Klimaforschung Kühlt sich die Erde selbst?

Alles halb so schlimm? Wenn es der Atmosphäre zu warm wird, reißt sie einfach die Dachluke auf, und alles wird gut, meint ein angesehener Klimaforscher. Die Erderwärmung, so seine Berechnungen, wird daher marginal ausfallen.


Er gilt als einer der profiliertesten Kritiker der Theorie vom Treibhauseffekt, als einer der wenigen Querdenker, deren wissenschaftliches Know-how unbestritten ist. Jetzt hat Richard Lindzen, Meteorologe am renommierten Massachusetts Institute of Technology abermals zu einem Schlag gegen die etablierten Klimaforscher ausgeholt.

Globaler Thermostat: Wenn es über dem Pazifik zu heiß wird, verschwinden die Wolken
ESA

Globaler Thermostat: Wenn es über dem Pazifik zu heiß wird, verschwinden die Wolken

Demnach könnte ein gewaltiger Thermostat über dem Atlantik immer genauso viel Temperatur ins All entweichen lassen, wie die Erde zum Erhalt ihres klimatischen Gleichgewichts braucht. Trotz einer steigender Kohlendioxid-Konzentration (CO2)würde die Temperatur nach Lindzens Angaben in den kommenden Jahren nur geringfügig steigen. Seine aktuellen Berechnungen, die auf Studien aus dem vergangenen Jahr aufbauen, hat der Wissenschaftler zusammen mit Kollegen des Goddard Space Flight Centers der Nasa in der März-Ausgabe des "Bulletin of the American Meteorological Society" veröffentlicht.

Mit Hilfe von Satelliten hatten die Meteorologen die Oberflächentemperatur im Pazifik zwischen Hawaii und Australien sowie die entsprechende Wolkendecke vermessen. Dabei stieß das Team auf eine Art von Regelkreislauf: Wenn sich die Atmosphäre erwärmt, nimmt die Produktion der Cirruswolken ab. Die isolierende Wirkung der Wolken wird dadurch geringer, eine atmosphärische Dachluke öffnet sich.

Der Effekt ist offensichtlich nicht zu unterschätzen: In der aktuellen Veröffentlichung berichtet Lindzen, dass mit einer Temperaturerhöhung um ein Grad eine 22-prozentige Abnahme der Wolkendecke einhergeht. Während, so der Meteorologe, aktuelle Klimamodelle davon ausgehen, dass die Verdopplung des CO2-Gehalts in der Atmosphäre zu einem Temperaturanstieg um bis zu vier Grad führe, komme man unter Beachtung des Thermostat-Effekts zu ganz anderen Zahlen. Demnach würde der Temperaturanstieg zwischen 0,6 und 1,6 Grad Celsius liegen.

Lindzen warnt davor, voreilige Schlüsse zu ziehen, und kündigt weitere Untersuchungen an. Auch seine Kollegen sind, wie immer wenn der streitbare Meteorologe gängige Theorien in Frage stellt, skeptisch. "Der Fehdehandschuh wurde geworfen", sagte der britische Klimaforscher Tony Slingo gegenüber "Nature Science Update" - und fordert Lindzen auf, seine Pazifik-Studien auf den gesamten Globus auszuweiten.



© SPIEGEL ONLINE 2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.