Christian Stöcker

Klimadebatte Leugnen ist zwecklos

Das Wasser steigt, der Wald leidet: Die zerstörerische Kraft der Erderhitzung setzt die Regierungen der Welt unter Zeitdruck. Viele aber ziehen es vor, nicht die Krise anzugehen - sondern die, die vor ihr warnen.
Foto: Visual China Group/ Getty Images

"Diese Ignoranz gegenüber den Folgen der Kohlenstoffverbrennung hatte das Eis entfesselt, das den Welthandel ruinierte und eine Wirtschaftskrise verursachte, die die Angehörigen dieser Generation noch schlimmer schädigte als die damit einhergehende Flüchtlingskrise." Kim Stanley Robinson, "New York 2140" (Roman, 2017)

Die Wortfolge der Woche lautet: "Schneller als erwartet."

"Der Klimawandel hat uns deutlich schneller getroffen als erwartet", sagte Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner diese Woche beim sogenannten Waldgipfel. 800 Millionen Euro zusätzlich für Waldschutz und Aufforstung sind ein gutes Beispiel für diese schlichte Wahrheit: Es ist viel teurer, nichts zu tun, als endlich zu handeln.

Dass Julia Klöckner jetzt so tut, als komme das alles ein bisschen überraschend, ist nicht überraschend, aber trotzdem peinlich.

"Schneller als erwartet" steigt laut dem jüngsten Bericht des Weltklimarates auch der Meeresspiegel. Weil das Eis in Grönland und der Antarktis sowie die Gletscher immer schneller schmelzen, sich das immer wärmere Meerwasser ausdehnt. Das wird "tropische Zyklone und Regen, Extremwellen und einen Anstieg des relativen Meeresspiegels" mit sich bringen und damit mehr "extreme Meeresspiegelereignisse und Gefahren für Küstengebiete".

Botschaft an Friedrich "Blackrock" Merz

Vorgestellt wurde der Bericht im Zwergstaat Monaco, der in einem Küstengebiet liegt. Prinz Albert II. war bei der Präsentation des Berichtes anwesend und sah angemessen bedrückt aus. Zur Erinnerung: Viele der größten Städte und auch viele der teuersten Immobilien der Welt liegen sehr nah am Meer. Wenn Sie sich gruseln wollen, spielen Sie mal ein bisschen mit dieser Karte hier .

Wer Schwierigkeiten hat, sich die Konsequenzen eines langfristigen Anstiegs des Meeresspiegels - der würde 2100 übrigens nicht einfach aufhören - vorzustellen, dem sei der eingangs zitierte Roman von Kim Stanley Robinson ans Herz gelegt. Auch die Zukunft des Immobilienmarktes spielt darin eine zentrale, sehr interessante Rolle. Das sollte eigentlich sogar Friedrich "Blackrock" Merz interessieren.

Würde der Meeresspiegel abrupt um, sagen wir mal, einen Meter steigen, würde sich der klägliche Rest von Ostfriesland in eine Halbinsel verwandeln, Cuxhaven und Emden wären weitgehend unter Wasser. Und Hamburg läge endlich am Meer. Das mit dem einen Meter ist nicht aus der Luft gegriffen, sondern laut dem aktuellen IPCC-Bericht  zum Thema ein in etwa 80 Jahren durchaus plausibles Szenario. Wenn wir nicht schleunigst unseren CO2-Ausstoß drastisch reduzieren.

Das Gegenteil von Hype

Man kann künftige Minister fast schon sagen hören, das sei jetzt alles etwas überraschend gekommen, "schneller als erwartet".

Wenn der Weltklimarat übrigens mitteilt, dass etwas schneller passiert als erwartet, dann ist das wirklich ein Grund zur Sorge: Es zeigt nämlich, dass die Wissenschaftler bislang genau das Gegenteil von dem tun, was ihnen die Abwiegler gerne vorwerfen: Panik schüren oder einen "Hype" befeuern.

Die IPCC-Prognosen und -Projektionen sind in der Regel sehr vorsichtig und konservativ. Das hat zur Folge, dass immer wieder Dinge schneller passieren als erwartet. Erinnern Sie sich noch, dass jetzt auch der Permafrostboden in der Arktis auftaut , 70 Jahre früher, als der IPCC das erwartet hatte?

