Klimakrise in den USA Petro-Männchen blenden die Wirklichkeit aus
Symbolbild eines Klimawandelleugners: Psychoanalytiker sprechen in den USA von »Petro-Maskulinität«, die »Aspekte von Rassismus, Frauenfeindlichkeit und Klimawandelleugnung« umfasse
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Auch in den USA sind die dramatischen Auswirkungen der Erderhitzung nicht mehr zu übersehen. Hitze- und Kältewellen, Dürren, Brände, Wasserknappheit, austrocknende Flüsse und Seen – und dann wieder extreme Regenfälle, Überschwemmungen, Wirbelstürme. Allein 2021 zählte die US-Regierung 20 Extremwetterkatastrophen, die Schäden von jeweils mehr als einer Milliarde Dollar verursacht haben. Die Gesamtrechnung nur für 2021 liegt bei 145 Milliarden Dollar .
Und doch sind die USA einsamer Ausreißer in einer Studie, die das US-Umfrageinstitut Pew diese Woche veröffentlicht hat. Pew selbst hat über die Mitteilung zu den Ergebnissen diese Überschrift gesetzt: »Der Klimawandel bleibt in einer Umfrage in 19 Ländern die globale Spitzenbedrohung.«
Mehr Angst vor Cyberangriffen als vor der Klimakrise
Tatsächlich landete der Klimawandel bei der Frage, ob man etwas als »große Bedrohung, kleinere Bedrohung oder keine Bedrohung« für das eigene Land einschätze, in den meisten der untersuchten Länder auf Platz eins oder zwei. In Deutschland etwa nannten 73 Prozent der Befragten den Klimawandel als große Bedrohung, knapp davor landete, mit 75 Prozent, Desinformation im Internet.
Die vier Ausreißer auf der Liste sind Israel (47 Prozent), Malaysia (44 Prozent), Singapur (57 Prozent) – und die USA. In den Vereinigten Staaten landete die Bedrohung durch den Klimawandel auf dem letzten Platz, mit 54 Prozent Zustimmung. 71 Prozent fürchten sich dort dagegen vor »Cyberangriffen anderer Länder«.
Es scheint paradox: Die Krise und ihre Auswirkungen sind klar spür- und sichtbar, teuer und tödlich. Und doch will nur etwas mehr als die Hälfte der Bevölkerung der USA eine echte Bedrohung erkennen. Der Anteil derer, die diese Bedrohung sehen, ist in den vergangenen Jahren sogar leicht gesunken. Wie kann das sein?
Weniger als ein Viertel der Republikaner lebt in der Realität
Um das zu verstehen, muss man sich die Daten aus den USA genauer ansehen, was Pew in einer separaten Auswertung auch getan hat . Darin wurde auch die politische Ausrichtung der Befragten berücksichtigt. Das Ergebnis: eine krasse, klaffende Kluft. Sie wird viele vermutlich nicht überraschen, aber ihr Ausmaß ist dennoch erschreckend.
Unter den Befragten in den USA, die die Demokraten unterstützen oder ihnen zuneigen, halten 78 Prozent den Klimawandel für eine große Bedrohung. Unter den Fans und Sympathisanten der Republikaner dagegen sind es nur 23 Prozent. Weniger als ein Viertel.
Die echte »Big Lie« ist viel älter als Bidens Wahlsieg
Die Republikaner und ihre größten Spender belügen ihre Parteigänger in Wahrheit schon seit Jahrzehnten – im Dienste der Fossilbranchen. Donald Trumps »Big Lie« über den Wahlausgang ist ein Neuzugang. Die Leugnung des menschengemachten Klimawandels war lange Zeit eine Kernposition der Partei. Mittlerweile wird sie nicht mehr so offen vertreten , aber unter den eigenen Wählerinnen und Wählern hat sie sich festgesetzt. Die ältere und, global betrachtet, schlimmere »Big Lie« ist: Es gibt keinen menschengemachten Klimawandel, und falls doch, dann ist er kein Problem.
