Klimakrise Liebe Leserin, lieber Leser,


das Öko-Institut, ein anerkannter Zertifizierbetrieb in Fragen der Nachhaltigkeit, hat sich die Mühe gemacht hat, eine "vergleichende Klimabilanz" des Verreisens mit Kleinlastwagen zu errechnen. Es stellte dem Wohnmobil ein überraschend gutes Zeugnis aus. Der CIVD, Lobbyverband der Caravan- und Wohnmobilindustrie, hatte die Studie vor Jahren in Auftrag gegeben und wirbt gern mit den Ergebnissen - gerade zu einer Zeit, da die ganze unheile Welt sich aufmacht, die geschundene Atmosphäre zu päppeln - und sei es mit dem Wohnmobil. Eine Kreuzfahrt, so der CIVD, sei bis zu 6,6-mal so schlimm fürs Klima wie die Reise im mobilen Eigenheim.

Alberto Bernasconi/ laif
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Heft 46/2019
Der Nullzins frisst das Vermögen der Deutschen auf. Was man jetzt tun muss für sein Geld

Den Kreuzfahrer - wie der Wohnmobilist Vertreter eine Boombranche - muss das nicht verdrießen. Ihm haben die Kommunikationsabteilungen der Reedereien schon vergleichbare Rechtfertigungsschablonen zurechtgezimmert. So weist das Unternehmen Aida Cruises darauf hin, dass auf der Fahrt im Massendampfer nur knapp drei Liter Treibstoff pro Passagier und 100 Kilometer verfeuert werden.

Und die Flugreise zum Hafen in der Karibik? Alles halb so wild. Erstens bringt der ökosensible Fernreisende seinen eigenen Trinkbecher mit an Bord, um das Meer nicht mit Plastikmüll zu verunzieren, das er nachher blitzsauber durchkreuzen will. Und außerdem war im Preis des herrlich billigen Flugtickets noch ein grünes Entschuldungszertifikat enthalten zur Finanzierung eines grünen Aufforstungsprojektes, das irgendwo armen Menschen hilft und auch flugs die halbe Tonne Kerosin kompensiert, die ein in die Ferne fliegender Mensch zwischen Start und Landung verbraucht. Das Öko-Institut könnte diesen bizarren Ablasshandel mal gründlich durchleuchten. Fehlt nur noch der Auftraggeber.

Bleiben Sie kritisch auf allen Wegen - auch mit sich selbst!

Herzlich

Ihr Christian Wüst

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Abstract

Meine Leseempfehlungen dieser Woche

  • Forscher erwarten "unsägliches menschliches Leid", wenn sich die Staaten der Welt nicht stärker für den Klimaschutz engagieren.
  • Donald Trump kümmert das nicht. Der US-Präsident findet den Pariser Klimavertrag zu teuer. Dabei ist es viel teurer, nichts gegen die Klimaveränderung zu tun (MIT Technology Review).
  • Fünf Prozent aller menschengemachten Treibhausgase verursacht allein dieses Unternehmen. Christoph Seidler über den wertvollsten Klimasünder der Erde.
  • Hat Ihr Baby auch schon ein iPad? Dann entwickelt sich sein Gehirn womöglich anders als jenes anderer Kinder, schreiben US-Forscher. Die Mindestforderung der Experten: "Screen-free until three" (JAMA).
  • Der neue, smarte Home-Lautsprecher bestellt plötzlich Unterwäsche und teuren Wein? Vielleicht sitzt ja ein Hacker mit einem Laser im Vorgarten (Wired).
  • Kosmische Katzen? Spiegel? Radiowellen? Eine kurze Geschichte der absonderlichen Versuche, mit Außerirdischen zu kommunizieren (Guardian).
  • Nashornhorn ist so begehrt, dass die Nashörner auszusterben drohen. Künstliches Nashornhorn könnte helfen, berichten diese Forscher. Es besteht aus Pferdehaaren (Scientific Reports).

Quiz*

Wer ist oder war Anopheles? Ein Philosoph und Zeitgenosse Platons? Der griechische Finanzminister? Eine Stechmücke?

Was ist "Torschlusspanik"? Die Angst vor Verdummung? Die Furcht, die sichere Stadt nicht mehr vor der Schließung der Stadttore zu erreichen? Die Angst des Torwarts vor dem Elfmeter?

Was ist das Stockholm-Syndrom? Eine besondere Vorliebe für skandinavische Länder? Eine autistische Störung? Ein psychologisches Phänomen bei Geiselnahmen?

