Stefan Rahmstorf

Klimakrise Warum zwei Grad Erderwärmung zu viel sind

Stefan Rahmstorf
Ein Gastbeitrag von Stefan Rahmstorf
Seit mehr als zehn Jahren wird international debattiert, ob die Erderwärmung bei 1,5 oder 2 Grad gestoppt werden soll. Aber kommt es überhaupt auf ein halbes Grad an?
Mit jedem Zehntel Grad wachsen auch die Gefahren für uns Menschen, Opfer von Überflutungen, Ernteausfällen oder Tropenstürmen zu werden

Mit jedem Zehntel Grad wachsen auch die Gefahren für uns Menschen, Opfer von Überflutungen, Ernteausfällen oder Tropenstürmen zu werden

Foto: Francis Mascarenhas/ REUTERS

Fast wäre das Pariser Abkommen 2015 an dieser Frage gescheitert: 1,5 oder 2 Grad? Was sollte als gerade noch tolerierbare Obergrenze der globalen Erwärmung gelten? "Die verflixten anderthalb Grad" titelte der SPIEGEL damals. Rund 40 kleine Inselstaaten waren entschlossen, Paris nicht ohne 1,5-Grad-Ziel zu verlassen – denn so manche von ihnen fürchteten zu Recht, mit 2 Grad den Untergang ihres Staatsgebiets zu unterschreiben.

Die Debatte über die Obergrenze der Erderhitzung hatte da schon eine lange Vorgeschichte. Bereits 1987 hatte der damalige Präsident der Malediven, Maumoon Abdul Gayoom, vor der Uno-Vollversammlung eindringlich vor dem drohenden Untergang seiner Nation gewarnt . 2009 beschloss der Klimagipfel in Kopenhagen formell eine 2-Grad-Grenze – aber mit der Hintertür, auch eine Begrenzung auf unter 1,5 Grad "zu erwägen". Ich selbst habe bei der dem Gipfel vorangegangenen Wissenschaftskonferenz in Kopenhagen argumentiert , dass 2 Grad Erwärmung große Risiken bedeuten würde.

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Foto: Astrid Eckert

Stefan Rahmstorf schreibt regelmäßig für den SPIEGEL über die Klimakrise. Er ist Klima- und Meeresforscher und leitet die Abteilung Erdsystemanalyse am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK). Seit dem Jahr 2000 ist er zudem Professor für Physik der Ozeane an der Universität Potsdam. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören die Paläoklimaforschung, Veränderungen von Meeresströmungen und Meeresspiegel sowie Wetterextreme.

Der nächste Gipfel in Cancun beschloss, diese Frage "auf Basis der besten verfügbaren wissenschaftlichen Kenntnisse" zu klären. Vor dem Pariser Klimagipfel 2015 erschien dazu ein Uno-Bericht  auf Grundlage von Konsultationen mit 70 Wissenschaftlern. Die Folgerung war klar: Eine Begrenzung auf 2 Grad wäre "inadäquat". Seit 2018 gibt es dazu auch einen ausführlichen Sonderbericht des Weltklimarats IPCC .

Was sind die Unterschiede zwischen 1,5 Grad und 2 Grad Erwärmung? Das sind die wichtigsten Punkte:

Insgesamt kann man sagen, dass bei einer Erwärmung um 2 Grad die Folgen des Klimawandels, die wir teils schon heute spüren, graduell immer schlimmer werden. Die Häufigkeit von tödlichen Hitzewellen etwa, wie im "Jahrhundertsommer" 2003, der in Europa rund 70.000 Menschenleben kostete. Zudem bedeuten 2 Grad im globalen Mittel für die meisten Landgebiete 3 bis 4 Grad Erhitzung .

Dazu kommt die Häufigkeit von Überflutungen durch Extremregen  (Beispiel Braunsbach 2016). Oder wachsende Probleme mit Dürren und Wassermangel, wie die letzten Jahre auch in Deutschland. Oder noch heftigere tropische Wirbelstürme – schon in den letzten vier Jahrzehnten hat der Anteil der stärksten Hurricane-Kategorien 3 bis 5 ("major hurricanes") an allen Hurricanes in den Satellitenbeobachtungen um ein Viertel zugenommen , angefacht durch steigende Meerestemperaturen.

Darüber hinaus gibt es kritische Grenzen der Belastbarkeit von Ökosystemen, die schon unterhalb von 2 Grad überschritten werden. So rechnet der IPCC bei 2 Grad praktisch mit dem Totalverlust der tropischen Korallenriffe. Gelingt es dagegen, die globale Erwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen, könnten 10 bis 30 Prozent der Korallen überleben. Das lange vorhergesagte weltweite Korallensterben ist inzwischen in vollem Gang .

