Christian Stöcker

Klima und Geld Wie Reiche die Welt verbessern können

Christian Stöcker
Eine Kolumne von Christian Stöcker
Wohlhabende Menschen erzeugen die meisten Treibhausgase, Arme leiden am meisten unter der Klimakrise. Reiche können aber auch ein effektiver Teil der Lösung sein – gerade Deutschland hat das bereits gezeigt.
E-Porsche Taycan: Wohlhabende tragen eine besondere Verantwortung für die Klimakrise

E-Porsche Taycan: Wohlhabende tragen eine besondere Verantwortung für die Klimakrise

Foto: VCG / IMAGO

In wissenschaftlichen Fachpublikationen ist es eher die Ausnahme, dass Autorinnen und Autoren über ihre eigenen Einkommensverhältnisse reden. In einer diese Woche in »Nature Energy« erschienenen Studie  ist das anders: »Wir vertreten hier die Ansicht, dass Menschen mit hohem sozioökonomischem Status, zu denen, zahlreichen Kriterien zufolge, auch die Autoren und viele Leser dieser Analyse gehören, in einer guten Position sind, um das Verhalten anderer Personen, Organisationen und politischer Systeme zu beeinflussen.«

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Das ist deshalb wichtig, weil wohlhabende Leute auch den meisten Dreck machen: »Menschen, die hinsichtlich ihres Einkommens zum global obersten einen Prozent gehören, verursachen doppelt so viel konsumbasierte Emissionen wie die unteren 50 Prozent (15 Prozent zu 7 Prozent).« Noch mal langsam: Das oberste Prozent verursacht doppelt so viel CO₂ wie die ganze untere Hälfte.

Deutschland ist ein sehr reiches Land

Zu diesem globalen Top-1-Prozent zählen alle Haushalte mit einem Jahreseinkommen von über 109.000 Dollar. 7,1 Prozent all jener, die weltweit zu dieser Gruppe gehören, leben in Deutschland.

Es ist übrigens auch nur ein Prozent der Weltbevölkerung für die Hälfte aller durch Flüge verursachten Treibhausgasemissionen verantwortlich. Wenn Vertreter »konservativer« Parteien den »Flug nach Mallorca« als heilige Kuh beschwören, ist das immer ein Versuch, von den realen Gegebenheiten abzulenken: Am meisten fliegen nun einmal die Reichen. Und keine individuelle Aktivität verursacht vergleichbar viele Treibhausgase.

Fun Fact: Deutsche Unternehmen haben durch weggelassene Dienstreisen im Zuge der Pandemie 11 Milliarden Euro eingespart.

Wohlhabende fahren aber auch größere Autos, wohnen in größeren Häusern, konsumieren mehr. Sie tragen also eine besondere Verantwortung für die Klimakrise, während besonders arme Menschen am meisten unter deren Folgen zu leiden haben. Diese Kluft wird weiter wachsen, je wärmer es auf der Erde wird.

Investoren, Vorbilder, Lobbyisten

Wohlhabende können aber auch, so das Forscherteam um den Psychologen Kristian Nielsen von der University of Cambridge, überproportional zur Lösung beitragen. Und zwar nicht nur, weil sie viel konsumieren. Wohlhabende Menschen haben oft auch als Investoren, als Rollenvorbilder, als Mitglieder großer Organisationen und Unternehmen und natürlich auch als Bürger mehr Einfluss als andere. Im Zweifel bringen sie mehr Lobbymacht auf die Waage als weniger wohlhabende Menschen.

Reichtum oder Wohlstand kann man hier übrigens sowohl national als auch global betrachten. Global gesehen sind wir Deutschen beispielsweise fast alle überdurchschnittlich wohlhabend. Das mittlere, also das Median-Haushaltseinkommen weltweit lag 2013 bei unter 10.000 Dollar. Das deutsche ist mehr als dreimal so hoch.

Wie Deutschland einmal die Welt verbesserte – und schwieg

Das von Leuten, die nichts gegen die Klimakrise tun wollen, mantrahaft wiederholte »Aber wir sind doch nur für zwei Prozent der globalen Emissionen verantwortlich«, ist deshalb gleich in zweifacher Hinsicht irrelevant: Erstens haben wir einen großen Teil unserer konsumbasierten Emissionen einfach in die Länder exportiert, in denen die Waren produziert werden, die wir mit unserem vielen Geld kaufen. Und zweitens macht es eben einen besonderen Unterschied, wie sich Reiche wie wir verhalten.

Wir haben das sogar schon bewiesen, aber dieser sensationelle Erfolg deutscher Politik wird seltsamerweise praktisch totgeschwiegen: Die deutsche Energiewende ist ursächlich dafür verantwortlich, dass die Preise für Fotovoltaik-Strom seit vielen Jahren exponentiell fallen.