* Die Antworten finden Sie ganz unten im Newsletter

Bild der Woche

Pavel Mikheyev/ REUTERS

Affenliebe ist der umgangssprachliche Schmähbegriff für eine infantile, übertrieben emotionale Beziehung. Zoologen ist der Terminus ein Graus, denn die Primaten sind zu ebenso tiefen wie ernsthaften Gefühlsregungen fähig. So umarmt das zwei Monate alte Gibbonbaby Jim in einem Zoo im kasachischen Almaty mit rührender Mimik einen Teddybären.

Fußnote

192 Kilometer neue Straßen werden pro Woche in der Bundesrepublik fertiggestellt. Dem stehen nur 1,3 Kilometer neue Bahnstrecken entgegen, die wöchentlich in Betrieb genommen werden und dabei den allgemeinen Schienenabbau nicht kompensieren können. Seit der Bahnreform 1994, kritisiert das Netzwerk Europäischer Eisenbahnen, seien 5400 Kilometer Schienenstrang stillgelegt worden. Das Straßennetz wuchs derweil um 247.000 Kilometer.

Die SPIEGEL+- Empfehlungen aus der Wissenschaft

  • Botanik: Die Baum-Häuser - ein Architekturprofessor erschafft Bauwerke für die Stadt der Zukunft
  • Luftfahrt: Autonome Flugzeuge - wie gut klappt eine Notlandung mit Captain Computer?
  • Geschichte: Auf abenteuerliche Weise baute ein deutscher Anthropologe vor 200 Jahren eine bizarre Schädelsammlung auf

* Quiz-Antworten: Anopheles ist die Stechm ücke, die die Malaria überträgt. Der griechische Begriff heißt auf Deutsch: "nutzlos, beschwerlich, schädlich". / Der Begriff "Torschlusspanik" stammt aus dem Mittelalter. Er beschreibt die Sorge von Reisenden oder Menschen, die außerhalb der Stadtmauern ihrer Arbeit nachgingen, die sichere Stadt nicht mehr vor dem abendlichen Schließen der Stadttore zu erreichen. / Das "Stockholm-Syndrom" ist das psychologische Phänomen einer überraschend positiven emotionalen Einstellung, die Geiseln gegenüber ihren Geiselnehmern entwickeln können. Der Begriff geht auf die Geiselnahme am Norrmalmstorg vom 23. bis 28. August 1973 in Schweden zurück, bei der genau dies geschah.