Auch für die Wälder gibt es kritische Grenzen – trocknen sie zu stark aus, werden sie leicht Opfer von Insektenbefall oder verheerenden Bränden , oft ausgelöst durch Blitzschlag, wie dieses Jahr in Australien, Sibirien, Kalifornien oder Colorado . Selbst der Amazonasregenwald war in den vergangenen Jahrzehnten von extremen Dürren betroffen, die das Baumwachstum stark geschwächt und die Kohlenstoffspeicherung reduziert haben.

Kipppunkte im Klimasystem

Hinzu kommt ein langjähriger Trend: Die Trockenzeit dauert Jahr für Jahr länger. Setzt sich dies in den kommenden Jahrzehnten fort, droht der Wald bei weiterer Erwärmung stark zu degradieren. Wenn Wälder in großem Ausmaß verloren gehen, wird dabei CO2 freigesetzt, was die globale Erwärmung weiter anheizt.

Drittens gibt es auch Kipppunkte in der Physik des Klimasystems , etwa bei den Eismassen oder dem Monsun. Zwischen 1,5 und 2 Grad steigt das Risiko erheblich, solche Kipppunkte zu überschreiten. Bei den träge reagierenden Eismassen entfalten sich die Folgen dessen, was wir heute auslösen, noch über viele Jahrhunderte. Wir belasten damit viele nachfolgende Generationen.

So steigt der Meeresspiegel bei 2 Grad Erwärmung zwar bis Ende des Jahrhunderts nur um rund zehn Zentimeter mehr als bei 1,5 Grad – auf lange Sicht dürfte dadurch aber eher ein Meter zusätzlich "einprogrammiert" sein. Und sollte der Kipppunkt des Grönlandeises zwischen 1,5 und 2 Grad liegen, wäre der Unterschied sogar mehrere Meter. Dieser Punkt dürfte irgendwo zwischen 1 und 3 Grad Erwärmung liegen . Leider lässt sich bei Kipppunkten die genaue Lage oft nicht besser bestimmen, selbst wenn der physikalische Mechanismus gut verstanden ist.

Beim Überschreiten von 1,5 Grad wird die Welt also nicht mit einem großen Knall untergehen, es ist dann nicht alles verloren. Doch werden die Menschen dann wahrscheinlich bitter bereuen, nicht schon viel früher  der Wissenschaft zugehört zu haben. Und es wird dann darum gehen, trotz aller schon erlittenen und für die Zukunft ausgelösten Verluste, die Erwärmung wenigstens bei 1,6 oder 1,7 Grad zu stoppen.

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Jedes Zehntel Grad mehr spielt eine Rolle

Denn mit jedem weiteren Zehntel Grad werden mehr Ökosysteme unwiederbringlich zerstört, Wälder abbrennen, Korallenriffe ausbleichen, Tier- und Pflanzenarten aussterben. Mit jedem Zehntel Grad wachsen auch die Gefahren für uns Menschen, Opfer von Überflutungen, Ernteausfällen oder Tropenstürmen zu werden. Mit jedem Zehntel Grad wird der Meeresspiegel für viele Generationen immer höher steigen, und das Risiko, kritische Kipppunkte zu überschreiten, wächst. Schon heute ist unser Planet sehr wahrscheinlich wärmer als jemals in der Geschichte des  homo sapiens .

Und wie ging der Verhandlungskrimi in Paris aus? Die EU-Länder, die USA und andere bildeten mit den Inselstaaten eine "high ambition coalition ", der es am Ende gelang, die alte 2-Grad-Grenze deutlich zu verbessern. Das Pariser Abkommen verspricht nun, die Erwärmung auf deutlich unter 2 Grad zu begrenzen und "Anstrengungen zu unternehmen", sie bei 1,5 Grad zu stoppen.

Ob wir auf 1,5, 1,8 oder gar 2 Grad zusteuern, ist auch deshalb sehr wichtig, weil jedes Zehntel Grad knapp 200 Milliarden Tonnen CO2-Budget entspricht . Um mit 50 Prozent Wahrscheinlichkeit bei 1,5 Grad zu landen, kann die Welt nur noch 450 Milliarden Tonnen ausstoßen – nur ein Drittel der entsprechenden Menge für 2 Grad!

Umso erstaunlicher ist, dass die Bundesregierung nach Paris ihre Klimaziele – die bis dato von einem 2-Grad-Ziel ausgingen – nicht entsprechend angepasst und die noch geplante CO2-Emissionsmenge auf ein Drittel oder wenigstens auf die Hälfte reduziert hat. Sollte die Regierung in Paris etwas versprochen haben, was sie nie umzusetzen gedachte – trotz eines einstimmigen Bundestagsbeschlusses?

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