Vorgabe fließen 2,3 Prozent des Staatseinkommens in die Wissenschaft. Mit der "Education City" hat die Qatar-Foundation einen beeindruckenden Campus am Rande von Doha aufgebaut. Die Zweigstellen von acht internationalen Universitäten sind auf dem 14-Quadratkilometer-Areal zu Hause. Dazu kommt eine Fakultät für islamische Studien. Außerdem gibt es einen großen Technologiepark.

Doch für das neue Klimaforschungsinstitut scheint nun zumindest ein längerer Atem nötig. PIK-Mitarbeiter Klingenfeld sagt: "Die Umsetzung des Projekts wird möglicherweise etwas längere Zeit benötigen, da Katar gerade einen Regierungswechsel verarbeitet." In der Führung der Qatar Foundation werden jedenfalls derzeit wichtige Posten neu besetzt.

Dass Kooperationsprojekte am Golf freilich nicht immer einfach sind, musste zuletzt der Chef des Doha Centre for Media Freedom erfahren. In dem Zentrum arbeitet die Qatar Foundation unter anderem mit der Organisation "Reporter ohne Grenzen" zusammen. Es geht darum, unabhängigen Journalismus zu fördern. Doch vor wenigen Tagen wurde der niederländische Leiter Jan Keulen vor die Tür gesetzt. Ohne Angaben von Gründen.

Sein Vorgänger Robert Menard, Ex-Chef von Reporter ohne Grenzen, hatte seinen Job im Jahr 2011 freiwillig aufgegeben - weil er sich von den katarischen Gastgebern gegängelt fühlte.

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Seite 1
AnhaltER1960 06.12.2013
1. och nööö
---Zitat--- Es geht darum, unabhängigen Journalismus zu fördern. Doch vor wenigen Tagen wurde der niederländische Leiter Jan Keulen vor die Tür gesetzt. ---Zitatende--- Na, dann ist Herrn Keulen zu wünschen, dass er seinen Pass mit Ausreisevisum ausgehändigt bekommen hat. Sonst müsste er bis zur WM 2020 (!), anderswo Sankt-Nimmerleins-Tag genannt, in Doha versauern.
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