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insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
timtom2222 09.11.2019
1.
Stellt auch mal ein Wissenschaftler einen Vergleich auf, der die Industriellen- mit den Privaten Interessen vergleicht? Ich denke die Industrie kann viel mehr für das Klima tun als der kleine Mann. Aber ist ist wie bei den Löhnen, der einfache Angestellte soll verzichten während es in der Chefetage eine 30 Prozentige Lohnerhöhung gibt. Die reichen lachen sich doch über die Co2 Steuer kaputt, während der Normalverdiener sich keinen Urlaub mehr leisten kann. Deshalb macht Herr Trump nicht mehr mit, er suggeriert denn kleinen Mann zu vertreten.
Gluehweintrinker 09.11.2019
2. Privatpersonen wie Industrie benötigen politischen Zwang
Zitat von timtom2222Stellt auch mal ein Wissenschaftler einen Vergleich auf, der die Industriellen- mit den Privaten Interessen vergleicht? Ich denke die Industrie kann viel mehr für das Klima tun als der kleine Mann. Aber ist ist wie bei den Löhnen, der einfache Angestellte soll verzichten während es in der Chefetage eine 30 Prozentige Lohnerhöhung gibt. Die reichen lachen sich doch über die Co2 Steuer kaputt, während der Normalverdiener sich keinen Urlaub mehr leisten kann. Deshalb macht Herr Trump nicht mehr mit, er suggeriert denn kleinen Mann zu vertreten.
Es ist müßig zu diskutieren, ob es nun die böse Industrie sei oder der desinteressierte Privatverbraucher, der sich zu schade für Leitungswasser ist und statt dessen Wasser in Einwegplastik kauft. Es braucht einen politischen bzw. gesetzlichen Zwang zur Nachhaltigkeit. Wenn ich schon dieses Geschwafel von der "Verbotspartei" höre. Verboten ist Vieles, was früher selbstverständlich war. Man konnte einst Kinder verprügeln, in Zügen und Flugzeugen seine Mitreisenden durch die Verbrennung von alten vergammelten Pflanzenresten vergiften, Abwasser in Flüsse einleiten und den Ölwechsel auf dem Acker vornehmen, ohne dass es jemanden interessierte. Und all das wurde verboten wie auch das Fahren ohne Anschnallgurt, und.... wen juckt's heute noch? Genau so selbsverständlich muss es verboten werden, die Atmosphäre mit CO2 und CH4 anzureichern. Nach kurzzeitiger Aufregung wird's auch bald niemanden mehr jucken und die Folgegenerationen werden den Kopf darüber schütteln, dass es enst normal war, für 100 km Transport 10 Liter Minderalöl und mehr zu verbrennen. Entweder entscheiden wir uns politisch für eine Kehrtwende oder die Natur wird eine solche kraftvolle Antwort finden, dass uns unsere heutige Zauderei wie die größte Dummheit der Menschheitsgeschichte vorkommen wird, denn Nichtstun wird nicht nur zu extremen finanziellen Kosten führen, ebenso zu humanitären.
pan-orama 09.11.2019
3. Gut und schön...
Zitat von GluehweintrinkerEs ist müßig zu diskutieren, ob es nun die böse Industrie sei oder der desinteressierte Privatverbraucher, der sich zu schade für Leitungswasser ist und statt dessen Wasser in Einwegplastik kauft. Es braucht einen politischen bzw. gesetzlichen Zwang zur Nachhaltigkeit. Wenn ich schon dieses Geschwafel von der "Verbotspartei" höre. Verboten ist Vieles, was früher selbstverständlich war. Man konnte einst Kinder verprügeln, in Zügen und Flugzeugen seine Mitreisenden durch die Verbrennung von alten vergammelten Pflanzenresten vergiften, Abwasser in Flüsse einleiten und den Ölwechsel auf dem Acker vornehmen, ohne dass es jemanden interessierte. Und all das wurde verboten wie auch das Fahren ohne Anschnallgurt, und.... wen juckt's heute noch? Genau so selbsverständlich muss es verboten werden, die Atmosphäre mit CO2 und CH4 anzureichern. Nach kurzzeitiger Aufregung wird's auch bald niemanden mehr jucken und die Folgegenerationen werden den Kopf darüber schütteln, dass es enst normal war, für 100 km Transport 10 Liter Minderalöl und mehr zu verbrennen. Entweder entscheiden wir uns politisch für eine Kehrtwende oder die Natur wird eine solche kraftvolle Antwort finden, dass uns unsere heutige Zauderei wie die größte Dummheit der Menschheitsgeschichte vorkommen wird, denn Nichtstun wird nicht nur zu extremen finanziellen Kosten führen, ebenso zu humanitären.
Das ist alles gut und schön, was Sie an verboten der Vergangenheit beschrieben haben war auf nationaler Ebene durchaus machbar. Solange Länder wie die USA o. Brasilien offizielle den Rückschritt determinieren helfen nationale Verbote nicht weiter, CO2 macht eben nicht vor der Grenze halt. Darüber hinaus sollte es denn wirklich effektive sein muss das industrielle Wachstum nicht nur auf null gesetzt, sondern rückläufig sein. Das ist aber illusorisch. Man wird also auf die kraftvolle Antwort der Natur, die durchaus kalkulierbar und voraussehbar ist, zusteuern. In der von der FDP propagierten Hoffnung der technischen Lösung aller sich abzeichnenden Desaster.
markx01 11.11.2019
4. Sagen wir so: Es ist im aktuellen Konsumsystem illusorisch.
Zitat von pan-oramaDas ist alles gut und schön, was Sie an verboten der Vergangenheit beschrieben haben war auf nationaler Ebene durchaus machbar. Solange Länder wie die USA o. Brasilien offizielle den Rückschritt determinieren helfen nationale Verbote nicht weiter, CO2 macht eben nicht vor der Grenze halt. Darüber hinaus sollte es denn wirklich effektive sein muss das industrielle Wachstum nicht nur auf null gesetzt, sondern rückläufig sein. Das ist aber illusorisch. Man wird also auf die kraftvolle Antwort der Natur, die durchaus kalkulierbar und voraussehbar ist, zusteuern. In der von der FDP propagierten Hoffnung der technischen Lösung aller sich abzeichnenden Desaster.
Man müsste dann gleichzeitig gewisse Konzepte überdenken bzw. ändern, um überhaupt mal von dem Wachstumszwang oder der gesellschaftlichen Abhängigkeit runterzukommen. Wachstum (Herstellung, Verkauf) = Arbeit (Vollbeschäftigung) = Wohlstand (Konsummöglichkeit aller Art). In dem Sinne müsste man auch Alternativen zulassen. Und man müsste den Beweis führen, dass solche alternativen Ansätze gesellschaftlich funktionieren können. Die Illusion besteht ja auch daran, dass alle Staaten aus Einsicht sofort die Abkehr vom Wachstum ausrufen. Schwierig. Gruß
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