Wissenschaft

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Protest gegen Klimapolitik

Wer hat Angst vorm kleinen Mann?

Progressive Klimapolitik ist in Deutschland kaum möglich - weil sich Politik und Wirtschaft vor dem Aufschrei der Bevölkerung fürchten. Von der haben sie aber offenbar ein vollkommen veraltetes Bild.

Eine Kolumne von

CSA-Printstock/ iStockphoto/ Getty Images

Sonntag, 11.08.2019   20:26 Uhr

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" Der Tankwart ist mein bester Freund, hui, wenn ich komm', wie der sich freut."
Markus, "Ich will Spaß" (1982)

Manchmal kann man den Eindruck gewinnen, dass bei uns vor allem für eine ganz bestimmte Familie Politik gemacht wird: für die schwäbische Hausfrau, den kleinen Mann und ihre zwei Söhne, den rechtschaffenen Kohlekumpel und den fleißigen Mitarbeiter einer Automobilfabrik. In manchen Versionen gibt es auch noch eine Tochter, die ist alleinerziehende Mutter und das schwarze Schaf der Familie. In der Windenergie- oder Solarbranche arbeitet ganz bestimmt kein Mitglied der Familie.

Jedes Mal, wenn ein Vorschlag gemacht wird, in dem es um eine Veränderung unserer Lebensverhältnisse geht, taucht in den Hinterköpfen von Kommentatoren und konservativen Politikern diese fiktive Familie auf und beginnt herumzuschreien. Manchmal streifen die fünf dann gelbe Warnwesten über.

Manchmal fragen sie sich aber doch

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Egal, um welches Zukunftsthema es geht, die fiktive Familie hat etwas dagegen, dass sich etwas ändert.

Sie alle finden zwar auch, dass es gut wäre, wenn es auf der Erde nicht immer heißer würde. Und auch die Vorstellung, dass sich Abermillionen Klimaflüchtlinge auf den Weg nach Mitteleuropa machen könnten, beunruhigt sie, wenn sie sich einen kurzen Gedanken daran gestatten. Wenn sie Greta Thunberg im Fernsehen sieht, fragt die Alleinerziehende sich ganz kurz, in welcher Welt ihr Sohn wohl einmal wird leben müssen.

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Das kommt aber selten vor, denn die Mitglieder der fiktiven Familie sind mit ihren Hauptbeschäftigungen "hart arbeiten" und entweder "bescheidenen Wohlstand genießen" oder "um gesellschaftliche Teilhabe kämpfen" weitgehend ausgelastet.

Alles muss anders werden, aber dabei darf sich bitte nichts ändern

Ganz bestimmt kein Mitglied der fiktiven deutschen Familie denkt daran, seine Ernährung auf etwas weniger Fleisch umzustellen. Alle lieben ihre Autos, innig. Jeden Samstag werden diese Autos gewaschen. Danach werden ein paar schöne Koteletts und ein paar dicke Bratwürste auf den Grill gelegt, und der kleine Sohn der Alleinerziehenden wird gehänselt, wenn er sein Nackensteak nicht ganz aufessen kann.

Irgendwie hat die fiktive Familie schon das Gefühl, dass sich etwas ändern müsste, aber wichtig ist ihr dabei vor allem: Es darf sich nichts ändern. Außer vielleicht, dass die Alleinerziehende endlich mal einen Mann finden sollte, der sie und ihren Sohn dann anständig versorgen kann.

Im Sommer fliegt die fiktive Familie für zwei Wochen nach Mallorca, für 65 Euro pro Ticket, und das hat sie sich ja wohl auch verdammt noch mal verdient.

Achtung: "unsozial"

Jeder Vorschlag zu der absolut zweifelsfrei notwendigen Änderung unserer gesamtgesellschaftlichen Gewohnheiten wird von vielen Kommentatoren und sowohl "konservativen" als auch "sozial orientierten" Politikern an den Bedürfnissen der fiktiven Familie gemessen. Was ihr nicht gefallen könnte, ist, Achtung: "unsozial".

Dieser Begriff ist in den vergangenen Jahren zu einem Universalargument gegen gesellschaftliche Veränderung geworden. Das hat vor allem damit zu tun, dass eben für diese maximal veränderungsunwillige Familie Politik gemacht werden soll. Sie fährt nun mal ein Auto mit Verbrennungsmotor, vermutlich einen Diesel, sie wohnt nun mal weit vom Arbeitsplatz entfernt, sie isst nun einmal jeden Tag Fleisch, gern auch zweimal, sie fährt nun mal nicht gern S-Bahn, sie wohnt nun mal in einem schlecht gedämmten Haus mit Ölheizung. Jede Maßnahme, die dazu führen könnte, dass sich das ändert, ist potenziell "unsozial".