Schneller als erwartet flog der Regierungskoalition auch ihr Klimapäckchen um die Ohren, sodass schon in der Bundestagsdebatte angedeutet wurde, man könne die Tonne CO2 vielleicht doch noch ein klitzekleines bisschen teurer machen als eine Maß Bier auf dem Oktoberfest.

Das eigentliche Problem heißt doch Greta!

Viele Kommentatoren in Deutschland und anderswo aber finden ein anderes Thema viel dringlicher: Das eigentliche Problem ist demnach Greta Thunberg.

"Wie können Sie es wagen, so zu tun, als könne all das mit 'business as usual' und ein paar technischen Ansätzen gelöst werden? Mit den Emissionsmengen von heute wird das verbleibende CO2-Budget in weniger als achteinhalb Jahren verbraucht sein", sagte die 16-Jährige  beim Uno-Gipfel in New York, und das ist absolut korrekt .

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Eine Reihe von älteren Herren (und ein paar Frauen) sahen sich trotzdem wieder einmal bemüßigt zu behaupten, die Forderung nach der Einhaltung der Ziele, die die 196 Unterzeichnerstaaten des Pariser Abkommens vereinbart haben, sei "antidemokratisch". Donald Trump versuchte es, wie es so seine Art ist, mit ein bisschen Häme auf Twitter, aber das ging bekanntlich ziemlich nach hinten los.

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Das deutsche Magazin "Cicero" fragte in einem bemerkenswert herablassenden Text, ob Thunberg das Klima nicht "vergifte". Die "Welt" nannte sie - auf der Titelseite - eine "Populistin", warf ihr "emotionale Eskalation" vor und brachte all das geschmackssicher mit dem "Ende der Pubertät" in Zusammenhang.

Friedrich Merz und das "kranke Mädchen"

Der weiterhin ohne Parteiamt für die CDU schwadronierende Friedrich Merz, dessen Vorstellung von "Leitkultur" offenbar elementare Höflichkeitsregeln ausspart, nannte Thunberg "krank" . Er beklagte, kein Witz, die Regierungskoalition sei "durch Greta Thunberg und den Uno-Weltklimagipfel unter einen enormen Zeitdruck geraten". Durch das "kranke Mädchen", wohlgemerkt, nicht durch die drohende Klimakatastrophe.

In der Psychologie nennt man solches Verhalten übrigens "Versuch der kognitiven Dissonanzreduktion durch Abwertung der Informationsquelle".

Und was sagt die Stimme der Vernunft?

Nikolaus Blome, stellvertretender Chefredakteur der "Bild"-Zeitung, fragte auf Twitter, wo denn die "Stimme der Vernunft" sei, die mit "ähnlicher Wucht" wie Thunberg eine "Gegenrede" halte.

Die Frage ist: Was würde diese "Stimme der Vernunft" wohl sagen? Würde sie in männlich-rationalem Tonfall raten, Immobilien in Küstennähe lieber schnell zu verkaufen? Würde sie empfehlen, entlang der europäischen Außengrenzen einen vier Meter hohen Elektrozaun zu errichten, damit der fertig ist, wenn die Klimaflüchtlinge kommen? Würde sie vorschlagen, sicherheitshalber in Gold zu investieren? Eine Klimaanlage einbauen zu lassen, um die kommenden Hitzesommer besser zu überstehen? Würde sie sagen: "Seid vernünftig, solange ich noch am Leben bin, wird das noch nicht so schlimm, also lassen wir doch erst mal alles so, wie es ist?"

Jeder blamiert sich eben, so schnell er kann

Oder klingt eine "Stimme der Vernunft", die auch ältere Männer überzeugt, vielleicht so wie die von Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, einem Spitzenforscher von internationalem Renommee? Rahmstorf kommentierte die Attacken auf Thunberg so: "Ich kann dafür bürgen, dass sie aus ihrer eigenen authentischen Motivation heraus handelt, und sie kennt die Wissenschaft. Ich würde mir wünschen, mehr Politiker wären so gut über die Klimaforschung informiert. Warum ist das nicht der Fall?"

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Auch das ist eine Folge der Klimakrise: Mit peinlichen Ablenkungsmanövern und Ad-Hominem-Attacken statt Argumenten blamiert man sich heute schneller als erwartet.

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