Foto:

Patrick Mariathasan / DER SPIEGEL

Kurt Stukenberg

SPIEGEL-Klimabericht Die nächste Pandemie wird heiß und trocken

Kurt Stukenberg
Von Kurt Stukenberg, stellvertretender Ressortleiter Wissenschaft
Hitze und Trockenheit suchen Nordamerika heim. Die Lage ist extrem – doch wie lange bleibt sie noch außergewöhnlich? Der Wochenüberblick zur Klimakrise.

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

die Zeiten, in denen man Eisbären auf kleiner werdenden Eisschollen verwenden musste, um Artikel über die Klimakrise zu bebildern, sind vorbei. Leider ist das Fotoarchiv mit realen Beispielen für die Folgen der Erderhitzung inzwischen prall gefüllt. In dieser Woche kamen weitere hinzu, etwa aus dem kanadischen Dörfchen Lytton, 200 Kilometer nordöstlich der Küstenmetropole Vancouver.

Die erste Meldung aus dem Ort kam am Sonntag: Rekordhitze von 46,6 Grad Celsius – eine historische Marke, bisher lag die höchste gemessene Temperatur in ganz Kanada bei 45 Grad und wurde 1937 gemessen. Nur einen Tag später war die Jahrhundertmarke erneut gerissen: 47,9 Grad in Lytton am Montag. Am Dienstag waren es 49,5 Grad. Und seit Donnerstag gibt es Lytton nicht mehr. Nach Tagen der Gluthitze brach ein Feuer aus und zerstörte innerhalb von Stunden den ganzen Ort. »90 Prozent des Dorfes sind verbrannt, einschließlich des Ortskerns«, sagte der Abgeordnete Brad Vis am Donnerstag.

Symbolträchtiger geht es kaum. Nebenbei bemerkt, sind die Werte von Lytton kein rein regionaler Rekord, wie ARD-Meteorologe Karsten Schwanke erklärte. Vielmehr sprechen wir hier von den höchsten Temperaturwerten, die jemals nördlich des 50. Breitengrades  gemessen wurden. Andere Experten reden gar von einem Ereignis, wie es nur einmal alle tausend Jahre vorkommt. In Wüstenstädten wie Las Vegas oder Kairo wurden noch nie in der Geschichte so hohe Temperaturen registriert wie diese Woche in Lytton.

Fast überall in der kanadischen Region gilt inzwischen höchste Waldbrandgefahr, rund 150 Kilometer nordöstlich von Lytton lodern bereits mehrere Feuer. Die kanadischen Behörden berichten zudem von Hunderten Todesfällen infolge der Hitzewelle, genau genommen 486, die unerwartet kamen, teilte die Gerichtsmedizin der Provinz British Columbia mit. Diese Zahl werde vermutlich noch steigen. Sie liege 195 Prozent über dem üblichen Durchschnitt eines vergleichbaren Zeitraums.

Extremlage auch in den USA

Den amerikanischen Nachbarn geht es kaum besser. Rund 93 Prozent  des US-Westens leiden derzeit unter Dürre, entsprechend häufen sich die Extremmeldungen in der Presse:

  • Die aktuelle Dürre in den USA ist die schwerste seit mindestens 20 Jahren  und gleichauf mit oder schlimmer als Dürren in den vergangenen 1200 Jahren.  

  • Mitte Juni erreichte Amerikas größtes Wasserreservoir, der Lake Meade, die niedrigsten Pegelstände  seit der Inbetriebnahme in den 1930er-Jahren.

  • Kaliforniens Gouverneur Gavin Newsom hat schon vor knapp zwei Wochen in 48 der 58 Bezirke seines Bundesstaats den Dürrenotstand ausgerufen .

  • Der Wetterdienst »Accu Weather« geht davon aus , dass in der diesjährigen US-Feuersaison bis zu 9,5 Millionen Hektar in Flammen stehen könnten, das wären 140 Prozent des historischen Durchschnitts.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Twitter, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Für fast ganz Utah sowie weite Teile von Arizona gilt die höchste Warnstufe »außergewöhnliche Dürre«, auch der US-Bundestaat Kalifornien ist schwer betroffen. »Dies ist derzeit die außergewöhnlichste Dürre, die wir jemals auf der Karte im Westen der USA gezeigt haben«, sagt  Brian Fuchs, von der University of Nebraska-Lincoln, der eben jene Karten erstellt zu »The Verge«. Schon jetzt habe der Klimawandel dafür gesorgt, dass an sich seltene Hitzewellen über den meisten Regionen der USA drei- bis fünf Grad Fahrenheit wärmer seien als früher, so Michael Wehner, Klimawissenschaftler am Lawrence Berkeley National Laboratory, im  »Guardian«.

Die Farben der Warnkarte des Dienstes erinnern in ihrer dominanten roten bis dunkelroten Einfärbung an die Deutschlandkarte zur Corona-Hochinzidenzzeit. Und das bleibt vielleicht nicht die einzige Gemeinsamkeit.

