Was 2021 im Kampf gegen die Klimakrise gebracht hat Zwischen Apokalypse und Transformation

Steigende CO₂-Kurven, Hitzetote, Tornados und Überschwemmungen – das ist die Bilanz des Klimakrisenjahres 2021. Doch erstmals gibt es auch Anzeichen für eine Kehrtwende. Die größten Erfolge und Desaster.
Die »Floating Earth« von Künstler Luke Jerram: »Das 1,5-Grad-Ziel bleibt damit zumindest in Reichweite«

Die »Floating Earth« von Künstler Luke Jerram: »Das 1,5-Grad-Ziel bleibt damit zumindest in Reichweite«

Foto: Chris Furlong / Getty Images

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Rein physikalisch betrachtet, ist der Mensch als Klimaschützer ein kompletter Versager. Das wäre die recht simple und kurze Jahresklimabilanz von 2021, würde nur auf die Messreihen von Forschungsstationen geschaut. Die Anreicherung der Atmosphäre mit CO2-Teilchen steigt ungebrochen, die Messgeräte an den abgelegenen Observatorien zeichnen immer neue Rekorde auf.

Beim berühmten Observatorium auf dem Vulkan Mauna Loa in Hawaii wurden im November 415 ppm (»parts per million«) gemessen – vor einem Jahr waren es noch 413. Bereits im Juni meldete das Forscherteam der Station den höchsten Wert seit Beginn der Messungen in den Sechzigerjahren . Festgehalten ist dieser Trend in der berühmten »Keeling-Kurve« – deren erster Messwert 1958 bei 313 ppm lag. Seitdem geht es steil nach oben – auch 2021 war keine Ausnahme.

Forschungsstation Mauna Loa auf Hawaii

Forschungsstation Mauna Loa auf Hawaii

Foto: Neil Scheibelhut / AFP

Doch anders als in den Sechzigerjahren spüren wir mittlerweile die Folgen: steigende Temperaturen, Extremwetter, kollabierende Ökosysteme und ein beschleunigtes Artensterben. Es vergeht kaum eine Woche, in der wir in der SPIEGEL-Wissenschaftsredaktion ohne solche Meldungen auskommen.

Was das Jahr 2021 auch gezeigt hat: Die Klimakrise hört nicht einfach auf, weil wir mal ein paar Monate coronabedingt nicht ins Flugzeug steigen oder nicht mit dem Auto zur Arbeit fahren. Denn gleich mehrere Studien belegten, dass der Klimaeffekt des Corona-Lockdowns »gering« bis »nicht nachweisbar« ist.

Der Lerneffekt: Nur ein langfristiges Umsteuern hilft, für den Kampf gegen die Klimakrise muss das ganz große Rad gedreht werden. In dieser Hinsicht hat sich in den vergangenen zwölf Monaten tatsächlich einiges getan – wenn auch viele Fortschritte zu lange hinausgezögert wurden und immer noch nicht weit genug gehen. Doch gemessen an den Bemühungen der vergangenen 30 Jahre hat 2021 ein klares Signal des Aufbruchs gesetzt: Es gab einen Paradigmenwechsel – so beschreibt es der britische Chefdiplomat des Klimagipfels in Glasgow, Alok Sharma, im Interview mit dem SPIEGEL  recht treffend. Das bestätigen auch Klimaforscherinnen und Klimaforscher sowie andere Expertinnen und Experten auf Anfrage: Im Klimajahr 2021 hat sich einiges bewegt – allerdings nicht nur in die richtige Richtung.

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Das sind die größten Erfolge:

  • 2021 begann so richtig am 29. April: Das Bundesverfassungsgericht  gab einer Klage von mehreren Umweltverbänden statt, die gegen die Klimaschutzpolitik der Bundesregierung Verfassungsbeschwerde eingereicht hatten. Die damalige Regierung musste daraufhin ihre Politik nachbessern.

  • Im Mai beschließt dann das Bundeskabinett ein verschärftes Klimagesetz. Deutschland soll nun schon bis 2045 seine Treibhausgasemissionen auf null senken. Die jährlichen Einsparziele werden nachgeschärft.

Uno-Klimakonferenz in Glasgow

Uno-Klimakonferenz in Glasgow

Foto: Paul Ellis / AFP
  • Die EU-Kommission legt im Juli  erstmals konkrete Gesetzesvorschläge für die Umsetzung des »Green Deal« vor. Damit will die EU die 27 Staaten ins klimaneutrale Zeitalter führen. Das »Fit for 55«-Paket macht zahlreiche Vorschläge, wie die Treibhausgase europäischer Fabriken, Kraftwerke, Autos, Flugzeuge und Schiffe in den nächsten zehn Jahren um minus 55 Prozent gegenüber 1990 gesenkt werden sollen.

  • Einigung auf den Glasgow-Klimapakt im November: Nach einem Verhandlungsmarathon von zwei Wochen einigen sich rund 200 Staaten auf der Uno-Weltklimakonferenz darauf, längerfristig aus der Kohle auszusteigen und fossile Subventionen abzubauen. Außerdem geben sie sich Transparenzregeln für die Erstellung und Einhaltung von Klimaplänen und schaffen die Grundlage für einen internationalen Handel mit CO2-Gutschriften.

  • Seit Dezember hat Deutschland erstmals ein Klimaministerium: Seit der Vereidigung der neuen Minister unter Bundeskanzler Olaf Scholz wurde das Wirtschaftsministerium zu einem Superministerium umgebaut. Klima steht dabei nicht nur im Namen, sondern auch ganz oben auf der Agenda – so sagt es jedenfalls der neue Klimaminister Robert Habeck (Grüne).