Ein – von den Republikanern eingesetzter – US-Bundesrichter notierte 2019 in einem Verfahren gegen Exxon, Shell, BP und Co .: »Statt die Alarmglocken zu läuten, gaben sich die Beklagten alle Mühe, den wissenschaftlichen Konsens zu vernebeln und Änderungen – obwohl sie existenziell notwendig sind – zu verzögern, die ihren Milliardenprofiten im Weg gestanden hätten.«
In anderen Industrienationen ist das völlig anders
Die 54 Prozent, die die Studie im Ländervergleich für die USA insgesamt ausweist, verschleiern das wahre Bild: In den USA lebt nur ein Teil der Bevölkerung, nämlich die Anhänger der Demokraten, in der gleichen Wirklichkeit wie die Bevölkerungen anderer Industrieländer wie Deutschland, Japan (82 Prozent sehen dort den Klimawandel als große Bedrohung), Frankreich (81 Prozent), Großbritannien (75 Prozent) oder Australien (71 Prozent).
Die Wählerschaft der Republikaner dagegen hat sich mehrheitlich aus dieser global geteilten Realität verabschiedet: über drei Viertel. Daran haben die Ölkonzerne, die »Stiftungen«, »Thinktanks« und gekauften »Fachleute« der Koch-Brüder und anderer fossiler Propagandisten jahrzehntelang mit Milliardeninvestitionen gearbeitet. All das ist glasklar dokumentiert .
Die Ölkonzerne schufen die republikanische Identität
Die Ölkonzerne fürchten sich sehr davor, dass es ihnen eines Tages gehen könnte wie der Tabakindustrie, deren jahrzehntelange Lügen sie Ende der Neunzigerjahre schließlich teuer zu stehen kamen. Es folgten weitere kostspielige Klagen und öffentliche Demütigungen. Die Ölkonzerne haben vor erfolgreichen Klagen so große Angst , dass sie seit vielen Jahren hart daran arbeiten, Gerichte bis hinauf zum Supreme Court mit ihnen wohlgesonnenen Richterinnen und Richtern zu bestücken.
Gleichzeitig aber haben ihre Kampagnen die Identitätskonstruktion von Abermillionen verändert. In einer psychologischen Überblicksstudie , die vergangenes Jahr erschien, ist zu lesen: »In vielen Ländern ist der Klimawandel zu einem politisch polarisierten Thema geworden, wobei Menschen, die sich selbst als liberal einstufen, eher Klimaschutzpolitik unterstützen als Menschen, die sich selbst als Konservative betrachten.« Dafür gibt es viele empirische Belege .
Die Überblicksstudie weist explizit darauf hin, dass dieses Phänomen besonders bei älteren, weißen Männern zu beobachten ist, die Angst vor dem Verlust von Status und Privilegien haben: »Wer zu einer Gruppe gehört, die vom Klimawandel besonders bedroht ist, wird besonders motiviert sein, Eindämmung zu unterstützen, während diejenigen, die vom Status quo profitieren, sich eher gegen Eindämmungsschritte stellen.«
Stammeszugehörigkeit alter, weißer Mann
Psychoanalytiker sprechen in den USA sogar von »Petro-Maskulinität« , die »Aspekte von Rassismus, Frauenfeindlichkeit und Klimawandelleugnung« umfasse. Das passt hervorragend zur Allianz der Freunde fossiler Brennstoffe mit der reaktionären internationalen Rechten. Die Kulturkampfspaltung der USA, die die Neue Rechte so gern nach Deutschland verpflanzen möchte, ist (auch) eine Konsequenz fossiler Propaganda.
Ein Team aus Australien konstatierte schon 2015 in »Nature Climate Change« , dass Menschen in den USA, die den Klimawandel als Faktum betrachten und »Skeptiker« jeweils »klar abgrenzbare soziale Identitäten, Überzeugungen und emotionale Reaktionen« haben. Kurz: Wer sich heute zum Stamm der Republikaner zählt, für den ist es eine Frage der politisch-persönlichen Identität, die Klimakrise aktiv zu ignorieren. Besonders, wenn er älter und männlich ist.
