Konzept 2030 So kann Deutschland die Klimaziele noch erreichen

Verfehlt die Bundesregierung die Klimaziele für 2030, könnten Zahlungen von 60 Milliarden Euro fällig werden, warnen Experten. Ein neuer Plan listet auf, wie die Klimawende sozialverträglich gelingen kann.
Kuh auf einem überfluteten Feld: 15 Schritte, um unser Klima zu retten

Kuh auf einem überfluteten Feld: 15 Schritte, um unser Klima zu retten

Foto: Brooke Whatnall/ National Geographic RF/ Getty Images

35 Minister aus aller Welt beraten seit Montag beim Petersberger Klimadialog in Berlin darüber, wie die Klimaziele von Paris umgesetzt werden können. Bundesumweltministerin Svenja Schulze will sich den Plänen des französischen Präsidenten Emmanuel Macron anschließen, bis 2050 so gut wie keine Treibhausgase mehr zu erzeugen. Ob auch Deutschland mitzieht, ist noch unklar.

Dabei könnte die Bundesrepublik ihre Zurückhaltung teuer zu stehen kommen. Davor warnt der Thinktank "Agora Energiewende" , dessen Beirat Wissenschaftler, mehrere Staatssekretäre aus dem Bundesumweltministerium sowie Vertreter von Industrie und Gewerkschaften angehören. Schaffe es Deutschland nicht wie vereinbart, bis 2030 mindestens 55 Prozent weniger Treibhausgase auszustoßen als 1990, müsse die Bundesregierung im nächsten Jahrzehnt Steuergeld in Höhe von 30 bis 60 Milliarden aufwenden. Diese werden benötigt, um fehlende CO2-Verschmutzungsrechte in anderen EU-Staaten einzukaufen.

"Dieses Geld sollte besser hierzulande investiert werden", sagte Patrick Graichen von Agora Energiewende. Die Organisation habe 15 Maßnahmen erarbeitet, mit denen Deutschland seine Emissionen reduzieren könne. Drei Viertel der bis 2030 nötigen CO2-Einsparungen ließen sich damit erreichen. Um die Klimaziele für 2030 zu schaffen, muss Deutschland seinen CO2-Ausstoß jährlich um 25 Millionen Tonnen reduzieren. Aktuell sinken die Emissionen nur um etwa 10 Millionen Tonnen.

Im Bereich der Stromerzeugung und bei Gebäuden habe es bereits große Fortschritte gegeben, so der Thinktank. Probleme sehen die Experten vor allem in den Sektoren Industrie und Verkehr, in denen die Treibhausgasemissionen zuletzt stagnierten oder sogar anstiegen. Dementsprechend seien dort auch die größten Veränderungen nötig. Privatleute wären von den vorgeschlagenen Maßnahmen im Verkehrssektor ebenfalls betroffen.

Wer zu viel CO2 ausstößt, zahlt drauf

So fordert "Agora Energiewende" unter anderem ein Bonus-Malus-System für Autokäufer. Wer einen Neuwagen kaufe, der weniger als 95 Gramm Kohlendioxid (CO2) pro Kilometer ausstößt, solle für jedes eingesparte Gramm Treibhausgas 50 Euro erhalten. Wer ein Auto mit höherem Verbrauch kaufe, solle dagegen pro zusätzlichem Gramm CO2 50 Euro draufzahlen. Zur Einordnung: Elektroautos würden so mit ungefähr 5000 Euro gefördert.

Im Verkehrsbereich sollen nach den Plänen von Agora unter anderem diese Maßnahmen umgesetzt werden:

  • Die Lkw-Maut ausweiten: Sie soll demnach für alle Nutzfahrzeuge mit mehr als 3,5 Tonnen Gesamtgewicht und auf allen Straßen gelten. CO2-freie Fahrzeuge zahlen nach dem Konzept weiterhin weniger.
  • Mehr Geld für den öffentlichen Nahverkehr ausgeben: Der Bund soll den Kommunen mehr Geld zur Verfügung stellen, um Bus- und Bahnsysteme sowie Rad- und Fußwege auszubauen.

Von der Industrie wünscht sich der Thinktank, dass sie häufiger Wasserstoff einsetzt. Dabei helfen könnte eine Quote für den Wasserstoffgehalt im Erdgas. Zunächst sollten 0,5 Prozent beigemischt werden, bis 2030 dann 10 Prozent. Außerdem müsse das Bundesumweltministerium sein Förderprogramm für CO2-freie Technologien noch 2019 auf 500 Millionen Euro erhöhen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel 2007 in Grönland

Bundeskanzlerin Angela Merkel 2007 in Grönland

Foto: Michael Kappeler/ DPA

Weitere Vorschläge außerhalb des Verkehrs- und Industriesektors sind:

  • Steuern erhöhen und Geld umverteilen: Benzin, Diesel, Heizöl und Erdgas soll pro Tonne CO2 mit 50 Euro zusätzlich besteuert werden. Dafür erhalte jeder Bürger eine Klimaprämie von 100 Euro, die einkommensstärksten 20 Prozent allerdings nicht.
  • Grünen Strom stärker ausbauen: Solarzellen sollen bis 2030 doppelt so viel Strom erzeugen wie heute, dafür müsste die Leistung auf fünf Gigawatt pro Jahr ausgebaut werden. Bis 2030 sollen zudem 20 Gigawatt Windkraft auf See entstehen.
  • Klimafreundliche Neubauten: Neue Gebäude sollen künftig nur noch in klimafreundlicher Weise errichtet werden, Sanierungen von Bestandsgebäuden müssen strenge Energiestandards erfüllen.

Auch der Kohleausstieg ist Teil des 15-Punkte-Plans. Er solle wie von der Kohlekommission vorgeschlagen umgesetzt werden. Zudem müsse sich Deutschland auch in der EU für mehr Klimaschutz einsetzen. Die Maßnahmen seien als Eckpunkte für das Klimaschutzgesetz gedacht, das die Bundesregierung noch in diesem Jahr verabschieden will, so Agora Energiewende.

"Wir haben bei unseren Vorschlägen großen Wert darauf gelegt, dass sie sozial ausgewogen sind und diejenigen entlastet werden, die sich klimaverträglich verhalten", sagt Christian Hochfeld von Agora. Künftig müssten aber auch die Landwirtschaft und der Flugverkehr stärker einbezogen werden.