Klimastudie So dramatisch ist der CO2-Einsparbedarf im Verkehrssektor

Die Bundesregierung feiert sich für ihre Beschlüsse zum Klimaschutz. Eine neue Studie, die dem SPIEGEL vorliegt, belegt jedoch einen weit höheren CO2-Einsparbedarf - vor allem im Verkehrssektor.
Autos im Stau: Dramatischer CO2-Einsparbedarf im Verkehrssektor

Autos im Stau: Dramatischer CO2-Einsparbedarf im Verkehrssektor

Foto: Patrick Seeger / DPA

Auf der Weltklimakonferenz in Madrid bewegt sich die Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) mit stolzgeschwellter Brust. "Wir werden hier von allen Seiten gelobt", sagt sie und verweist auf die Beschlüsse des Kabinetts zum Klimaschutz. "Es setzt ein Zeichen dafür, was in den weiteren Verhandlungen hier passieren muss." Die Industrienationen müssten weitere Zusagen für eine Reduzierung der Treibhausgase machen, so wie es die Deutschen mit ihrem Klimaschutzgesetz und dem "fest vereinbarten" Kohleausstieg getan hätten.

Doch zum Musterschüler taugt Deutschland nicht. Das jedenfalls ist das Ergebnis einer Studie, die das Forschungsinstitut Climate Analytics im Auftrag des Thinktanks Agora zur Verkehrswende gemacht hat und die dem SPIEGEL exklusiv vorliegt. Demnach fehlt es deutlich an Ambitionen, damit die Ziele des Pariser Weltklimavertrags erreicht werden können, mit dem die globale Erderwärmung auf bis zu 1,5 Grad begrenzt werden soll. "Um dem Paris-Abkommen gerecht zu werden, müssen Deutschland und die EU ihre mittelfristigen Minderungsziele anheben", heißt es in der Studie, die dem SPIEGEL vorliegt.

Die Forscher haben berechnet, wie stark die Emissionen in Deutschland sinken müssten und kommen dabei auf 73 Prozent bis zum Jahr 2030. Derzeit hat sich die deutsche Regierung auf 55 Prozent verpflichtet und entsprechende Maßnahmen in seinem Klimapaket beschlossen. Einen besonderen Augenmerk legten die Berliner Wissenschaftler von Climate Analytics auf den Verkehrssektor. Die Treibhausgas-Emissionen aus diesem Bereich sind seit Jahren praktisch gleich geblieben und haben entscheidenden Anteil, dass Deutschland seine für 2020 gesetzten Klimaziele verpasst.

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In ihrer Analyse errechneten die Umweltexperten, dass Autos, Lastwagen und Flugzeuge bei den derzeitigen Emissionstrends zwischen 2016 und 2050 insgesamt rund 5,5 Milliarden Tonnen CO2 produzieren. 2,6 Milliarden Tonnen seien mit dem 1,5-Grad-Ziel allerdings nur vereinbar. Statt geplanter Reduktion des CO2-Ausstoßes von 40 bis 42 Prozent wären deshalb mindestens 53 Prozent notwendig. "Mit den bisher beschlossenen Maßnahmen wird Deutschland nicht nur seine nationalen Klimaschutzziele reißen, sondern erst recht den Klimaschutzbeitrag verfehlen, den das Abkommen von Paris uns abverlangt", sagt Christian Hochfeld, Direktor von Agora Verkehrswende, und warnt die Bundesregierung, sich mit dem bislang beschlossenen Klimaprogramm zu begnügen.

Derzeit wird im Bundestag über eine Reihe von Gesetzen beraten. Ein erstes Gesetzespaket, in dem unter anderem Mehrwertsteuer-Senkungen für Fernbahntickets und die Förderung der Gebäudesanierung geregelt werden, befindet sich im Vermittlungsausschuss zwischen Bundestag und Bundesrat.

Die von Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) eingebrachten Klimaschutzmaßnahmen reichen nach aktuellen Schätzungen aus dem Bundesumweltministerium nicht mal aus, um die Hälfte der vereinbarten Einsparungen zu erzielen, wie der SPIEGEL am Wochenende berichtet hat.

Die Zeit drängt

Die von Scheuer im Rahmen des jüngsten Klimapakets vorgeschlagenen und von der Bundesregierung beschlossenen Maßnahmen bringen internen Schätzungen des Umweltministeriums zufolge lediglich eine CO2-Einsparung in Höhe von rund 18 Millionen Tonnen pro Jahr. Dabei muss Scheuer den Treibhausgasausstoß im Verkehr um mindestens 55 Millionen Tonnen jährlich verringern, damit Deutschland die Klimaziele erreichen kann. Die Zahlen basieren auf einem wissenschaftlichen Gutachten für das Umweltressort. Sollte sich die Notwendigkeit neuer, strengerer Ziele bestätigen, stünde das Verkehrsministerium noch stärker unter Druck.

Die Forscher von Climate Analytics empfehlen deshalb: Neben einer eigenen Ambitionserhöhung sollte Deutschland ebenso darauf drängen, dass auch die EU ihr derzeitiges 2030-Minderungsziel von 40 Prozent deutlich anhebt", heißt es in der Studie. Die Fachleute drängen zur Eile: "Beides sollte im kommenden Jahr 2020 geschehen, wie es der Zeitplan für das Pariser Abkommen und für den Klimaschutzplan 2050 vorsieht." Ein erster Schritt soll dazu heute erfolgen: Die neue EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen stellt ihren "New Green Deal" vor, mit dem sich die EU zu strengeren Klimazielen verpflichten will.

Die Studie hält das Erreichen höherer Emissionsziele im Verkehr für möglich. "Zu den wesentlichen Stellhebeln gehören eine stark beschleunigte Elektrifizierung des Personen- und Güterverkehrs sowie der forcierte Ausbau der erneuerbaren Stromerzeugung", schreiben die Autoren und empfehlen zudem, mehr Verkehr auf öffentliche Verkehrsmittel sowie Rad- und Fußverkehr zu verlagern. Es sei eine insgesamt effizientere Verkehrsorganisation nötig, heißt es in dem Gutachten.