Christian Stöcker

Gespräche über die Klimakrise Von Lügen zu Lösungen

Christian Stöcker
Eine Kolumne von Christian Stöcker
Eine Kolumne von Christian Stöcker
Es ist sehr heiß dieses Wochenende, und den meisten Leuten dämmert mittlerweile auch, warum. Trotzdem passiert zu wenig Klimapolitik. Woran das liegt? Analyse eines Gesprächs mit dem Schornsteinfeger.
Foto: iStockphoto / Getty Images

Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass Ihnen, während Sie diese Kolumne lesen, ziemlich warm ist. Und nein, das ist nicht »normal« – Europas Temperaturen liegen vielerorts 12 bis 16 Grad über dem langjährigen Mittelwert  für diese Jahreszeit.

Im US-Staat Kansas liegen derweil Tausende durch zu feuchte Hitze verendete Rinder in der Landschaft herum , in Nebraska gab es diese Woche eine Tornado-»Superzelle« mit Hagelkörnern in der Größe von Tischtennisbällen , lebensbedrohliche Stürme ereigneten sich auch in Indiana  und Wisconsin . Im Yellowstone-Nationalpark und dem Umland in Wyoming  gab es so extreme Überflutungen, dass Brücken weggeschwemmt wurden.

In Teilen Frankreichs wurden Veranstaltungen im Freien und in Räumen ohne Klimatisierung verboten . Mehrere Städte stellen im Freien Nebelmaschinen  auf. Zur Erinnerung: Bestimmte Temperaturen kann ein Mensch, wenn die Luftfeuchtigkeit hoch ist, nicht längere Zeit überleben. Diese Temperatur liegt, wie eine neue Studie zeigt  »deutlich unter 35 Grad Celsius«. Das französische Innenministerium warnte über Twitter, man solle sich »nicht dem Wetter aussetzen«. Mit »Wetter« ist das gemeint, was früher »Sommer« hieß.

In Spanien und Frankreich brennt vielerorts der Wald , weil es nicht nur extrem heiß, sondern auch extrem trocken ist. Das ist übrigens auch ein großes Problem für Frankreichs Atomkraftwerke .

Man darf nie vergessen, dass all das immer noch nur der Beginn ist. Es geht jetzt erst richtig los, es wird vorerst nicht besser, sondern weiterhin schlimmer. Aber wir erzeugen ja, global gesehen, auch weiterhin Jahr für Jahr mehr CO₂, nicht weniger.

Ich habe in dieser Kolumne schon diverse Male darüber geschrieben, dass es einer gewaltigen Zahl von Menschen augenscheinlich weiterhin gelingt, diese äußerst bedrohlichen Fakten weitgehend auszublenden. Ich habe auch schon diverse Male psychologische Erklärungen für diese Blindheit erläutert, und auch, was sich an diesen Faktoren gerade ändert. Aber geht diese Änderung schnell genug?

Alle, mit denen ich in den vergangenen Monaten über dieses Thema gesprochen  habe (es sind ziemlich viele), treibt diese Frage mehr als alles andere um: Fernsehstars und Ökonominnen, 80-jährige Veteranen der Umweltbewegung und 20-jährige Aktivistinnen, Regisseure, Philosophinnen, Journalisten, Studierende. Wie kann es sein, dass die Leute weiterhin so ruhig sind?

Ein erhellendes Gespräch mit dem Kaminkehrer

So bitter das klingt: Viele Menschen haben wohl nach wie vor nicht zu viel Angst vor der Klimakrise, sondern zu wenig. Sonst müssten Wahlergebnisse anders aussehen, politische Debatten anders verlaufen. Sonst müsste einfach mehr passieren, das in die richtige, nicht weiterhin in die falsche Richtung läuft.

Diese Woche hatte ich eine erhellende Konversation mit unserem Schornsteinfeger. Sie hat mich bei dieser Frage ein entscheidendes Stück weitergebracht.

Der Schornsteinfeger ist ein freundlicher Mann mit grauem Schnauzer. Ein zupackender Typ, der sich für Technik interessiert. Er stellte erstaunt fest, dass unser Schornstein ja gar nicht benutzt worden sei. Wir haben einen Holzofen für Notfälle, aber wenn der Strom nicht ausfällt, benutzen wir den auch im Winter nicht. Und unser Haus ist hervorragend gedämmt.

