Rückfall in der Klimapolitik Das Comeback der Kohle nach Corona

Der gesunkene CO₂-Ausstoß während der Corona-Zeit ist laut einem Uno-Bericht nur eine Randnotiz in der Geschichte der Klimapolitik. Statt einer Wende könnte es sogar eine Renaissance der fossilen Energie geben.
Braunkohlekraftwerk Weisweiler bei Eschweiler: Die klimaschädlichste Herstellung von Energie ist noch lange nicht aus der Welt.

Braunkohlekraftwerk Weisweiler bei Eschweiler: Die klimaschädlichste Herstellung von Energie ist noch lange nicht aus der Welt.

Foto: Jochen Tack/ imago images

Seit dem ersten Shutdown im März gibt es die Hoffnung, das Corona-Jahr könnte zu einem Wendepunkt im weltweiten Klimaschutz werden. Wochenlang flogen kaum Flugzeuge am Himmel, es fuhren weniger Autos und auch die Shoppingmalls waren wie leer gefegt. Doch aktuelle Berichte legen nahe, dass dieser Effekt verpuffen wird – weil Staaten und Regierungen in Sachen Klima nichts dazugelernt haben.

Die sogenannte Corona-Delle beim CO2-Ausstoß ist nicht mehr als eine Anekdote in der Klimageschichte. Das ist die Botschaft des heute veröffentlichen Production Gap Reports.  Zwar ist die Verbrennung von Kohle, Öl und Gas in diesem Jahr um sieben Prozent zurückgegangen. Das sei aber keine Trendwende, heißt es in dem Bericht, der unter anderem vom Uno-Umweltprogramm (UNEP) und dem Stockholm Environment Institute herausgeben wird. Darin geht es um die weltweite Produktion von klimaschädlichen Brennstoffen wie Kohle, Öl und Gas.

"Wir haben eine verlogene Koexistenz von Kohle, Öl, Wind und Sonne."

Ottmar Edenhofer, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung

Durch die Pandemie und zahlreiche Lockdowns in den Ländern ist die Produktion von Kohlestrom zwar um acht Prozent und die Ölproduktion um sieben Prozent zurückgegangen, bei Gas sind es um drei Prozent. Der Abbau und die Verbrennung fossilen Ressourcen – zum Beispiel, um Stahl herzustellen oder Strom und Wärme zu erzeugen – steigt tendenziell an – trotz des Wachstums von erneuerbaren Energien, warnen die Autoren: Zählt man die Vorhaben von Regierungen zusammen, könnte die Produktion von fossilen Brennstoffen in den nächsten zehn Jahren sogar um jährlich zwei Prozent ansteigen.

Um das im Weltklimavertrag angestrebte 1,5 Grad-Ziel zu schaffen, müsste die Produktion der Klima-intensiven Brennstoffe jedoch um sechs Prozent jährlich sinken.

Der belanglose Corona-Knick

Auch die Konjunkturpakete, auf die Klimaschützer so gehofft hatten, hätten bisher keine Wende gebracht: Die G20-Staaten hätten mit den Corona-Hilfspaketen die fossilen Energien mit 233 Milliarden US-Dollar unterstützt – erneuerbare Energien und Energieeffizienzmaßnahmen hingegen nur mit 146 Milliarden.

»Seit Jahren wird über den Siegeszug der erneuerbaren Energien geredet, aber in Wirklichkeit haben wir eine verlogene Koexistenz von Kohle, Öl, Wind und Sonne«, erklärt Ottmar Edenhofer, Klimaökonom und Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung gegenüber dem SPIEGEL.

In einigen asiatischen Ländern seien schon längst abgeschriebene Kohlekraftwerke durch die Konjunkturpakete sogar wiederbelebt worden. »Wenn alle geplanten und gebauten Kohlekraftwerke noch die nächsten Jahrzehnte in Betrieb bleiben, können wir die Klimaziele des Pariser Klimavertrages vergessen«, so Edenhofer. Die Länder hätten sich 2015 im Weltklimavertrag darauf geeinigt, ihre Emissionen – und damit die Verbrennung von fossilen Ressourcen – drastisch zu senken. »Aber wir sehen, dass nach jeder Krise die Emissionen wieder ansteigen«, kritisiert der Ökonom.

Die Welt könnte 2100 bei 2,1 Grad landen – wenn sich alle anstrengen

Doch es gibt einen Lichtblick: Immer mehr Länder kündigen ehrgeizige Klimaziele an. So hat China vor wenigen Monaten versprochen, bis 2060 klimaneutral zu werden, also netto keine Emissionen mehr auszustoßen. Insgesamt 127 Länder, die rund zwei Drittel der globalen Emissionen ausstoßen, haben solche Netto-Null-Ziele angekündigt. Sie versprechen damit, in den nächsten 30 bis 40 Jahren ihre Emissionen drastisch zu senken und den verbleibenden CO2-Ausstoß mit Klimaprojekten zu kompensieren.

