Revolutionärin der Klimawissenschaft »Nature« nimmt Friederike Otto in Forschungsolymp auf

Jedes Jahr kürt das Fachmagazin »Nature« zehn Menschen, die die Wissenschaft maßgeblich prägen. Auf der Liste findet sich diesmal eine deutsche Klimaexpertin und Begründerin eines neuen Forschungszweigs.
Die deutsche Physikerin Friederike Otto wird von der Fachzeitschrift »Nature« für ihre Arbeit geehrt

Die deutsche Physikerin Friederike Otto wird von der Fachzeitschrift »Nature« für ihre Arbeit geehrt

Foto: Joakim Stahl / SvD / TT / IMAGO

Die traditionsreiche Fachzeitschrift »Nature« ehrt jedes Jahr zehn Menschen, die die Wissenschaft weltweit durch ihr Engagement und ihre Arbeit geprägt und beeinflusst haben. 2021 ist unter den Top Ten eine bekannte Deutsche vertreten: die Klimaforscherin Friederike Otto.

Das Magazin würdigte Ottos Einsatz, den Einfluss der Klimaerwärmung auf bestimmte Wetterextreme zu ermitteln. Otto ist Physikerin. Sie lehrt und forscht am Grantham Institute  des Imperial College London.

Wegen der Klimakrise nehmen Extremwetterereignisse zu

Die Wissenschaftlerin, die in Kiel geboren ist, hat es sich zur Aufgabe gemacht zu berechnen, ob durch die Klimakrise Extremwetterereignisse wie Hitzewellen, Stürme , Fluten oder Dürren wahrscheinlicher werden – und um wie viel. Dafür begründete sie einen neuen Forschungszweig mit: die sogenannte Attributionsforschung.

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Die Methode der Attributions- oder Zuordnungsforschung ist die Statistik. Fachleute vergleichen aktuelle Wetterdaten mit den Daten einer Parallelwelt. Diese Parallelwelt unterscheidet sich nur darin, dass es in ihr keine menschengemachten Treibhausgase gibt. Die Abweichung zwischen den Daten aus unserer Welt und jener Parallelwelt stellt den Beitrag des Klimawandels dar.

Dass die Attributionsforschung eine recht junge Disziplin ist, hat auch einen technischen Grund: Für derartige Berechnungen, die über lange Zeiträume laufen, sind hohe Rechenleistungen notwendig.

Gemeinsam mit dem niederländischen Wissenschaftler Geert Jan van Oldenborgh rief Otto die Initiative der World Weather Attribution  (WWA) ins Leben. Ziel dieser Initiative ist es, »solide Bewertungen der Rolle des Klimawandels nach einem Ereignis zu liefern«. Die WWA konnte in diesem Jahr unter anderem für die Hitzewelle in den USA den Einfluss des Klimawandels nachweisen. Auch die Flutkatastrophe in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen hat die Gruppe untersucht.

Die Kritik von Kollegen – verstummt

Der Ansatz, den Einfluss des Klimawandels auf Wetterextreme rechnerisch bestimmen zu wollen, sei zu Beginn auf Kritik von Kolleginnen und Kollegen gestoßen, heißt es in der Zeitschrift »Nature«. Doch das habe sich geändert. Mittlerweile werde der Ansatz als höchst robust angesehen. Auch im Bericht des Weltklimarates IPCC von August werde der Einfluss der Klimaerwärmung auf Wetterextreme nun als »feststehende Tatsache« genannt.

Diese Wissenschaft, heißt es in der Zeitschrift, habe »das Potenzial, staatliche Maßnahmen voranzutreiben und die Klimagerechtigkeit zu fördern.«

Wenig überraschend war die Coronapandemie für einige der weiteren Ehrungen ausschlaggebend:

  • Zu den zehn Personen, die von »Nature« gewürdigt werden, gehört auch der Bioinformatiker Tulio de Oliveira. Der Direktor der KwaZulu-Natal Research Innovation and Sequencing Platform (Krisp) in Südafrika gilt nicht nur als Mitentdecker der Beta-Variante des Coronavirus, sondern hat sich auch bei der Entdeckung der neuen Virusvariante Omikron  hervorgetan.

  • Die Leiterin von Unaids, dem HIV-Programm der Vereinten Nationen, Winnie Byanyima, wurde ebenfalls geehrt. Sie war als eine führende Kritikerin der wohlhabenden Länder und Pharmaunternehmen aufgetreten, die Forderungen nach einer gerechteren Verteilung von Coronaimpfstoffen ignorierten. Viele Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen waren nicht in der Lage, ihre Bevölkerung zu schützen.

  • Die Epidemiologin Meaghan Kall von der britischen Gesundheitsbehörde habe wissenschaftliche Berichte in leicht verständliche Social-Media-Posts umgewandelt und so dabei geholfen, wichtige Informationen über Covid-19 zu verbreiten.

  • Auch die Leiterin der US-Arzneimittelbehörde FDA, Janet Woodcock, wurde geehrt.

  • Für ihr Engagement gegen die Klimakrise zeichnete »Nature« neben Otto auch die Aktivistin und ehemalige Uno-Sonderberichterstatterin für die Rechte indigener Völker Victoria Tauli-Corpuz aus. Ihr sei es zu einem Teil zu verdanken, dass Staaten große Fortschritte bei der Anerkennung der Bedeutung indigener Völker für den Schutz der biologischen Vielfalt gemacht hätten.

  • Ebenfalls auf der Liste findet sich der Ingenieur Zhang Rongqiao, der Chefentwickler des chinesischen Mars-Programms. Mit seiner Hilfe war es China im Mai gelungen, ein Erkundungsfahrzeug erfolgreich auf dem Mars abzusetzen – nach den USA als zweites Land der Welt.

  • Des Weiteren wurden die KI-Forscherin Timnit Gebru, der Informatiker Guillaume Cabanac und der KI-Forscher John Jumper geehrt.

vki/dpa
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