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Kurt Stukenberg

SPIEGEL-Klimabericht Denn wir wissen nicht, was wir tun

Kurt Stukenberg
Von Kurt Stukenberg, Ressortleiter Wissenschaft
Eine neue Studie unterstreicht einmal mehr: Mit dem weiteren Verbrennen fossiler Rohstoffe geht die Menschheit Risiken ein, die sie gar nicht richtig abschätzen kann.

Liebe Leserin, lieber Leser,

so segensreich das gesammelte Wissen von etwa vierzig Jahren Klimaforschung auch ist – es kann den trügerischen Eindruck vermitteln, die Menschheit wüsste genau, wie sich die Schäden auswirken, die sie am Planeten anrichtet. Ab welchem Zehntelgrad Erwärmung der Meeresspiegel um eine exakte Höhe steigt etwa, oder wie stark die Ernteeinbußen der globalen Landwirtschaft im Jahr 2050 sein werden, gestaffelt je nach Erwärmungszenario.

Zu diesen Fragen gibt es tatsächlich Abschätzungen, einige mehr, andere weniger präzise, meist ausgedrückt in Wahrscheinlichkeiten. Theoretisch könnte man sich nun als Weltgemeinschaft also darüber verständigen, welchen Schaden man bereit ist, in Kauf zu nehmen, etwa im Falle von Zielkonflikten, wie es sie in der Politik ständig gibt. Ein aktuelles Beispiel in der Energiekrise ist die Abwägung zwischen dem kurzfristigen Nutzen mehr fossiler Energieträger und den daraus resultierenden langfristigen Klimaschäden.

Abgesehen von den vielen Problemen, die eine solche Abwägung mit sich bringen würde – regional unterschiedliche Auswirkungen des Klimawandels etc. – hat diese Woche ein Forscherteam erneut aufgezeigt, dass sie ohnehin kaum möglich ist: Weil wir schlicht nicht bis ins Detail wissen, wie das Klimasystem auf die erheblichen Mengen Klimagase reagiert, die wir seit Jahrzehnten in der Atmosphäre deponieren. Oder anders gesagt: Dass die Veränderungen durch die Erwärmung, die wir jetzt schon sehen, bei steigenden Temperaturen linear zunehmen, ist nicht ausgemacht. Möglich ist, dass sie sprunghaft ansteigen, wenn bestimmte Schwellenwerte, sogenannte Kipppunkte, erreicht sind.

»Die Erde hat möglicherweise einen sicheren Klimazustand verlassen, wenn die globale Erwärmung über ein Grad Celsius hinausgeht«, schreiben die Forscher um David Armstrong McKay von der englischen University of Exeter in ihrer Studie im Fachmagazin »Science« . »Selbst das Ziel des Pariser Abkommens ist nicht sicher.« Schon jetzt liegt die globale Erwärmung bei Plus 1,1 Grad. Bei 1,5 Grad bestehe eine »signifikante Wahrscheinlichkeit«, dass mehrere Kipppunkte überschritten werden. »Im Pariser Rahmen von 1,5 bis unter zwei Grad Erwärmung steigt die Wahrscheinlichkeit weiter«, hält das Team fest.

Schon die aktuellen Temperaturen gefährden demnach fünf von 16 identifizierten Kippelementen: Es gebe bereits erste Anzeichen, dass Teile der westantarktischen und grönländischen Eisschilde, manche Permafrostgebiete, der Amazonas-Regenwald und die Atlantische Umwälzströmung, zu der etwa der Golfstrom gehört, destabilisiert seien.

»Die Erde ist auf dem Weg, mehrere gefährliche Kipppunkte zu überschreiten, was für die Menschen auf der ganzen Welt katastrophale Folgen haben wird«, warnt Mitverfasser Johan Rockström , Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung. Um lebenswerte Bedingungen auf der Erde zu erhalten, müsse alles getan werden, um das Überschreiten von Kipppunkten zu verhindern. »Jedes Zehntelgrad zählt.«

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Korallenriff: »Selbst das Ziel des Pariser Abkommens ist nicht sicher«

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Bleiben Sie zuversichtlich,

Ihr Kurt Stukenberg

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