Das zeigen auch die aktuellen Daten von Pew: Bei der Frage, ob der Klimawandel eine große Bedrohung ist, liegt die Zahl der »Ja«-Antworten unter Frauen um zehn Prozentpunkte höher als unter Männern. Und Menschen unter 30 in den USA finden die Klimakrise zu einem höheren Anteil bedrohlich als Ältere. Besonders krass ist der Unterschied zwischen den unter 30- und den 50- bis 64-Jährigen: Der Abstand beträgt dort 13 Prozentpunkte.
Sogar eine Autofrei-Belohnung gibt es in Kalifornien
Den größten Unterschied – 55 Prozentpunkte – macht aber eben die politische Ausrichtung aus.
Das bedeutet nicht, dass in den USA kein Klimaschutz möglich wäre. Bekanntlich hat Joe Biden es am Ende doch noch geschafft, ein zwar abgespecktes und teils problematisches, aber doch extrem umfangreiches Klimagesetz durchzubringen – natürlich gegen den erbitterten Widerstand der Republikaner.
Und in Kalifornien, für sich genommen die fünftgrößte Volkswirtschaft der Welt, ist diese Woche ein ganzes Paket von weitreichenden Klimaschutzgesetzen verabschiedet worden . Schon vergangene Woche hatte man dort ein Zulassungsverbot für neue Verbrennerfahrzeuge ab 2035 verabschiedet. Jetzt kam ein ganzer Berg von weiteren Regelungen dazu, von Förderung für Elektroautos über die Abschaffung einer Parkplatzpflicht für neue Gebäude bis hin zu einem Steuerbonus in Höhe von 1000 Dollar für Haushalte mit niedrigem Einkommen, die kein Auto besitzen. Sogar eine Abstandsregel gibt es in Kalifornien künftig – aber nicht für Windkraftanlagen, sondern für neue Ölbohrungen in der Nähe von Wohngebieten.
Stammesidentität oder Zukunft?
Bislang tut Kalifornien bei Weitem nicht genug , um auch nur seine eigenen Klimaziele zu erreichen. Aber das neue Gesetzespaket könnte zumindest ein Schritt in die richtige Richtung sein. Umstritten war unter anderem, ob man das Atomkraftwerk Diablo Canyon doch weiterlaufen lassen soll – am Ende entschieden sich die Demokraten dafür, um noch mehr fossile Emissionen zu vermeiden.
Der demokratische Gouverneur Gavin Newsom findet in seinem von Hitzewellen, Dürren, Bränden und Wasserknappheit geplagten Staat ein etwas anderes politisches Umfeld vor als anderswo in den USA, wie eine regelmäßig wiederholte Umfrage zeigt : Um die 70 Prozent aller erwachsenen Kalifornierinnen und Kalifornier befürworten jetzt starke Klimaziele für ihren Staat – unter den Anhängern der Republikaner sind es auch dort nur deutlich unter 40 Prozent.
Und nur 20 Prozent der Anhängerinnen und Anhänger der Republikaner in Kalifornien halten die Klimakrise für eine »sehr ernste Bedrohung«, was den Ergebnissen der landesweiten Pew-Studie sehr nahekommt. Aber die Klimawandelleugner und -abwiegler haben in diesem Staat einfach zu wenig Gewicht.
69 Prozent der Menschen, die dort leben, sind nämlich der Meinung, dass die Klimakrise bereits spürbare Auswirkungen hat. Etwa ebenso viele finden, dass ihr Staat bei der Bekämpfung der Klimakrise weltweit führend werden sollte.
Die US-Republikaner werden in den kommenden Jahren, in denen die Auswirkungen der Erhitzung weitere, immer schlimmere Katastrophen auslösen werden, vor einer Zerreißprobe stehen: Gibt man irgendwann zu, dass man jahrzehntelang in die falsche Richtung gezerrt hat – oder versucht man weiter, die spürbare Realität auszublenden?
Für die Bevölkerung der USA wird die Frage lauten: Was ist mir wichtiger – meine Stammesidentität oder die Zukunft?