Anschließend sprachen wir über das Wetter. Über die Temperaturen in Frankreich und Spanien, über das bevorstehende Wochenende in Deutschland.

»Nee, das wird auch wieder weniger«

»Das wird jetzt immer schlimmer«, sagte ich. »Nee, das wird auch wieder weniger«, antwortete er, »die Erde wackelt«. Irgendetwas mit der Entfernung zur Sonne. Anschließend verwies er darauf, dass es auf der Erde doch schon immer »CO₂ und Stickstoff« gegeben hätte, und dass auch Vulkane CO₂ ausstießen.

Ich widersprach energisch und hielt ein Kurzreferat über CO₂-Konzentrationen in der Atmosphäre und deren Anstieg in den vergangenen 70 Jahren, über ausgegrabenen, uralten Kohlenstoff, den wir seit 220 Jahren verfeuern, und so weiter. Beim Thema CO₂-Konzentration warf mein Schornsteinfeger die korrekte Maßeinheit »ppm« (parts per million) ein, um mir zu signalisieren, dass ich ihm da nichts Neues erzählte.

Das war der erste Erkenntnismoment des Gesprächs: Der Mann weiß durchaus, was wirklich los ist. Aber er erzählt sich selbst und jedem, der es hören will, lieber eine andere Geschichte.

Warum mir der Gaspreis egal ist

Damit war er bei mir selbstverständlich an der falschen Adresse, aber ich wollte mich auch nicht streiten. Also begann ich, um eine positive Wendung des Gesprächs bemüht, von unserer Erdwärmepumpe und der Fotovoltaikanlage auf unserem Dach zu schwärmen, und von der Tatsache, dass mir persönlich der aktuelle Gaspreis egal sein kann.

»Ja, aber wie viel CO₂ steckt denn in den Solarzellen?«, fragte mein Schornsteinfeger zurück, jetzt augenscheinlich doch an CO₂-Vermeidung interessiert. Ich versicherte ihm, dass Solarzellen sich, entgegen solchen häufig vorgebrachten Einwänden, sehr schnell klimatechnisch amortisieren, hatte aber leider keine Zahl parat.

Mittlerweile habe ich nachgesehen: Einer Studie des Umweltbundesamtes von 2021  zufolge liegt die sogenannte Energy Payback Time einer in Deutschland betriebenen Solaranlage, je nach verwendeter Zellentechnik, zwischen 0,9 und 2,1 Jahren. Spätestens dann ist sie gut fürs Weltklima.

Das Windrad muss 750 Jahre laufen?

Mein Schornsteinfeger ließ aber nicht locker, immer freundlich lächelnd: Ältere Windkraftanlagen, die damals noch aus Aluminium hergestellt worden seien, seien erst nach 750 Jahren klimaneutral, behauptete er. Ich erwiderte, dass ich gerne die Quelle für diese Angabe wüsste, und er murmelte etwas von »Reader’s Digest«.

Er wusste außerdem durchaus, wie sich dann zeigte, dass moderne Windkraftanlagen völlig anders konstruiert werden – aber was ihm zum Thema einfiel, war dann doch diese groteske, in keinem Bezug zur gegenwärtigen Realität stehende Pseudoinformation. In der Psychologie nennt man so etwas »Aufwertung konsonanter Information«. Wie ein Raucher, der einen Raucher kennt, der 90 Jahre alt geworden ist.

Ich verlegte mich auf eine Strategie, die mir in letzter Zeit erfolgversprechend erscheint und wies auf den tatsächlichen Feind in dieser Frage hin: Die Konzerne, die mit fossilen Brennstoffen ihr Geld verdienen und seit Jahrzehnten mit gewaltigen Summen Desinformationskampagnen finanzieren , unter anderem mit dem Ziel, jede Alternative zu ihren Geschäftsmodellen als unmöglich darzustellen.

Jeder der Konzerne gebe Dutzende Millionen pro Jahr für Lobbying aus, ergänzte ich, und das stimmt: Bei BP sind es 53 Millionen Dollar, bei Shell 49, bei ExxonMobil 41 und bei Chevron und Total je 29 Millionen Dollar – pro Jahr. Zusammen also mindestens 200 Millionen Dollar pro Jahr, um effektive Klimagesetzgebung zu verhindern. Das sage übrigens nicht ich, das sagt »Forbes« . Der Schornsteinfeger nickte ernst.

