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Kurt Stukenberg

SPIEGEL-Klimabericht Das Problem mit der fernen Null

Kurt Stukenberg
Von Kurt Stukenberg, stellvertretender Ressortleiter Wissenschaft
Von Kurt Stukenberg, stellvertretender Ressortleiter Wissenschaft
Verschieben langfristige Ziele die Lösung der Klimakrise zu sehr in die Zukunft? Diese Befürchtung hat auch das Bundesverfassungsgericht in seinem wegweisenden Urteil berührt. Der Wochenüberblick zur Klimakrise.

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

vergangene Woche gab sich die EU erstmals ein eigenes Klimagesetz, die USA sorgten mit ihrem zweitägigen Gipfel für Dynamik bei den weltweiten Emissionszielen und am Donnerstag schließlich verdonnerte das Verfassungsgericht die Bundesregierung in einem geradezu historischen Urteil  zum Nachschärfen der Klimapolitik: Nach einer kurzen Corona-Delle hat sich die Klimakrise wieder mit Wucht an die Spitze der politischen Agenda katapultiert.

Die Rettung des Planeten ist also auf einem guten Weg? Sofern man daran glaubt, dass sich die rund 30 Jahre in der Zukunft liegenden Klimaziele erfüllen, dann ja. Schaut man auf die sich abzeichnende Entwicklung in diesem und im nächsten Jahr, dann sicher nicht.

Die Wissenschaftler James Dyke, Robert Watson und Wolfgang Knorr haben sich vor diesem Hintergrund in einem viel beachteten Beitrag auf der Plattform »The Conversation«  kritisch mit den Netto-Null-Zielen  von Staaten und Unternehmen bis 2050 befasst. Das gesamte Konzept, hinter dem Versprechen, in ein paar Jahren netto keine Treibhausgase mehr auszustoßen, sei eine »gefährliche Falle«, glauben die Forscher. Netto-Null bedeutet (je nachdem nur für CO oder alle Klimagase), dass nur noch so viel Emissionen in die Atmosphäre gelangen, wie ihr an anderer Stelle wieder entzogen werden, sodass die Gesamtbilanz ausgeglichen ist.

Vage Hoffnung auf technische Lösungen

Seit der Jahrtausendwende, schreiben die drei, habe nachträgliches Entfernen von CO₂ aus der Atmosphäre (zum Beispiel mit CCS oder BECCS) eine immer größere Rolle in Klimamodellen gespielt, denn anders schien es kaum noch möglich, vernünftig zu skizzieren, wie die Welt schnell genug klimaneutral werden könnte. Wenig später dann hätten Forscher begonnen, über »Overshoot-Szenarien« zu diskutieren, also die Idee, dass der Planet Klimalimits auch notfalls kurzzeitig überschreiten könnte, wenn im Anschluss der Atmosphäre schnell genug so viel CO entzogen wird, dass die Treibhausgasbilanz sogar negativ würde. Ob das klappt, ist allerdings ziemlich unsicher. »Innerhalb weniger Jahrzehnte müssten wir unsere Zivilisation, die derzeit jedes Jahr 40 Milliarden Tonnen Kohlendioxid in die Atmosphäre pumpt, so umwandeln, dass sie ihr mehrere zehn Milliarden CO₂ entzieht«, so die Wissenschaftler.

Der Ansatz eines fernen Netto-Null-Ziels sei zwar eine großartige Idee, »leider hilft es in der Praxis, den Glauben an die technologische Rettung aufrechtzuerhalten, und verringert das Gefühl der Dringlichkeit, die mit der Notwendigkeit verbunden ist, die Emissionen jetzt einzudämmen.«

Die Autoren erneuern damit eine Kritik, die aus der Klimabewegung immer wieder zu hören war: Der Verweis auf ferne Ziele und neue Technik hält uns ab von einer schnellen Reduktion der Klimagase. Greta Thunberg schrieb  vor ein paar Tagen: »Ja, wir müssen einige Emissionen ausgleichen, die nicht beseitigt werden können (Landwirtschaft usw.). Aber so wie es jetzt ist, wage ich zu behaupten, dass es bei diesen entfernten Netto-Null-Zielen nicht darum geht, sondern um Kommunikationstaktiken und darum, dass es so aussieht, als würden wir handeln, ohne uns ändern zu müssen.«

Keine Belege für verschlepptes Handeln

Doch welche Evidenz gibt es für diese Befürchtung? Der Klimawissenschaftler Stephen Smith von der Universität Oxford hat sich angeschaut, ob Staaten, die ein Netto-Null-Ziel für die Mitte des Jahrhunderts anvisiert haben, tatsächlich bei den kurzfristigen Klimaschutzanstrengungen nachlassen. Nach seiner Analyse  ist das Gegenteil der Fall. Von 73 Ländern, die ein entsprechendes Klimaschutzgesetz schon verabschiedet haben oder es in Erwägung ziehen, haben 24 ihre aktuellen Klimazusagen verschärft. Bei 90 anderen Ländern, die sich noch nicht zur Klimaneutralität bekannt haben, waren es dagegen nur 11. Das wäre »nicht das, was Sie erwarten würden, wenn Netto-Null eine Ausrede wäre, um kurzfristige Ambitionen zu reduzieren«, so Smith.

Natürlich sollte man sich nicht blind darauf verlassen, dass Technologien für negative Emissionen rechtzeitig und in großem Umfang zur Verfügung stehen , aber für grundsätzliche Kritik am Netto-Null-Ziel fehlt eine überzeugende Alternative. Immerhin gibt das jetzige Konzept einen klaren Pfad vor, an dem sich Staaten und Unternehmen zu orientieren beginnen und auf das sie mit den notwendigen Übergangsphasen reagieren können. Sinnvoll ist es allerdings, konkreter zu benennen, wo die Ziele noch zu schwammig sind.

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Im März haben Wissenschaftler um Joeri Rogelj, Forschungsdirektor am Grantham Institut Klimawandel und Umwelt des Imperial College London dazu einen Beitrag in »Nature«  vorgelegt. Sie schreiben, es müsse unter anderem definiert werden, ob alle Treibhausgase von den Netto-Null-Zielen erfasst sind oder nur CO₂. Auch sei die Diskussion wichtig, ob einige Sektoren – wie die Energiewirtschaft – schneller die Null erreichen müssten als etwa die Schwerindustrie, wo dies schwieriger ist. Und es lohne sich zu fragen, ob die Staaten Zwischenschritte zur Klimaneutralität bis 2050 definiert und Pläne vorgelegt haben, wie sie eigentlich langfristig – über 2050 hinaus – die grüne Null halten wollen.

Eine Antwort darauf, ob Ziele in der (einigermaßen) fernen Zukunft nun mittelfristig zu mehr oder weniger Dringlichkeit führen sollten, hat in dieser Woche auch das Bundesverfassungsgericht gegeben. Gerade weil für Deutschland fest steht, dass es zur Mitte des Jahrhunderts klimaneutral sein will, mahnten die Karlsruher Richter zu mehr Eile ab 2030: Denn nimmt man das Ziel wirklich ernst, muss man eher früher als später mit dessen Umsetzung beginnen und darf die Verantwortung für drastische Emissionssenkungen nicht überproportional auf später verlagern.

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