Christian Stöcker

Klima und Realitätsverweigerung Wo die Bundesregierung sich mit Trump messen kann

Christian Stöcker
Eine Kolumne von Christian Stöcker
Der Parteitag der US-Republikaner war ein Schauspiel des kollektiven Betrugs und Selbstbetrugs. Das Schlimme ist: Beim wichtigsten Thema der Gegenwart macht es die Bundesregierung nicht besser.
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) mit Peter Altmaier (CDU): Die Bundesregierung fährt mit hohem Tempo auf eine Wand zu und hofft auf ein Wunder, statt zu bremsen

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) mit Peter Altmaier (CDU): Die Bundesregierung fährt mit hohem Tempo auf eine Wand zu und hofft auf ein Wunder, statt zu bremsen

Foto: Clemens Bilan / EPA-EFE / REX / Shutterstock

Hurrikan Laura hatte am Freitag sechs Menschen getötet und eine Chemiefabrik in Brand gesetzt, toxischer Qualm lag in der Luft. Die Flutwellen erreichten nicht wie befürchtet fünf bis sechs, sondern nur bis zu drei Meter Höhe, aber Wind und Wasser richteten trotzdem schwere Verwüstungen an, viele wurden obdachlos.

"Wir hatten ein bisschen Glück", kommentierte US-Präsident Trump die Ereignisse.

"Die Ergebnisse sprechen für sich", findet Ivanka Trump

Unterdessen gab es in den Straßen von Kenosha, Wisconsin Ausschreitungen, weil Polizisten dem Schwarzen Jacob Blake siebenmal in den Rücken geschossen hatten. Zwei Menschen starben, vermutlich durch Schüsse aus dem Gewehr eines Siebzehnjährigen. Der war eigens angereist, um auf der Seite der Polizei zu kämpfen, gemeinsam mit anderen schwer bewaffneten Milizionären.

180.000 Menschen sind in den USA bislang mindestens am und mit dem Coronavirus gestorben, täglich kommen mehr als tausend weitere Opfer dazu. Covid-19 hat schon jetzt dreimal so viele US-Bürger getötet wie der Vietnamkrieg.

Vizepräsident Mike Pence aber warnte beim Parteitag der Republikaner: "Sie werden in Joe Bidens Amerika nicht sicher sein." Ivanka Trump ergänzte, die Tweets ihres Vaters seien vielleicht schwer verdaulich, aber "die Ergebnisse sprechen für sich". Sie meinte das als Lob.

Es ist schon lange keine Neuigkeit mehr, dass Donald Trump, seine Familie und seine Vasallen die Realität als lästiges Hindernis betrachten, das man am besten ignoriert oder aktiv leugnet. Es ist außerdem eine traurige Wahrheit, dass diese Realitätsverleugnung bei Millionen von US-Wählern so gut ankommt, dass sie bereit sind, Trump wie einen Messias zu behandeln.

Realitätsverweigerung können wir auch

Trump hat aber keineswegs ein Monopol auf Realitätsverweigerung. Auch in Deutschland wird sie praktiziert, seit vielen Jahren und mit absehbar katastrophalen Folgen. Hier wird zwar nicht mit der gleichen Verve in die Kameras gelogen wie die Republikaner das in den USA tun. Aber bei einem entscheidenden, genauer: beim wichtigsten politischen Thema der Gegenwart und Zukunft lügen sich deutsche Regierungen genauso in die eigene Tasche.

Die Bundesregierung ist mit dieser speziellen Form der Realitätsverweigerung nicht allein, sie teilt sie mit den meisten anderen Regierungen des Planeten. Diese Realitätsverweigerung ist aber in dem sich doch selbst als weitgehend rational betrachtenden Deutschland mit seiner Wissenschaftlerkanzlerin besonders schwer erträglich. Und besonders fatal, denn dieses Deutschland könnte und müsste Vorbild für andere sein, auf dem Weg dahin, sich dieser Realität endlich zu stellen und wirksam zu handeln.

