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Patrick Mariathasan / DER SPIEGEL

SPIEGEL-Klimabericht Aufrüstung, überall

Von Viola Kiel, Redakteurin Wissenschaft
Während der Krieg in der Ukraine das Weltgeschehen beherrscht, vergrößert Australien seine Armee um ein Drittel – vielleicht auch, um die Klimakatastrophen zu bewältigen? Der Wochenüberblick zur Klimakrise.

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

seit mehr als zwei Wochen rollen russische Panzer durch die Ukraine. Menschen fliehen, Menschen sterben, Menschen schießen auf andere Menschen.

Seit mehr als zwei Wochen bestimmt der Angriffskrieg auf die Ukraine – auf ein Land, dessen Hauptstadt näher an Berlin liegt als Dublin, Athen oder Barcelona – die internationale Berichterstattung. Andere Krisen erfasst das Radar der medialen Aufmerksamkeit kaum. Und das ist verständlich, schließlich ist die Bedrohung in der Ukraine akut und existenziell. Doch ein Blick nach Australien zeigt beispielhaft, welche längerfristig existenzielle Gefahr auf den Planeten zukommt.

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Erst am Donnerstag kündigte der australische Premierminister Scott Morrison an, die Kapazität der Armee auszubauen – um ein Drittel bis 2040. Das Personal der Streitkräfte soll auf 80.000 Männer und Frauen aufgestockt werden, zu einem Preis von umgerechnet etwa 25 Milliarden Euro.

Dieser Entschluss sei Teil der Bemühungen, das Land »in einem zunehmend unsicheren globalen Umfeld« sicher zu halten, sagte Morrison. Noch nie sei der Verteidigungsetat in Friedenszeiten in einem solchen Maß erhöht worden. Nach Angaben des australischen Verteidigungsministers geht es um Abschreckung von Staaten mit expansionistischen Bestrebungen – im asiatisch-pazifischen Raum zielt das weniger gegen Russland  als gegen China.

Doch zumindest denkbar ist, dass der Ausbau der Streitkräfte noch einen weiteren Grund hat. Denn die Soldatinnen und Soldaten der australischen Armee sind aktuell bereits im Einsatz. Im Inland.

Seit mehr als zwei Wochen verwüsten Starkregen und Überschwemmungen ganze Landstriche im Osten des australischen Kontinents. Menschen fliehen, Menschen sterben.

1500 Soldaten sind allein im Raum Sydney im Einsatz

Mehr als 6000 Mitglieder der Streitkräfte seien in den überfluteten Städten aktiv, allein 1500 im Einzugsgebiet der Stadt Sydney, heißt es vom australischen Verteidigungsministerium , »Operation Flood Assist 2022« ist der Name der Mission. In Militärhubschraubern fliegen die Soldatinnen und Soldaten auf der Suche nach Überlebenden über die überschwemmten Gebiete und verteilen Essen an Notunterkünfte. Mehr als 40.000 Menschen im Bundesstaat New South Wales mussten ihre Häuser verlassen.

Im Zusammenhang mit dieser Katastrophe wurde Morrisons liberal-konservative Regierung mehrfach kritisiert: Dafür, dass sie die Truppen nicht schnell genug mobilisiert habe. Und dafür, wie spät das Eingeständnis  erfolgte, dass die Klimakrise reale und bedrohliche Folgen für das Leben jedes und jeder Einzelnen hat.

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Dass die Zahl der Klima-Katastrophen steigen wird, daran zweifelt mittlerweile nicht einmal mehr der Premier: Das Leben auf dem kleinsten der Kontinente werde schwieriger, räumte Morrison am Mittwoch bei einem Besuch in Lismore ein. Man habe es mit einem »anderen Klima als früher« zu tun, das sei eine »offensichtliche Tatsache«.

Die kommenden Extremwetterereignisse werden sich nicht auf Starkregen und Überschwemmungen beschränken. Während der Sommer in Sydney seit 30 Jahren nicht mehr so nass war, ist es in Perth auf der anderen Seite des australischen Kontinents so heiß wie nie zuvor. Auch die Gefahr neuer Waldbrände steigt.

Australien wird sein Heer brauchen. Nicht unbedingt für Kriege, aber für Katastrophen.

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