(Ich persönlich halte übrigens eine Mehrwertsteuererhöhung für Fleisch als isolierte Maßnahme auch für nur sehr begrenzt sinnvoll, das muss man anders angehen. Aber das ist ein anderes Thema.)

Zwei einfache Argumente

Interessanterweise wird der Begriff "unsozial" im Zusammenhang mit klimapolitischen Fragen erstmals intensiv auch von Leuten genutzt, die sich bislang fürs Soziale nicht so interessiert haben. Gerade Politiker, die Umverteilung gern als "Gleichmacherei" verurteilen, verweisen plötzlich auf "soziale Gerechtigkeit", wenn es um eine einheitliche CO2-Besteuerung und den Abbau klimaschädlicher Subventionen geht.

Es gibt zwei einfache Möglichkeiten, dieser bei Licht betrachtet doch sehr durchsichtigen Argumentation zu begegnen.

Wer will in einem Heinz-Erhardt-Film leben?

Erstens: Man weist darauf hin, dass Klimapolitik und finanzieller Ausgleich zwischen Bevölkerungsgruppen vollständig unabhängig voneinander betrachtet werden können. Wenn all diejenigen, die bei, sagen wir mal, höheren Fleischpreisen vor "sozialen Schieflagen" warnen, sich wirklich so für soziale Gerechtigkeit interessieren - wieso regen sie dann nicht einfach mehr Umverteilung an?

Zweitens: Die fiktive Familie, in deren Leben sich nichts ändern darf, ist eben genau das - fiktiv. Das Gesellschafts- und Weltbild, das implizit stets heraufbeschworen wird, wenn vor der angeblich so veränderungsunwilligen deutschen Gesellschaft gewarnt wird, stammt aus den späten Fünfzigern bis frühen Achtzigern. Schön Fleisch auf dem Teller, freie Fahrt für freie Bürger, Flugreise ins Pauschaltourismusparadies, fertig ist das Kleinbürgerglück. Wo steht denn geschrieben, dass dieser winzige Ausschnitt aus der Geschichte der Menschheit das Modell für unser aller Zukunft sein soll? Wer will denn wirklich in einem Heinz-Erhardt-Film leben? Tatsächlich sind die meisten Deutschen längst viel weiter.

Schöner, ruhiger, entspannter, gesünder, heller

Was diese Gesellschaft braucht, ist ein neues, positives Selbst- und Zukunftsbild. Dieses Bild existiert sogar längst, jenseits dessen, was sich viele Politiker immer noch ausmalen, wenn sie "öko" sagen. Eine nachhaltige Lebensweise hat heute rein gar nichts mehr mit Kleidung aus Jutesäcken, verfilztem Haar, Freudlosigkeit, Humorlosigkeit und geschmacklosem Essen zu tun.

Auch die schwäbische Hausfrau und der kleine Mann würden sich freuen, wenn auf der Straße vor ihrer Mietwohnung nicht mehr Feinstaub und Abgase in die Luft gepustet würden, wenn der Verkehrslärm nachließe oder ganz verschwände. Wenn die Söhne Jobs hätten, die sie nicht physisch kaputtmachen. Sie würden länger, gesünder und glücklicher leben, wenn sie sich gesünder, also weniger fett-, fleisch- und zuckerhaltig ernährten. Wenn sie öfter mal mit dem Rad unterwegs wären.

Es geht nicht ohne Veränderung, das ging noch nie

Sie würden begeistert in modernen Hightech-Zügen auf Schienen durchs Land zischen und in den weitläufigen Fußgängerzonen autofreier deutscher Innenstädte entspannt bummeln gehen. Sie würden stolz auf lautlos kreisende Windräder und blauschimmernde Solardächer blicken und sich denken: "Was ist das doch für ein schönes, sauberes, zukunftsfähiges Land."

Ein nachhaltiges, CO2-neutrales Leben ist ruhiger, entspannter, gesünder, heller, schöner. Wer das "unsozial" findet, hat nicht verstanden, dass Veränderung zum Wesen jeder Gesellschaft gehört.

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