Nein, ein Windrad ist nach 11 Monaten CO₂-neutral

Kurz noch zu der Frage, ab wann Windkraftanlagen ihre CO₂-Herstellungskosten amortisiert haben: Laut der genannten Studie des Umweltbundesamtes dauert das, je nachdem, mit welchem Strommix man sie vergleicht und wo sie stehen (Offshore ist noch besser als an Land), 2,5 bis 11 Monate.

Viele der im Umlauf befindlichen Pseudoargumente sind so einfach zu entkräften.

An dieser Stelle erzählte mein Schornsteinfeger die Geschichte eines Bekannten, der sich gerade eine Klein-Windkraftanlage an sein Reihenhaus montiert habe. Nach 2 Tagen habe der Mann verzweifelt angerufen und gebeten »das Ding wieder abzumontieren«. Die ganze Häuserreihe habe ständig vibriert, im Mauerwerk zeigten sich Risse – und die Leistung der Anlage sei niedriger als angegeben.

Zufällig hatte ich mich mit der Möglichkeit privater Windkrafterzeugung schon beschäftigt und konnte deshalb darauf hinweisen, dass private Anlagen in Wohngebieten, mehr noch Anlagen, die direkt am Haus befestigt sind, von seriösen Ratgebern generell als Schnapsidee bezeichnet werden.

Und jetzt zum Positiven

Mein Schornsteinfeger erzählte anschließend, nun durchaus wohlwollend, von seinem Schwager, der sich auf sein winziges Häuschen auf einer Mittelmeerinsel natürlich längst Solarzellen gebaut habe und »fast autark« sei. Der Schwager denke nun seinerseits über den Zubau einer kleinen Windenergieanlage nach. Der Schornsteinfeger verwies auf die kleinen Windräder, die Segler wie er selbst benutzen, um die Batterien ihrer Boote aufzuladen und sprach informiert über die problematische Wechselwirkung von Solarzellen und Seewasser. Dann verabschiedeten wir uns freundlich voneinander.

Klimakrise

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Erst nach dem Gespräch wurde mir klar, was ich da gerade erlebt hatte.

Mein Schornsteinfeger ist jemand, dessen Lebensunterhalt von der Instandhaltung von Anlagen zum Verbrennen von Zeug abhängt. Aber auch jemand, der sich für Technik und Energieversorgung interessiert.

Die Unschärfewolke

In seinem Kopf scheint es eine Art Unschärfewolke zum Thema Klimakrise zu geben, aus der jeweils das herausgefischt wird, was gerade passt: Ja, es wird heißer im Moment, aber »das geht auch wieder vorbei, die Erde wackelt«, »es gab schon immer CO₂ und Stickstoff«, »auch Vulkane erzeugen CO₂«. Wenn man aber nachbohrt, dann ist da doch auch die Maßeinheit »ppm« präsent. Ok, ja. CO₂ ist vielleicht doch ein Problem. Und ja: Dass uns Leute mit sehr viel Geld seit Jahrzehnten gezielt belügen, ist schon verdächtig.

Wenn diese Schwelle dann überschritten ist, man sich also darauf geeinigt hat, dass es doch eine menschengemachte Erderwärmung und konkrete Schuldige gibt, kommt eine weitere Schicht aus die Bestätigungsverzerrung bedienenden Anekdoten, Halb- und Pseudowissen: »Windkraft und Sonnenenergie sind auch nicht CO₂-neutral«, »private Windkraftanlagen bringen nichts und machen Häuser kaputt«.

Die Wolke im Kopf meines Schornsteinfegers ist gewissermaßen die perfekte Verkörperung jahrzehntelanger Leugnerpropaganda von Öl- und Kohlekonzernen und gleichzeitig von der »Zweifel an Veränderungsmöglichkeiten säen«-Propaganda von Organisationen wie der »Initiative neue soziale Marktwirtschaft«.

So sieht die Wolke aus:

  • Schicht 1: Leugnen, Abwiegeln, Zweifeln, Alternativerklärungen

  • Schicht 2: Problem akzeptieren, aber Lösungen anzweifeln oder für unmöglich erklären

Schafft man es, beide Schichten zu durchbrechen, kommt man bei einer an, mit der man gesellschaftlich wirklich arbeiten könnte, gerade hierzulande: Begeisterung für pragmatische, technische Lösungen, für Einsparpotenziale, für »Autarkie«.

Für Lösungen also.