SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

13. Dezember 2018, 08:19 Uhr

Uno-Konferenz in Katowice

Wer ist Klimasünder Nummer eins?

Von

32 Länder sind für insgesamt 80 Prozent der globalen Emissionen verantwortlich. In manchen ist der Pro-Kopf-Ausstoß besonders hoch. Wer führt die schwarze Liste an?

2015 wurde der Vertrag von Paris als Sensation gefeiert. Auf der Uno-Klimakonferenz einigten sich damals 196 Staaten darauf, die Erderwärmung bis 2100 auf "deutlich unter zwei Grad" gegenüber dem vorindustriellen Niveau zu begrenzen. Ein riesiger Erfolg der Diplomatie. Die Sache hat allerdings einen Haken: Die Länder sollen freiwillig Emissionen reduzieren.

Derzeit treffen sich im polnischen Katowice wieder Regierungsvertreter und Klimaforscher auf der weltweit größten Klimakonferenz. Diesmal geht es um technische und juristische Details, die es ermöglichen sollen, den Pariser Vertrag umzusetzen (mehr dazu lesen Sie hier). Gleichzeitig scheint klar: Die großen Versprechen von 2015 sind schwer einzuhalten.

Laut einer Analyse des Climate Action Trackers (CAT) aus dem Dezember 2018 ergreifen von den darin berücksichtigten Staaten nur sieben ausreichende Maßnahmen, um die Erderwärmung laut gängigen Klimamodellen auf unter zwei Grad einzudämmen: Marokko und Gambia liegen demnach auf 1,5-Grad-Kurs. Bhutan, Costa Rica, Äthiopien, Indien und die Philippinen könnten bei unter zwei Grad rauskommen. Auf unter 1,3 Grad dürfte es dagegen kein Land schaffen (siehe Grafik).

Im Climate Action Tracker analysieren mehrere Forschungsorganisationen die Klimaschutzbemühungen von 32 Ländern und Staatengemeinschaften, die insgesamt für 80 Prozent der globalen Emissionen verantwortlich sind. In der Vorhersage, um wie viel Grad die Durchschnittstemperatur nun genau steigt, gibt es - wie bei allen weit in die Zukunft reichenden Prognosen - Unsicherheiten. Deutlich wird aber, wie viel einzelne Staaten im Vergleich unternehmen, um ihre CO2-Emissionen zu senken.

Trump vermiest den USA die Prognose

Ausgerechnet die größten CO2-Emittenten der Erde, China und die USA, geben dabei ein schlechtes Bild ab. Allein diese beiden Staaten sind für mehr als 40 Prozent des weltweiten Treibhausgasausstoßes verantwortlich, landen in der Analyse aber in der schlechtesten (USA) und zweitschlechtesten Kategorie (China). Dass sie das Zwei-Grad-Ziel erreichen, scheint demnach unwahrscheinlich.

Der hohe Kohlendioxidausstoß liegt zum Teil allerdings auch an der Bevölkerungsgröße der Staaten. In China leben ungefähr 1,4 Milliarden Menschen, in den USA 326 Millionen. Sie alle verbrauchen Energie und verursachen so im Jahr rund neun (China) und rund fünf (USA) Milliarden Tonnen CO2. Weltweit gelangen jährlich etwa 32 Milliarden Tonnen Kohlendioxid in die Luft.

Vergleicht man dagegen den Pro-Kopf-Ausstoß der beiden Staaten - ein wesentlich aussagekräftigerer Wert -, liegt China weit hinter den USA. Auf jeden Amerikaner entfallen pro Jahr im Schnitt etwa 15 Tonnen CO2, während der Pro-Kopf-Ausstoß in China mit 6,5 Tonnen weniger als die Hälfte beträgt, berichtet die Internationale Energieagentur (IEA) (Eine interaktive Weltkarte mit den weltweiten Pro-Kopf-Emissionen von 1971 bis heute finden Sie weiter unten im Artikel).