Der SPIEGEL-Klimapodcast – hier kostenlos abonnieren
Foto:

Pia Pritzel / DER SPIEGEL

»Klimabericht« ist der SPIEGEL-Podcast zur Lage des Planeten. Wir fragen, ob die ökologische Wende gelingt. Welche politischen Ideen und wirtschaftlichen Innovationen überzeugen. Jede Woche zeigen wir, welchen Einfluss die Klimakrise auf unseren Planeten hat und warum wir im spannendsten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts leben.

Spotify , Apple Podcasts , Google Podcasts , RSS-Feed 

In einem am 17. Juni vorgestellten Report  warnen die Vereinten Nationen, Dürre sei schon jetzt eine versteckte Krise, mindestens 1,5 Milliarden Menschen seien in den letzten 20 Jahren direkt davon betroffen gewesen, Tendenz steigend. Mami Mizutori, Uno-Sonderbeauftragte für Katastrophenvorsorge, sagte  im »Guardian«: »Die Dürre steht kurz davor, die nächste Pandemie zu werden, und es gibt keinen Impfstoff, um sie zu heilen. Der Großteil der Welt wird in den nächsten Jahren mit Wasserstress leben.« Die Menschheit habe seit 5000 Jahren Erfahrung mit Dürren, so Mizutori, »aber was wir jetzt sehen, ist etwas ganz anderes«.

Und in Deutschland? Auch hierzulande werden sich Starkregen, Dürren, Hitzewellen und Stürme häufen, teilte das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) kürzlich mit. Während es früher im Schnitt eine Hitzewelle von vier Tagen pro Sommer in Deutschland gegeben habe, seien es heute im Schnitt bereits zwei jeweils viertägige Hitzewellen und in extremen Sommern wie in den Jahren 2018 und 2019 sogar drei und mehr.

Wenn Sie mögen, informieren wir Sie einmal in der Woche über das Wichtigste zur Klimakrise – Storys, Forschungsergebnisse und die neuesten Entwicklungen zum größten Thema unserer Zeit. Zum Newsletter-Abo kommen Sie hier.

Lytton am Donnerstag

Lytton am Donnerstag

Foto: 2 RIVERS REMIX SOCIETY / via REUTES

Die Themen der Woche

Hitzerekorde und Tote: Warum das Wetter in Nordamerika verrückt spielt
In Kanada und Teilen der US-Westküste tobt derzeit eine Hitzewelle von historischem Ausmaß, bei der auch Menschen zu Tode kommen. Die Ursache ist eine besondere Wetterkonstellation, der Omega-Block.

»Klimabericht«-Podcast: Grüner Anstrich oder echter Klimaschutz, was steckt im Wahlprogramm der Union?
Das Klima den Grünen zu überlassen, kann sich keine Partei mehr leisten. Doch die Unterschiede in den Programmen sind groß – und sie bieten Überraschungen. Hören Sie die Analyse in unserem neuen Podcast »Klimabericht«.

Boom von Ersatzprodukten: Gemüse ist mein Fleisch 
Vegetarische und vegane Alternativen zu Chicken-Nuggets, Hackfleisch und Käse erreichen den Massenmarkt. Ernährungsexperten befürchten eine neue Fast-Food-Kultur. Wie gesund und lecker ist das Veggie-Fleisch?

Zukunftskommission Landwirtschaft: Kostet ein Kilo Rindfleisch bald 80 Euro?
Die Landwirtschaft verursacht ökologische Kosten von 90 Milliarden Euro im Jahr und muss reformiert werden. Das fordern Bauernverband, Umweltgruppen und Wissenschaftler im Abschlussbericht der Zukunftskommission Landwirtschaft.

Zukunft der Landwirtschaft: Wie teuer muss unser Essen werden? 
Eine Regierungskommission skizziert die Zukunft der Agrarproduktion. Der Vorsitzende Peter Strohschneider spricht über Fleischpreise, Hungerrevolten und Klimakrise – und darüber, was uns unsere Ernährung wert sein sollte.

Folgekosten des Kohleausstiegs: Wie ein tschechischer Selfmade-Milliardär die deutsche Politik vorführt 
Als Investor Daniel Křetínský Ostdeutschlands Braunkohle kaufte, gab er sich als Retter. Doch die Lausitz verkommt zum Milliardengrab – die Folgekosten könnten am Ende die Steuerzahler treffen.

Trotz Corona-Lockdown: CO₂-Emissionen steigen wieder leicht an
Im vergangenen Jahr führte die Coronapandemie zu einem historischen CO₂-Rückgang. Erste Zahlen für 2021 deuten wieder höhere Emissionen an – obwohl das öffentliche Leben weiterhin eingeschränkt blieb.

Lecks in Pipelines und Gasanlagen: Jagd auf eine unsichtbare Gefahr (Video)
Mit einer Spezialkamera spürt Umweltaktivist James Turitto Lecks an Erdgasanlagen auf. Davon gibt es jede Menge, auch in Deutschland. Das freigesetzte Methan ist extrem klimaschädlich.

Der Klimabericht - Daten zur Lage des Planeten

Bleiben Sie zuversichtlich

Ihr Kurt Stukenberg

Anmerkung der Redaktion: In der ursprünglichen Version hieß es, laut Michael Wehner seien an sich seltene Hitzewellen heute drei- bis fünfmal wärmer, richtig sind drei- bis fünf Grad Fahrenheit wärmer. Wir haben den Fehler korrigiert.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.