Klimapioniere Jan Wurzbacher und Christoph Gebald Die CO₂-Sauger

Zwei deutsche Ingenieure entwickelten vor Jahren ein winziges Gerät, das Kohlendioxid filtert. Inzwischen ist die Technik erwachsen – und aus dem kleinen Start-up eine große Zukunftshoffnung geworden.
Climeworks-Gründer Jan Wurzbacher (l.) und Christoph Gebald

Climeworks-Gründer Jan Wurzbacher (l.) und Christoph Gebald

Foto: [M] Climeworks

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Alles begann in den Laboren der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich. Dort entwickelten die Studienfreunde Jan Wurzbacher und Christoph Gebald den ersten Prototyp ihrer Erfindung. Das Gerät war damals kleiner als die Maus des Computers, mit dem sie es steuerten. Aber es versprach Großes: Die Maschine, die die beiden Deutschen bauen wollten, sollte das klimaschädliche Gas Kohlendioxid aus der Luft filtern.

Damit gingen die Studenten das wohl dringendste Problem unserer Zeit an. Denn es ist die hohe Konzentration von Klimagasen wie CO₂ in der Atmosphäre, die den anthropogenen Klimawandel befeuert. Als die beiden 2009 als ETH-Ausgründung das Start-up Climeworks gründeten, war Greta Thunberg gerade dem Kleinkindalter entwachsen und das Pariser Klimaabkommen von 2015 noch in weiter Ferne.

Entsprechend schwer fiel es den jungen Firmenchefs damals, Investoren und Fördergelder für die Weiterentwicklung ihres Produkts einzuwerben. Für sogenannte DAC-Systeme (»Direct air capture«) hatten auch schon andere Forscher wie der deutsche Physiker Klaus Lackner Pionierarbeit geleistet. Aber dem Thema Klimawandel wurde seinerzeit längst nicht die Bedeutung von heute beigemessen.

Zudem galt die Technik als zu teuer, weil sie viel Energie benötigte – ein Problem, mit dem die Branche bis heute zu kämpfen hat. Aber inzwischen hat selbst der Weltklimarat (IPCC) in einem Sonderbericht von 2018 festgestellt, dass der Technologie eine wichtige Rolle zukommen wird, wenn man den 1,5-Grad-Pfad weiter verfolgen will. Denn auch in Zukunft werden allen Einsparbemühungen zum Trotz in manchen Bereichen CO₂-Emissionen entstehen. Können diese nicht unmittelbar abgeschieden und etwa unterirdisch eingelagert werden, müsste man sie wohl nachträglich wieder aus der Luft filtern.

Orca-Anlage in Island: Weltweit größte Anlage zur direkten Abscheidung und Speicherung von CO₂ aus der Luft

Orca-Anlage in Island: Weltweit größte Anlage zur direkten Abscheidung und Speicherung von COaus der Luft

Foto: Cover-Images / IMAGO

Zunächst mussten die beiden promovierten Maschinenbauingenieure also mit knappem Budget kalkulieren. Doch das Geld reichte immerhin, um Ideen und Prototypen wachsen zu lassen. So entstand 2017 in der Schweizer Gemeinde Hinwil die erste kommerzielle, großtechnische Anlange, die CO₂ aus der Umgebungsluft einsammelt. Pro Jahr werden hier 900 Tonnen CO₂ abgefischt.

Die Anlagen von Climeworks, die in der Landschaft aussehen, als hätte jemand einen Satz riesiger Klimaanlagen aufgestellt, funktionieren so: Ventilatoren saugen Luft an, die durch speziell entwickelte Filter geschickt wird, die das CO₂ auffangen. Die genaue Zusammensetzung ist Betriebsgeheimnis. Unter Temperaturen von mindestens 80 Grad Celsius löst sich das Kohlendioxid dann aus den Filtern und kann eingesammelt werden.

Bei der Frage, was anschließend mit dem Treibhausgas passieren soll, verfolgt das Ingenieursduo verschiedene Ansätze. Es kann beispielsweise für die Herstellung von synthetischen Kraftstoffen oder für Dünger verwendet werden, wie es bei der Anlage in Hinwil der Fall ist. Zudem kooperieren die beiden mit einem Mineralwasserabfüller, der damit seine Getränke versetzt. Eine dauerhaft positive Klimawirkung hat das Verfahren aber nur dann, wenn das eingesammelte Gas nicht wieder in die Atmosphäre gelangt.

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Orca – die Speicherfabrik auf Island

Zuletzt setzten Wurzbacher und Gebald bei einer Anlage in Island zusammen mit Partnern einen Versuch um, bei dem das Kohlendioxid Hunderte Meter tief in mineralhaltigen Schichten des Erdbodens praktisch versteinert und unter normalen Bedingen dort bleiben wird. Orca, so heißt die Speicherfabrik auf der Insel, ist die weltweit größte dieser Art. Ihre Energie bezieht sie aus einem geothermischen Kraftwerk in der Nähe. Pro Jahr beerdigt Orca 4000 Tonnen Kohlendioxid.

Den Beleg, dass ihre Technik auch außerhalb des Labors funktioniert, haben Wurzbacher und Gebald längst geliefert. Inzwischen arbeiten laut den beiden 150 Mitarbeiter in vier Ländern an den CO₂-Saugern. Nun muss die Technik, an der nur ein paar Firmen weltweit arbeiten, noch effizienter werden. Ein Allheilmittel der Klimakrise oder gar ein Freifahrtschein für weiter ungezügelte Emissionen werden DAC-Systeme allerdings nicht sein. Die vordringlichste Aufgabe der kommenden Jahrzehnte besteht darin, möglichst viel CO₂ gar nicht erst auszustoßen.

Aber welches Potenzial viele in der DAC-Technologie sehen, zeigte sich auch an den Finanzierungserfolgen, die Cli­me­works zuletzt erzielte. Trotz der Co­ronakrise sammelten sie nach eigenen Angaben mehr als 65 Millionen Euro Kapital ein. Auch Audi ist plötzlich Partner von Cli­me­works. Und bei der Eröffnung von Orca, (isländisch für Energie), ließ sich Formel-1-Pilot Sebastian Vettel über die Anlage führen. Vielleicht sind Wurzbacher und Gebald bald selbst nicht mehr weit weg vom Promistatus.

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