Glauben Sie nicht mir, glauben Sie dem Zentralorgan des globalen Kapitalismus, dem »Economist«. In einem Anfang des Jahres erschienenen Rückblick beschreibt das wirtschaftsliberale Magazin den Einstieg in die deutsche Vergütung für Solarstrom im Jahr 2004 mit den Worten »Die Lunte war angezündet«. Und dann: »Die Rakete hob ab. Bis 2012 hatte Deutschland mehr als 200 Milliarden an Subventionen ausgezahlt. Aber es hatte auch die Welt verändert. «

Der exponentielle Preissturz für Fotovoltaikkapazität, den Deutschland fraglos in Gang gesetzt hat, hält bis heute an. Wussten Sie das?

Haben Sie im Wahlkampf mal einen deutschen Politiker gehört, der darauf hinweist, dass Deutschland die Welt verändert hat, und zwar aufs Wünschenswerteste? Nein? Ich auch nicht. Deutsche Politiker sagen eher Sätze wie: »Wir müssen die Energiekosten senken.« Oder: »Jedes zusätzliche Windrad schadet der Kohle.«

Zweites Beispiel: Tesla

Zweites Beispiel, diesmal nicht auf nationaler, sondern auf individueller Ebene: die Preise für Batterien. Den ersten Schub für die Akkutechnik, die Elektroautos plötzlich bezahlbar und praktikabel machte, brachte der Siegeszug des Smartphones. Dann aber, so hat es mir der Verhaltensökonom Martin Schonger, der in Luzern und Zürich lehrt, kürzlich erklärt , kam ein zweiter Faktor dazu: Tesla.

Elon Musk entschied, es anders zu machen als alle anderen Autobauer: Er stattete nicht Mittelklasseautos mit Mittelklassekarosserien mit Elektromotoren aus. Er ließ für wohlhabende Menschen begehrenswerte, sofort als E-Mobil erkennbare Fahrzeuge bauen. Er zielte direkt auf Identifizierbarkeit und auf die Oberklasse. »Airbags wurden ja auch zuerst in die S-Klasse und nicht in den Polo eingebaut«, sagt Schonger.

Die Wohlhabenden der Welt bestellten so viele Teslas, dass die Firma bekanntlich mit der Produktion nicht hinterherkam. Das sorgte für eine gewaltige Nachfrage nach Batteriezellen und das wiederum für einen harten Konkurrenzkampf unter asiatischen Lieferanten. Seit zehn Jahren fallen die Preise für Batteriekapazität, und zwar einmal mehr exponentiell. Dazwischen gibt es Hickser, wenn bestimmte Rohstoffe knapp werden, gleichzeitig aber werden plötzlich – obwohl lange Zeit behauptet wurde, das sei utopisch – ständig bessere Batterietechnologien entwickelt.

Tesla baut jetzt Lithium-Eisenphosphat-Akkus , Porsche lässt demnächst welche bauen, in denen Graphit- durch Siliziumanoden ersetzt werden. Letzteres erhöht die Energiedichte, es passt also mehr Strom ins gleiche Volumen, ins gleiche Gewicht. Batterien mit Siliziumanoden lassen sich außerdem schneller aufladen, Akkus mit Eisenphosphat halten länger.

Reiche erzeugen Nachfrage

All das hat etwas mit Nachfrage zu tun, und im Erzeugen von Nachfrage sind Wohlhabende eben besonders gut. Wohlhabende Länder wie Deutschland ebenso wie wohlhabende Menschen wie die Tesla-Kunden. Inzwischen fahren auf Deutschlands Straßen mächtige Elektroporsches herum, und die neuen Rollenvorbilder, etwa videospielende Twitch-Streamer, kaufen sich solche Fahrzeuge jetzt als Angeberobjekte . Über die Sinnhaftigkeit riesiger Elektrosportwagen kann man sicher streiten, nicht aber über die Tatsache, dass dramatisch fallende Preise für Energiespeicher eine hervorragende Nachricht sind.

Wohlhabende und Reiche können und sollten in den nächsten Jahren dringend noch viel mehr zur Transformation hin zu einer überlebensfähigen Weltwirtschaft beitragen. Sie müssen die neuen Standards setzen. Die Autoren der zu Beginn zitierten Studie haben aber auch ein paar konkrete Regulierungsvorschläge, zum Beispiel eine »progressive Steuer für häufige Flugreisen«, eine Vielfliegersteuer also.

Es wird höchste Zeit, dass die Reichen ihren Beitrag leisten.

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