In weniger als acht Jahren ist das Budget verbraucht

Diese Realität lässt sich so zusammenfassen: Wenn sich nicht schnell und dramatisch Grundlegendes ändert, wird Deutschland, wird die Welt nicht in der Lage sein, die im Pariser Klimaabkommen von 2015 vereinbarten Ziele auch nur annähernd zu erreichen. Die Erde wird sich weit mehr erhitzen als um die angestrebten "deutlich weniger als zwei Grad Celsius".

Dem Weltklimarat zufolge hatte die Menschheit am 1. Januar 2018 noch ein Restbudget in Höhe von 800 Milliarden Tonnen CO₂ übrig. Wäre danach Schluss mit den Emissionen, gäbe es demnach eine Zweidrittelchance, dass die globale Durchschnittstemperatur um "nur" etwa 1,75 Grad steigt.

Die Bundesregierung weigert sich bis heute hartnäckig und zum Teil geradezu pikiert, die aus dieser Tatsache rechnerisch einfach abzuleitenden Schlüsse zu akzeptieren. Dabei fordert das sogar der von der Regierung selbst eingesetzte Umweltrat .

Rechnet man das verbleibende Restbudget nämlich auf Deutschland um, indem man es gerecht auf alle Menschen auf der Erde verteilt, bleiben Deutschland aktuell noch weniger als 6,5 Milliarden Tonnen übrig. Und das ist schon großzügig, denn wir Deutschen sind historisch für einen viel größeren Anteil  der Emissionen verantwortlich als viele andere Nationen.

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Da vorn ist die Wand also: Gas geben, Augen zu

Denken Sie mal daran, wenn Sie das nächste Mal hören oder lesen, dass Deutschland doch "nur" für zwei Prozent aller jährlichen globalen CO₂-Emissionen verantwortlich sei. Wir stellen auch nur 1,1 Prozent der Weltbevölkerung. In Wahrheit betreiben wir rücksichtslosen und außerdem extrem kurzsichtigen Klimakolonialismus. Die Bundesregierung fährt mit hohem Tempo auf eine Wand zu und hofft auf ein Wunder, statt zu bremsen.

Mit dem Problem "Wand" geht sie folgendermaßen um: Augen fest schließen. Zwar hat Kanzlerin Angela Merkel bei ihrer Sommerpressekonferenz am Freitag das Thema Klima selbstverständlich wieder als zentral benannt. Dass Deutschland seine Emissionen aber um jährlich mehr als sechs Prozent senken und bis Mitte der 2030er CO₂-neutral sein müsste, sagte sie wieder einmal nicht.

Dass die Bundesregierung diese leicht auszurechnenden Zahlen nicht wahrhaben will, hat auch mit ihrem eigenen sogenannten Klimaschutzgesetz zu tun: Das gewährt uns nämlich allein bis 2030 noch etwa 7,5 Milliarden Tonnen CO2-Ausstoß . Also eine Milliarde Tonnen mehr, als uns eigentlich zusteht. Und 2030 würden wir ja nicht plötzlich mit dem Emittieren aufhören.

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Jedes Mal, wenn Politikerinnen und Politiker im Zusammenhang mit Klimapolitik von Jahreszahlen reden, 2030, 2050, statt vonCO₂-Mengen, stricken sie gemeinsam am großen Selbstbetrug.

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Wenn das Budget aufgebraucht ist, wird es finster. Wenn wir so weitermachen wie im Moment, ist das globale Restbudget, um das 1,5-Grad-Ziel zu erreichen, in weniger als siebeneinhalb Jahren weg . Mehr als ein Grad zusätzlich haben wir längst erreicht, und das sieht man ja auch vielerorts bereits sehr deutlich. Ab jetzt wird es immer schlimmer. Hitze, Dürre, Stürme, Versteppung, Wasserknappheit, Brände, Klimaflüchtlinge. Jedes Jahr mehr.

Aber wenn wir reichen Deutschen uns weiterhin in die eigene Tasche lügen, warum sollten es die anderen anders machen?

Europa muss es besser machen als Trump

Die Menschheit steuert sehenden Auges auf eine Katastrophe zu, gegen die die Corona-Pandemie eines Tages wie ein vergleichsweise harmloses kleines Problem aussehen wird. So zynisch das im Moment auch klingen mag.

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