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Patrick Mariathasan / DER SPIEGEL

Kurt Stukenberg

SPIEGEL Klimabericht Die neue Dynamik beim Klimaschutz

Kurt Stukenberg
Von Kurt Stukenberg, stellvertretender Ressortleiter Wissenschaft
Beim Klima dominieren die schlechten Nachrichten – dabei gab es zuletzt gleich mehrere erfreuliche Entwicklungen. Sogar von einer Trendwende ist die Rede. Der Wochenüberblick zur Klimakrise.

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

wer sich zu schnell bewegt, verliert. Über Jahrzehnte musste man den Eindruck gewinnen, dass diese Grundregel des Behörden-Mikado ebenso auf dem internationalen Parkett der Klimaverhandlungen Anwendung fand. Auch nach der kurzen Euphorie des Paris-Abkommens tat sich über Jahre kaum nennenswert etwas bei der Bekämpfung der Klimakrise. Bis jetzt. Denn neuerdings ist beim Klimaschutz deutliche Dynamik zu spüren, auf staatlicher Ebene ebenso wie bei Unternehmen.

Wer nun gleich Schönfärberei ruft: Noch sind wir leider tatsächlich weit entfernt vom klimaverträglichen Leben und Wirtschaften. Der am heutigen Mittwoch veröffentlichte »Emissions Gap Report« des Uno-Umweltprogramms hat das gerade erst wieder gezeigt.

Richtig ist aber auch, dass immer mehr Länder ehrgeizige Klimaziele zumindest ankündigen – Japan, Südkorea und Südafrika etwa wollen zur Mitte des Jahrhunderts klimaneutral sein, die gesamte EU ohnehin. Auch China hat kürzlich versprochen, bis 2060 dieses Ziel zu erreichen und netto keine Emissionen mehr auszustoßen. Insgesamt 127 Länder, die für rund zwei Drittel der weltweiten CO2-Emissionen verantwortlich sind, haben Netto-Null-Ziele angekündigt.

»In den vergangenen Monaten gab es sehr positive Zeichen in der Klimapolitik«, sagt Niklas Höhne vom New Climate Institute im Gespräch mit dem SPIEGEL. »Die großen Player wie China und auch die USA sind wieder mit im Boot und haben sich erstmals dazu bekannt, langfristig keine fossilen Brennstoffe mehr zu nutzen.« Allein die Ankündigung Chinas – wenn sie dann eingehalten wird – könnte bis 2100 weltweit einen Unterschied bei der Erwärmung von 0,2 bis 0,3 Grad ausmachen, schreiben die Analysten um Niklas Höhne.

Zusammengenommen schlägt das nun auch auf die Szenarien zum Temperaturanstieg in 80 Jahren durch: Wenn diese Langfristziele wirklich eingehalten werden, könnte die Welt gerade noch so an schlimmsten Katstrophen vorbeischrammen, haben Klimaexperten von den Thinktanks Climate Analytics und New Climate Institute errechnet. Laut ihrer Auswertung  erwärmt sich das Weltklima dann durchschnittlich »nur« um 2,1 Grad. Damit könnten die Länder auch das Pariser Klimaziel – unter zwei Grad Erwärmung zu bleiben – zumindest annähernd einhalten. Noch vor wenigen Monaten waren die Analysten bei den derzeit umgesetzten Klimamaßnahmen der Länder von rund 2,9 Grad Erwärmung ausgegangen.

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Der am Montag vorgestellte Klimaschutzindex der Organisation »Germanwatch«  weist schon für das Berichtsjahr 2019 sinkende Trends bei den Emissionen vieler der größten CO2-Verursacher der Erde nach. Der Bericht zeige, »dass ein globaler Wendepunkt erreicht sein könnte«, so die Autoren. Den Spitzenplatz des neuen Rankings belegt Schweden, das sogar schon 2030 klimaneutral sein könnte. Ende der Woche wollen die Regierungschefs der EU noch einmal über eine Anhebung des kurzfristigen Klimaziels bis 2030 von derzeit 40 auf dann 55 Prozent beraten, das Parlament fordert gar 60 Prozent.

Bemerkenswert ist auch das gerade erst verkündete nationale Klimaziel Großbritanniens. Premierminister Boris Johnson kündigte an, die Kohlendioxidemissionen der Insel ab jetzt innerhalb von zehn Jahren um 68 Prozent unter den Wert von 1990 zu drücken. 

Was das erst einmal kostenlose Hochschrauben von Zielen praktisch bedeutet, hat Ende letzter Woche Dänemark ausbuchstabiert. Das Land ist der größte Produzent von Öl und Gas in der Europäischen Union und will bis 2050 die gesamte Förderung in der Nordsee einstellen. Das Parlament hat entsprechenden Plänen der Regierung zugestimmt. »Wir setzen jetzt dem fossilen Zeitalter ein endgültiges Ende«, sagte Klima- und Energieminister Dan Jörgensen.

Derweil scheint der Weg der deutschen Energiewirtschaft bei der Kohleverstromung nur noch eine Richtung zu kennen: bloß raus hier. Vergangene Woche gab die Bundesnetzagentur die Ergebnisse der ersten Ausschreibungsrunde für die Stilllegung von Steinkohleblöcken bekannt. Betreiber konnten sich um Prämien bewerben, wenn sie ihre Meiler vom Netz nehmen, wer dafür am wenigsten Geld verlangte, hatte die besten Chancen auf den Zuschlag. Zum Jahreswechsel gehen in Deutschland demnach nun elf Kohleblöcke auf einen Schlag vom Netz, die Ausschreibung sei »deutlich überzeichnet« gewesen, so die Behörde – die Konzerne lieferten sich also einen Wettlauf, wer als Erstes sein Kraftwerk schließen darf.

Und das ist noch nicht alles: Die EU klimaneutral zu machen, sei nicht nur möglich, sondern würde den Bürger auch nicht mehr kosten, heißt es in einer Studie der Unternehmensberatung McKinsey. Unter dem Strich würde ein durchschnittlicher Haushalt im Jahr 2050 im Vergleich zu heute genauso viel oder sogar weniger für Lebenshaltungskosten ausgeben. Auch der Arbeitsmarkt profitiere von dem Umbau: Zwar würden laut McKinsey sechs Millionen Jobs wegfallen, aber gleichzeitig elf Millionen hinzukommen. Das ist doch schon mal was.

Wenn Sie mögen, informiere ich Sie einmal in der Woche über das Wichtigste zur Klimakrise – Storys, Forschungsergebnisse und die neuesten Entwicklungen zum größten Thema unserer Zeit. Zum Newsletter-Abo kommen Sie hier.

Die Themen der Woche

Erhebung von Germanwatch: Diese Länder tun am meisten für den Klimaschutz
Skandinavische Länder und Großbritannien gehören im Weltranking zu den besten Klimaschützern. Deutschland ist nicht darunter – trotz Kohleausstieg und Klimapaket.

Uno-Bericht über weltweite Klimaziele: Auf dem Weg zu drei Grad Erderwärmung
Der weltweite CO₂-Ausstoß steigt weiter – trotz Corona-Knick, heißt es im neuen Bericht des Uno-Umweltprogramms. Ohne grüne Konjunkturpakete sei das Pariser Zwei-Grad-Limit nicht mehr zu retten.

Neues EU-Klimaziel: Osteuropäer und Frankreich pochen auf Atom-Revival
Kurz vor dem EU-Gipfel setzen sich sechs Staaten für ein Comeback der Kernkraft ein. In Brüssel fürchtet man, die Länder könnten ihre Zustimmung zum neuen Klimaziel an entsprechende Unterstützung knüpfen.

Von der Leyens Green Deal: Es geht doch, wenn man will – aber will man?
Die EU will 2050 klimaneutral sein. Oft wird das als dystopische Deindustrialisierung skizziert. Die Beratungsfirma McKinsey sagt: Kosten und Profite könnten sich ausgleichen. Allerdings bleiben wichtige Aspekte unberücksichtigt.

Größter Öl- und Gas-Produzent in der EU: Dänemark beendet Bohrungen in der Nordsee – im Jahr 2050
Das Parlament in Kopenhagen hat das Ende der dänischen Öl- und Gasförderung in der Nordsee beschlossen – für das Jahr 2050. Umweltschützer kritisieren das späte Ausstiegsdatum.

Frankreichs Präsident Macron: Ein Mann sieht grün 
Emmanuel Macron gibt sich als Vorkämpfer einer ehrgeizigen Klimapolitik, er will Milliarden für den ökologischen Wandel ausgeben. Aber kann er auch umsetzen, was er verspricht?

EU-Konzept: Europas Verkehr soll grüner werden
Die EU-Kommission arbeitet an ihrem Konzept für ein klimaneutrales Europa. Eine wichtige Rolle spielt dabei der Verkehr. Die vorab bekannt gewordenen Eckpunkte stoßen jedoch auf Kritik.

Umweltprojekt in Polen: Neue Biber braucht das Land 
In einem Nationalpark hat ein findiger Förster die Nager wieder angesiedelt. Taugen sie im Kampf gegen Erosion und Austrocknung der Landschaft?

Aufgewärmt

Der Klimabericht - Daten zur Lage des Planeten

Glossar

Begriff der Woche: Anthropozän – das »Zeitalter des Menschen«
Noch streiten Geologen, ob sich die Erde in einem neuen Zeitalter befindet, dem sogenannten Anthropozän. Was der Klimawandel damit zu tun hat.

Bleiben Sie zuversichtlich,

Ihr Kurt Stukenberg