Christian Stöcker

Klimakrise Wer bremst, verliert

Christian Stöcker
Eine Kolumne von Christian Stöcker
Sah man sich den Bundestagswahlkampf im deutschen Fernsehen an, musste man den Eindruck gewinnen, Klimaschutz sei furchtbar teuer. Dabei zeigen diverse aktuelle Studien Erfreuliches: Das Gegenteil ist richtig.
Solarpark: Die Preise vor allem für Wind- und Solarstrom sind seit vielen Jahren im freien Fall

Solarpark: Die Preise vor allem für Wind- und Solarstrom sind seit vielen Jahren im freien Fall

Foto: Sven-Erik Arndt / Universal Images Group via Getty Images
»All dieses Geld würde in unseren Taschen landen – aber es käme aus den Geldbeuteln von Leuten, die Ölquellen und Kohleminen besitzen, was der Grund dafür ist, dass die Fossilbranchen so hart daran arbeiten, Sand ins Getriebe zu streuen.«

Autor und NGO-Gründer Bill McKibben

In jedem der drei Trielle zur Bundestagswahl wurde, in unterschiedlichen Formulierungen, immer wieder die gleiche, leider ausgesprochen dumme Frage gestellt. In Kurzform lautet sie etwa so: Das wird doch alles wahnsinnig teuer mit dem Klimaschutz, oder? Die Moderatoren verbissen sich regelrecht in dieses Thema, forderten Bekenntnisse, Beichten, Offenlegung des Schrecklichen, das uns angeblich droht, wenn wir endlich Ernst machen mit der Umstellung unserer Energieversorgung.

Dass diese Frage auch nur ein einziges Mal gestellt wurde, ist, das muss man leider so deutlich sagen, Ausdruck eines flächendeckenden journalistischen Versagens. Die Moderationsteams waren, insbesondere beim Thema Klima, einfach nicht auf der Höhe der Zeit. Vielleicht hatten sie auch wirklich das Gefühl, wenn all die Wetterkatastrophen des Jahres 2021 schon Wahlkampf für die Grünen machen, dann müssen wir wenigstens gegenhalten, wer weiß.

Fakt ist, dass die Frage »Was kostet Klimaschutz« nachweislich falsch gestellt ist. Die korrekte Frage lautet: »Was kostet es, wenn wir weiterhin keinen Klimaschutz machen?« Denn das wird wirklich teuer. Und zwar nicht nur wegen der Schäden, die die Klimakrise schon jetzt anrichtet.

Glauben Sie nicht mir, glauben Sie der Ökofantasterei unverdächtigen Institutionen wie der Europäischen Zentralbank, der Oxford University oder der Nachrichtenagentur Bloomberg. Alle drei haben in letzter Zeit Studien veröffentlicht, die in einem Punkt glasklar sind und völlig übereinstimmen: Teuer ist es, nicht zu handeln. Und es wird immer teurer, je länger man wartet. Wer schnell umstellt, kann sich dagegen auf sensationelle Einsparungen freuen. Nicht nur in CO₂, auch in Euros.

Je früher die Welt endlich aufwacht, sich von fossilen Brennstoffen verabschiedet und ihre Energieversorgung mit Strom aus Sonne, Wind und Wasserkraft deckt, desto billiger wird das. Und zwar nicht nur, weil Klimaschutz künftige Katastrophen verhindern kann, die extreme Schäden verursachen werden. Sondern auch, weil – schon jetzt! – Strom aus erneuerbaren Energiequellen vielerorts billiger ist als dreckiger Strom.

Auch bei uns.

Hier ein Satz aus der auf erneuerbare Energien spezialisierten Einheit von Bloomberg (BNEF) : »In Staaten einschließlich China, Indien und Deutschland ist es jetzt billiger, ein neues, großes Solarkraftwerk zu errichten, als ein bereits existierendes Kohle- oder Gaskraftwerk weiterzubetreiben.«

Haben Sie mitbekommen, dass China keine Kohlekraftwerke mehr im Ausland bauen will ? Das hat seinen Grund, und der hat auch mit wirtschaftlichen Erwägungen zu tun.

Auch die EZB kommt in einer Studie  zu dem Schluss, dass kein Klimaschutz deutlich teurer ist als Klimaschutz, und dort sind die dramatisch fallenden Kosten erneuerbarer Energien noch gar nicht ganz eingepreist: »Die Ergebnisse zeigen, dass schnelles Handeln klare Vorteile bietet: Die kurzfristigen Kosten des Übergangs verblassen im Vergleich zu den mittel- und langfristigen Kosten ungebremsten Klimawandels.« Zudem bringe schnelles politisches Handeln zusätzliche Vorteile, weil effiziente Technologien dadurch schneller verfügbar würden.

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Tatsächlich sind die Preise vor allem für Wind- und Solarstrom seit vielen Jahren im freien Fall, und das könnte man als Journalist im Jahr 2021 eigentlich wirklich wissen. Eine Studie aus Oxford zeigt aber, dass diese Tatsache sogar in den gängigen Modellen für Energiewirtschaft konsequent ignoriert wird: »Ein schneller Übergang zu grüner Energieversorgung würde vermutlich Billionen von Dollar einsparen – selbst dann, wenn man die Schäden durch den Klimawandel und andere Vorteile von Klimaschutz nicht mit einrechnet.«

Seit vielen Jahren setzen Unternehmen, aber auch Forschende, die sich mit diesen Fragen beschäftigen, immer wieder völlig falsche Prognosen für die künftige Preisentwicklung an, wie die Studie zeigt . Es handelt sich nur um ein Arbeitspapier, aber die Zahlen sprechen auch ohne Peer Review für sich: Immer wieder werden beispielsweise in Studien neue Preisuntergrenzen behauptet, die eine Megawattstunde Solar- oder Windstrom angeblich nicht unterschreiten kann. Und immer wieder durchschlägt der weiterhin exponentiell fallende Preis diese vermeintlichen Untergrenzen völlig ungebremst. Viele bisherige Studien litten an willkürlichen und rückblickend nachweislich falschen Annahmen.

Ich habe letztes Jahr ein Buch veröffentlicht, dessen letztes Kapitel genau aus diesem Grund heißt: »Nur die Exponentialfunktion kann uns retten«. Jetzt zeigt sich: Sie fängt bereits damit an.

»Ein langsamerer Übergang (der langsamere Umstellungsraten vorsieht als die aktuell vorherrschenden) ist teurer, und ein auf Nuklearenergie basierender Übergang ist wesentlich teurer«, so die Autoren aus Oxford.

Es wird höchste Zeit, dass die Debatte über die ohnehin absolut zwangsläufige Umstellung unserer Energieversorgung endlich nicht mehr auf Fiktionen aufbaut wird, die nur der Kohle-, Öl- und Gasbranche nutzen. Die immer wieder gestellte dumme Frage nach den »Kosten« der Energiewende ist ein Erfolg von rücksichtslosem fossilem Lobbyismus.

Tatsächlich reflektiert der aktuelle CO₂-Preis noch lange nicht die wahren Kosten, die die Krise schon jetzt verursacht. Und trotzdem gilt beim Klimaschutz schon jetzt: Wer bremst, verliert. Und zwar nicht zuletzt eine gewaltige Menge Geld.

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