Der Staat mit den dritthöchsten CO2-Emissionen ist Indien mit einem Anteil am Gesamtausstoß von gut 6 Prozent. Dort liegt der Pro-Kopf-Ausstoß allerdings bei vergleichsweise geringen 1,6 Tonnen. Laut CAT-Analyse unternimmt Indien denn auch bereits genug, um laut aktuellen Prognosen zumindest das Zwei-Grad-Ziel erreichen zu können. Ganz anders sieht es dagegen in der Europäischen Union aus.

Zu viele Autos in Luxemburg

Die EU-Staaten treten bei den Klimaverhandlungen zusammen auf und setzen sich gemeinsame Ziele. Ihr Anteil am weltweiten CO2-Ausstoß liegt bei knapp zehn Prozent. Der Pro-Kopf-Ausstoß beträgt etwa 6,2 Tonnen CO2 im Jahr. Deutschland belegt mit 8,9 Tonnen Platz fünf im EU-Ranking der größten CO2-Emittenten.

Den höchsten CO2-Ausstoß pro Kopf in der EU hat Luxemburg mit 14,5 Tonnen im Jahr. Mehr als neun Tonnen entfallen auf den Straßenverkehr - auch das ist ein Rekord in Europa. Zum Vergleich: In der gesamten EU liegt der Anteil des Straßenverkehrs an den Pro-Kopf-Emissionen bei 1,7 Tonnen, in Deutschland sind es 1,9 Tonnen.

Konsum in Deutschland erhöht den CO2-Ausstoß in China

Teilweise ist der extrem hohe Wert auf den Tanktourismus zurückzuführen. Weil Benzin in Luxemburg deutlich günstiger ist als in Deutschland, fahren Menschen aus angrenzenden Städten häufig zum Tanken über die Grenze. Die Verschiebung der Emissionen durch solche Effekte ist weltweit ein Problem: Ein in China produziertes Handy, das in Deutschland verkauft wird, verschlechtert Chinas CO2-Bilanz.

Im Fall von Luxemburg lässt sich der hohe Kohlendioxidausstoß allerdings nicht allein auf die Tankbesucher schieben. Nirgends sonst in Europa haben die Menschen so viele Autos. Auf 1000 Einwohner kommen 662 Pkw. Zum Vergleich: In Deutschland sind es 555.

Für die EU-weiten CO2-Emissionen spielt der Verkehr dagegen nicht die größte Rolle. Den größten Posten macht die Wärme- und Elektrizitätserzeugung aus. Experten sehen dort großes Einsparpotenzial.

Die Forscher des Climate Action Trackers kritisieren unter anderem, dass CO2-Zertifikate zu günstig gehandelt werden und somit für Firmen ein zu geringer Anreiz besteht, alte Technologien durch klimafreundliche zu ersetzen. Zudem würden einige Ziele nicht mit genug Nachdruck verfolgt, heißt es. Dazu zähle etwa das Vorhaben, den Energieverbrauch durch effizientere Technologien bis 2020 um 20 Prozent zu reduzieren.

Das Zögern der Staaten zeigt sich auch in der Entwicklung der Emissionen weltweit. Zuletzt ist der weltweite CO2-Ausstoß wieder gestiegen, berichteten Forscher am Mittwoch (die Grafik zeigt die offiziellen IEA-Werte bis 2016). 2018 könne ein neues Rekordjahr werden, hieß es, vor allem, weil mehr Öl und Gas verbrannt worden seien.

Dabei müssten die weltweiten Emissionen laut Weltklimarat bis zum Jahr 2030 im Vergleich zum Jahr 2010 um 45 Prozent fallen. Nur so ließe sich die Erderwärmung auf 1,5 Grad begrenzen. Spätestens bis 2050 müsste die Kohlendioxidbilanz bei null liegen. Realistisch ist das nur, wenn nachträglich CO2 wieder aus der Luft entfernt wird, allerdings fehlt dafür bislang die geeignete Technik (mehr dazu lesen Sie hier).

URL:

Verwandte Artikel:

Mehr im Internet


© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung