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Kurt Stukenberg

SPIEGEL Klimabericht Die fehlenden Lehren aus der Krise

Kurt Stukenberg
Von Kurt Stukenberg, stellvertretender Ressortleiter Wissenschaft
Aus der Corona-Lage hätte eine Blaupause für richtige Klimapolitik werden können. Warum uns das (noch) nicht gelungen ist und was nun wichtig wird: der Wochenüberblick zur Klimakrise.

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

zumindest eines hätte man kurz vor seinem Ende über 2020 gern sagen wollen: Lektion gelernt. Für eine nächste globale Gesundheitsnotlage mag das sogar zutreffen, zumindest kann man sich nicht vorstellen, dass die Bundesrepublik noch einmal ohne eiserne Reserve an Masken und Hygieneartikeln in eine Pandemie schlittert. Auch das Einmaleins des Infektionsschutzes sollten wir für die nächsten Jahre draufhaben.

Doch die Hoffnungen, aus der Corona-Lage ließen sich vielleicht auch überzeugende Argumente für die Lösung der Klimakrise ableiten, die fast im Verborgenen all die Monate mitlief, wurden erst einmal enttäuscht.

Noch im Frühling schien es so, als zeigten Staat, Bürgerinnen und Bürger beim Umgang mit Corona das, was sie beim Klima bislang nicht vermochten: problemadäquates Handeln. Als bekannt wurde, welche Gefahren das Virus im Gepäck hat, handelte die Politik. Krisenstäbe wurden eingerichtet, weitreichende Beschlüsse zur Abwehr der Bedrohung gefasst und finanzielle Hilfen für Betroffene auf den Weg gebracht. Die Einschätzungen der Wissenschaft trafen auf offene Ohren in Ministerien und Behörden, auf die Experten wurde im ganzen Land gehört. Und die Bürger – vielleicht der wichtigste Aspekt dabei – erkannten den Ernst der Lage, gingen die Maßnahmen mit und trugen ihren Teil bei. Dabei hätte es bleiben müssen, wenn die Lösung der Coronakrise zur Blaupause für die Klimarettung hätte werden sollen.

Erst in der Rückschau wird deutlich, wie sich ab dem Sommer die Stimmung änderte und die Diskussionen zur Corona-Pandemie den über viele Jahre geführten Klimadebatten zu ähneln begannen: Nach dem ersten Schock der Erkenntnis schlug die Stunde der Relativierer.

Die Gefahren sind groß, keine Frage, aber denken wir auch die Belange der Wirtschaft ausreichend mit? Müssen wir nicht viel mehr abwägen zwischen dem nötigen Gesundheitsschutz und einer schweren Rezession, die er mit sich bringt? Brauchen wir nicht eindeutigere wissenschaftliche Befunde, bevor wir auf Verdacht ein ganzes Land lahmlegen, zumal es selbst unter Forschern ganz unterschiedliche Einschätzungen dazu gibt, wie schlimm die Lage wirklich ist?

Die heraufziehende Krise war weit weg

Obwohl die Experten auch in den Sommermonaten nicht müde wurden zu betonen, dass das Virus nichts an seiner Tödlichkeit eingebüßt hat und die Gesellschaft ihm so schutzlos ausgeliefert ist wie ehedem, begann sich das Land durch sinkende Infektionszahlen in Sicherheit zu wiegen. Der Winter, von dem man schon ahnte, dass er die Fallzahlen wieder hochtreiben würde, war weit weg. 

Natürlich ist der Vergleich zwischen Corona- und Klimakrise angreifbar, weil er an mehreren Stellen hinkt. Ambitionierte Klimapolitik liefe beispielsweise nicht auf ein Herunterfahren der Wirtschaft, Kontaktbeschränkungen und Reiseverbote hinaus. Klimapolitik ist vielmehr mittelfristige, gut organisierte Transformationspolitik, deren Früchte das Leben der Menschen angenehmer machen würde – Stichwort Luftverschmutzung. Wohlstand und Verteilungsgerechtigkeit könnten sogar zunehmen, bessere Jobs entstehen. Trotzdem sind die Parallelen im Umgang mit den so unterschiedlichen Krisen interessant, vor allem mit Blick auf die Sommermonate.

Die Zeit zwischen der ersten und der zweiten Coronawelle in Deutschland unterstreicht, wie schwer es der Gesellschaft fällt, sich mittel- und langfristig auf Krisenentwicklungen einzustellen. Im August erschien in der Fachzeitschrift Global Sustainability ein Beitrag  von ForscherInnen um Kira Vinke vom Potsdam Institut für Klimafolgenforschung, in der sich die AutorInnen mit den Parallelen zwischen der Corona-Pandemie und dem Klimawandel beschäftigten. Demnach habe sich gezeigt, dass Menschen zu kurzfristigen, tiefgreifenden Veränderungen ihres Lebensstils bereit seien, um die Viruspandemie zu bremsen. Umgekehrt seien die Bürger zögerlich, wenn es darum gehe, mit viel kleineren aber langfristigeren Veränderungen in ihrem Alltag die Klimakrise abzuschwächen.

Ein wesentlicher Unterschied zwischen Corona- und Klima besteht nun aber ausgerechnet beim Zeitfenster der Handlungsmöglichkeiten: Während es in der Viruslage nie ganz zu spät ist, bei akut hohen Fallzahlen mit Maßnahmen zu reagieren und so das Schlimmste zu verhindern, erfordert Klimapolitik vorausschauendes Handeln über Jahrzehnte, weil die Emissionen von heute, die Situation im Jahr 2050 und darüber hinaus festschreiben.

Was folgt daraus? Das Augenmerk in der Kommunikation zur Klimakrise in Deutschland sollte sich nicht zuvorderst darauf richten, dass wir uns schon mitten in der eskalierenden Katastrophe befinden, sondern das wir verglichen mit dem, was noch kommt, ganz am Anfang stehen – ihre Intensität aber von unserem heutigen Handeln bestimmt wird. Wichtiger als ein Bewusstsein für die schon beginnende Bedrohung in der Gegenwart ist eines für die in der Zukunft. 

Noch ist die Corona-Pandemie nicht vorbei, verglichen mit dem ruhigen Sommer, gleicht der Winter wieder eher dem Frühling, dem Beginn der Krise. Nicht ausgeschlossen also, dass wir doch noch die richtigen Lehren ziehen. Aber nicht mehr in diesem Jahr, so viel steht fest.

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Ihr Kurt Stukenberg

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