Klimaprognose Die Welt steuert bis 2100 auf 2,4-Grad-Erwärmung zu

Der Climate Action Tracker speist Klimadaten vieler Staaten in ein Modell ein und prognostiziert den Verlauf der Erderwärmung. Neueste Berechnungen zeigen ein düsteres Bild.
Boot auf einer trockenen Wüstenfläche

Boot auf einer trockenen Wüstenfläche

Foto: Jacobs Stock Photography / Getty Images

Es wird wohl nicht reichen, was die Weltgemeinschaft derzeit tun will, um die Erderwärmung zu begrenzen. Wenn alle bislang getroffenen Klimaschutzmaßnahmen so umgesetzt werden wie geplant, wird die globale Erderwärmung Forschern zufolge Ende des Jahrhunderts im Vergleich zur vorindustriellen Zeit bei 2,4 Grad Celsius liegen – und damit deutlich über dem gewünschten 1,5-Grad-Ziel. Das ergaben neueste Prognosen des Analyseprojekts Climate Action Tracker (CAT), die der Klimaforscher Niklas Höhne gemeinsam mit Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) in Berlin vorgestellt hat.

Im Rahmen des 12. Petersberger Klimadialogs präsentierte Höhne die neuesten Projektionen , die zwar von einem etwas optimistischeren Szenario ausgehen als zuletzt, aber dennoch aus Sicht der Forscher unzureichend wären, um die globale Erderwärmung auf das gewünschte Maß zu reduzieren. Wenn von nun an keine weiteren Maßnahmen zur Eindämmung des Klimawandels getroffen würden, läge die prognostizierte Temperatur im Jahr 2100 demnach sogar bei 2,9 Grad über dem Niveau vorindustrieller Zeit. In einem optimistischen Szenario mit weitreichenden Emissionsreduktionsmaßnahmen betrüge die Erwärmung den Berechnungen zufolge 2,0 Grad.

131 Staaten hätten sich aktuell Ziele gesetzt, um klimaneutral zu werden, erklärte Höhne. Das decke 73 Prozent der globalen Treibhausgasemissionen ab und sei eine eindeutig kritische Masse. Um die Ziele des Pariser Klimaabkommens aus dem Jahr 2015 jedoch voll zu erfüllen, müsste der Temperaturanstieg bis Ende des Jahrhunderts maximal 1,5 Grad betragen. Dafür müssten nach den Erkenntnissen auf Basis des Climate Action Trackers bis 2030 alle globalen Emissionen halbiert werden.

Derzeit sehe es aber nicht danach aus, sagte Höhne, auch wenn es physikalisch und technisch möglich wäre. »Es klafft eine gigantische Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit«, so der Professor an der Universität Wageningen in den Niederlanden.

Kein einziges Land setzt sich ausreichende kurzfristige Klimaziele

Erfreulich sei, dass sich Staaten wie die USA, Großbritannien oder Argentinien ambitioniertere Klimaziele gesetzt hätten. Auch die neuen Klimaziele der USA und der EU sowie auch Chinas hätten zur positiven Entwicklung beigetragen. Andere wiederum, unter anderem Australien, Indien oder Russland, blieben hinter den Erwartungen deutlich zurück. Im Fall von Brasilien gebe es sogar eine Verschlechterung. Ausreichende kurzfristige Reduktionsziele habe sich bislang kein einziges Land gesetzt, bilanzierte der Wissenschaftler.

Der Climate Action Tracker bündelt die Klimaschutzbemühungen der einzelnen Länder und speist sie in ein Klimamodell ein. Daraus wird die globale Erwärmung bis zum Ende dieses Jahrhunderts akkumuliert. Üblicherweise stellt der von Höhne entwickelte Dienst die Prognose in Form eines Thermometers dar. Bei den Petersberger Klimadialogen treffen sich jährlich Minister aus rund 40 Staaten, die sich mit Fragen des Klimawandels beschäftigen. Die Konferenz dient traditionell der Vorbereitung der nächsten Uno-Klimakonferenz im November in Glasgow. Am Donnerstag wollen auf der digitalen Tagung Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), der britische Premierminister Boris Johnson sowie Uno-Generalsekretär António Guterres sprechen.

Mit Blick auf die Zahlen des Climate Action Trackers sagte Bundesumweltministern Svenja Schulze (SPD), diese zeigten eine positive Entwicklung, aber auch weiter großen Handlungsbedarf. Es sei aber in den vergangenen fünf Jahren immerhin gelungen, in Reichweite der zwei Grad zu kommen und 1,5 Grad in den Blick zu nehmen. Die Jahre bis 2030 müssten nun weltweit zum Jahrzehnt des sozial-ökologischen Umbaus werden.

joe/dpa/AFP