Das waren die Desaster:

  • Flut im Ahrtal im Juli: Die Folgen der Klimakrise sind längst auch in Deutschland spürbar – das wussten wir auch schon vor 2021. Doch die Bilder des Hochwassers im Landkreis Ahrweiler gingen um die Welt, es starben über hundert Menschen, Tausende verloren ihre Bleibe. Die schmerzhafte Lehre aus dieser Katastrophe: Deutschland ist schlechter auf Extremwetter vorbereitet als gedacht. Doch die werden künftig durch den Klimawandel zunehmen.

Zerstörung durch das Hochwasser im Ahrtal

Zerstörung durch das Hochwasser im Ahrtal

Foto:

Rainer Unkel / imago images/Rainer Unkel

  • Fehlende Klimapläne für 2030: Viele Länder haben immer noch keine konkreten Maßnahmen ergriffen, um ihre Klimaziele bis 2030 zu schaffen, oder haben erst gar keine ehrgeizigen Klimaziele aufgestellt.

  • Sechster Sachstandsbericht des Weltklimarates im August: Bereits in den Dreißigerjahren könnte der Anstieg der globalen Mitteltemperatur 1,5 Grad überschreiten. Das ist viel früher als bisher von den Klimaforscherinnen und Forschern angenommen. Der Trend lässt sich nur verlangsamen, wenn man sofort handelt, warnen die Autoren des Berichtes.

  • Steigende CO2-Werte in der Atmosphäre: Im Oktober warnt die Weltorganisation für Meteorologie (WMO) in einer Auswertung globaler Messwerte von 2020, dass die Konzentration von Treibhausgasen in der Atmosphäre neue Rekordwerte erreicht hat – trotz kurzer Emissionspause wegen der Coronapandemie. Für 2021 sagen Experten nochmals neue CO2-Rekorde voraus.

  • Auf der Konferenz in Glasgow im November gibt es abermals keine konkreten Zugeständnisse für ärmere Länder für einen Ausgleich ihrer Schäden und Verluste durch den Klimawandel. Diese werden weiterhin nicht anerkannt. Die bisherigen Klimahilfen sind nach Meinung vieler afrikanischer und asiatischer Länder viel zu gering, um sich gegen die Folgen des Klimawandels zu schützen. Gleichzeitig schwächen Länder wie Indien und China in den letzten Stunden der Konferenz noch den Paragrafen zum Ausstieg aus der Kohle ab.

Die Top- und Flop-Liste zeigt: Ja, es bewegt sich etwas – aber die Auswirkungen der Klimakrise sind überwältigend und die Menschheit hinkt bei ihrer Bekämpfung gnadenlos hinterher. Kein Wunder, dass auch die meisten Klimaforscher und -experten mit gemischten Gefühlen in den Jahreswechsel gehen. So meint die Klimaforscherin Friederike Otto vom Londoner Imperial College London: »Es gibt definitiv Fortschritte – aber wie immer im Wesentlichen für reiche und weiße Menschen.«

Viel zu wenig sei in diesem Jahr für die getan worden, die weltweit bereits unter den Folgen des Klimawandels leiden. »Klimagerechtigkeit wird ausschließlich als Problem zwischen den Generationen ausgelegt – aber nicht global verstanden«, meint Otto. Als einen wichtigen Erfolg sieht Otto zudem, »das die CDU nicht mehr an der Regierung ist«.

Erfolg: Ja, aber...

»Ich gebe die Hoffnung nicht auf«, meint auch Niklas Höhne, Leiter des Thinktanks NewClimate Institut. Für einen erfolgreichen Klimaschutz brauche man »viel Mut und positive Überraschungen«. Einige habe es 2021 gegeben, etwa einen Boom von Elektroautos, erste Pilotprojekte für CO2-freien Stahl  und CO2-freie Schifffahrt. Zudem verpflichten sich immer mehr Länder längerfristig klimaneutral zu werden – und geben sich sogenannte Netto-null-Ziele. »Das war noch im Jahr 2020 eine Wunschvorstellung«, meint Höhne, der auch in Glasgow die Verhandlungen verfolgte. Doch auch hier gibt es einen Haken: »Die Klimaneutralitätsziele werden auch vermehrt genutzt, um Klimaschutz nur vorzutäuschen.« Greenwashing gebe es immer häufiger, in Ländern wie Saudi-Arabien, Russland oder bei Ölriesen wie Shell.

Verhalten optimistisch klingt auch Brick Medak, Klimaexperte der Denkfabrik E3G. Für ihn waren die Beschlüsse von Glasgow das Highlight des Jahres: »Der Uno-Klimagipfel in Glasgow war erfolgreicher, als man in den Wochen davor erwarten konnte«, so Medak. Und: »Das 1,5-Grad-Ziel bleibt damit zumindest in Reichweite.«

Echte Festtagsstimmung kommt dabei nicht auf. Denn alle Erfolge werden mit einem »zumindest« oder »aber« versehen. Allen Fortschritten steht auch 2021 eine überwältigende Zahl von dramatischen Wasserstandsmeldungen der Klimakrise gegenüber. Die sind schwer wegzureden. Der Wandel ist da, aber derzeit in Form von Versprechen und Absichtserklärungen. Angesichts dieser galoppierenden Krise kann man sich für 2022 deshalb nur eines wünschen: Weiter so – aber bitte schneller und entschlossener.

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