"Die großen Player China und die USA sind wieder im Boot - das gibt Hoffnung"

Niklas Höhne, New Climate Institute

Wenn diese Langfristziele wirklich eingehalten werden, könnte die Welt gerade noch so an den schlimmsten Klimaszenarien vorbeischrammen, haben Klimaexperten von den Thinktanks Climate Analytics und New Climate Institute errechnet. Laut ihrer Auswertung  erwärmt sich das Weltklima dann durchschnittlich »nur« auf 2,1 Grad. Damit könnten die Länder auch das Pariser Klimaziel – unter zwei Grad Erwärmung zu bleiben – zumindest annähernd einhalten.

»In den vergangenen Monaten gab es sehr positive Zeichen in der Klimapolitik«, sagt Niklas Höhne vom New Climate Institute im Gespräch mit dem SPIEGEL. »Die großen Player wie China und auch die USA sind wieder mit im Boot und haben sich erstmals dazu bekannt, langfristig keine fossilen Brennstoffe mehr zu nutzen.« Allein die Ankündigung Chinas – wenn sie dann eingehalten wird – könnte 0,2 bis 0,3 Grad ausmachen, schreiben die Analysten um Niklas Höhne.

Allerdings gebe es eine riesige Diskrepanz zwischen diesen Versprechen und den kurzfristigen Klimazielen, etwa bis 2030. Die werden zwar wahrscheinlich größtenteils eingehalten, sind aber laut Klimaexperten wie Höhne völlig unzureichend. Die Analyse von Climate Action Tracker rechnet deshalb damit, dass die Welt bei dem derzeitigen Tempo in Sachen Klimaschutz am Ende des Jahrhunderts bei fast drei Grad mehr im Vergleich zur vorindustriellen Zeit liegen könnte.

2020 bereits über ein Grad Erwärmung

Wohin der ungebremste Ausstoß von CO2-Emissionen führt, machen die heute veröffentlichen Daten der Weltwetterorganisation (WMO)  zum Zustand des Klimas deutlich: Auch 2020 war eines der drei wärmsten Jahre seit Beginn der Temperaturaufzeichnungen. Von Januar bis Oktober lag die globale Durchschnittstemperatur um 1,11 bis 1,23 Grad über dem Durchschnitt der Jahre 1850 bis 1900. Das ist besonders beachtlich, weil das alle paar Jahre auftretende Wetterphänomen La Niña eigentlich für Temperaturabkühlungen sorgt.

Die ehrgeizige 1,5-Grad Grenze maximaler Erwärmung, die im Pariser Klimavertrag  gezogen wurde, ist damit schon jetzt fast erreicht. Dort heißt es, dass die Staaten die globale Durchschnittstemperatur unter zwei Grad gegenüber dem vorindustriellen Niveau halten sollten – aber auch Anstrengungen unternehmen, die Erwärmung auf möglichst 1,5 Grad zu begrenzen.

Angesichts der rasanten Annäherung an diese Marke werden immer mehr Zweifel laut, ob das 1,5-Grad Ziel des Pariser Weltklimavertrages überhaupt noch realistisch ist. Die Weltwetterorganisation (WMO)  warnte sogar davor, dass die globale Durchschnittstemperatur bereits in einem der kommenden Jahre auf 1,5 Grad über das vorindustrielle Niveau steigen könnte.

Streit um das 1,5-Grad-Dogma

»Technisch ist das 1,5-Grad-Ziel noch zu erreichen«, glaubt Klimaexperte Niklas Höhne. In fast allen Bereichen gebe es vielversprechende Alternativen zu fossilen Brennstoffen, nur in der Landwirtschaft und dem Flugverkehr müsste noch mehr geforscht werden. »Um das Ziel noch zu schaffen, müssen nicht nur Kohle und Öl, sondern auch Gas als sogenannte Brückentechnologie aufgegeben werden«, so Niklas Höhne.

Derzeit steigen die USA aber zu einem der größten Gasförderländer auf und auch die EU baut neue Pipelines und Flüssiggasterminals.

Das Klimaproblem ist deshalb ein politisches, meint auch Ottmar Edenhofer: »Nur mit einem starken CO2-Preis kann dieses Paralleluniversum von klimaschädlichen Brennstoffen und erneuerbaren Energien aufgelöst werden«. Er ist optimistisch, dass zumindest in der EU der Emissionshandel an Fahrt gewinne und CO2 auszustoßen immer teuer werde.

Allerdings gibt es immer noch echte Bremser, die gar nicht an eine Abkehr von der CO2-intensiven Energiegewinnung denken. Deren Bruttoinlandsprodukt hängt noch von Kohle, Öl und Gas ab. Saudi-Arabien, Russland und auch Australien haben extrem schwache Klimapläne und machen keine Anstalten, die Förderung der Brennstoffe zu stoppen.

Möglichst ferne Ziele setzen und in der laufenden Legislatur aber keine Veränderung riskieren: Nach diesem Muster funktioniere Klimapolitik schon seit rund 30 Jahren, so Edenhofer. Dank dieser Sonntagsreden zum Klimaschutz steige aber nicht gerade das Vertrauen in die Regierungen. »Entscheidend sind nicht, ob wir uns auf 1,5 oder 1,7 Grad festlegen, sondern ob Länder wie die EU jetzt endlich vorangehen und ihre Klimaziele durch langfristig verbindliche CO2-Preise auch wirklich einhalten.«