Christian Stöcker

Klimaschädliche Firmen Wir machen's kaputt, und Ihr bezahlt

Christian Stöcker
Eine Kolumne von Christian Stöcker
Eine Kolumne von Christian Stöcker
Der Chef der Lufthansa klagt, dass so wenige Passagiere freiwillig einen CO2-Ablass bezahlen. Das lässt tief blicken – und passt ins Bild, wenn man sich das Verhältnis der Weltwirtschaft zum Treibhausgas ansieht.
Lufthansa Airbus A 350-941: Auf die Idee, selbst freiwillig für einen CO2-Ausgleich zu sorgen und das den eigenen Anteilseignern in Rechnung zu stellen, kommt Lufthansa-Chef Spohr natürlich nicht

Lufthansa Airbus A 350-941: Auf die Idee, selbst freiwillig für einen CO2-Ausgleich zu sorgen und das den eigenen Anteilseignern in Rechnung zu stellen, kommt Lufthansa-Chef Spohr natürlich nicht

Foto: Alexander Hassenstein/ Getty Images

Es gibt auf der Welt sechs Arten von Unternehmen (ungefähr und teilweise überlappend).

Die erste Kategorie verdient ihr Geld unmittelbar mit der Bereitstellung von Treibhausgasen im Rohzustand. Primär also die Öl-, Gas- und Kohlebranche. Dieses Geschäft war bis zur Ankunft der Silicon-Valley-Giganten das profitabelste überhaupt. Öl hat Präsidenten ins Amt gehievt und gestürzt, Kriege und Revolutionen ausgelöst. Heute ist das bei Weitem wertvollste börsennotierte Unternehmen wieder ein Hersteller von Roh-CO2: Saudi-Aramco .

Zur zweiten Kategorie gehören Unternehmen, deren Produkte CO2 aus Roh-CO2 freisetzen: Die Automobil- und die Flugzeugbranche, Firmen, die Öl- oder Gasheizungen bauen, aber auch Unternehmen, die Kohle-, Öl- oder Gaskraftwerke bauen und betreiben. Zwischen diesen Unternehmen und denen der ersten Kategorie gibt es einen großen Unterschied: In Wahrheit wären Produkte der Kategorie zwei auch ohne Treibhausgase denkbar. Man kann Fahrzeuge ohne Verbrennungsmotor bauen, und eine Energieversorgung ohne fossile Brennstoffe. Eine Ölfirma dagegen, die kein Öl mehr fördert, verdient auch kein Geld mehr.

Die dritte Kategorie bilden Unternehmen, deren Geschäftsmodelle zwar derzeit, aber nicht prinzipiell die permanente, massenhafte Freisetzung von Treibhausgasen erfordern. Meist vor allem deshalb, weil sie für ihr Geschäft im Moment auf die Produkte der Vertreter der zweiten und damit auch der ersten Kategorie angewiesen sind: Logistikunternehmen zum Beispiel, deren Transportmittel aktuell nun mal überwiegend mit Verbrennungsmotoren ausgestattet sind.

Zu dieser Kategorie zählen aber auch Baustoffhersteller: Die Zementherstellung verursacht derzeit etwa acht Prozent aller globalen CO2-Emissionen . Man könnte den Baustoff aber auch, mit Aufwand und Technik, CO2-neutral oder gar CO2-negativ produzieren. Am ehesten zu dieser Kategorie gehört auch die Landwirtschaft, wobei die einen etwas seltsamen Zwischenstatus einnimmt: Vieh- insbesondere Rinderzucht ist derzeit nicht ohne die Freisetzung des sehr schädlichen Treibhausgases Methan möglich.

Kategorie vier ist vermutlich die größte: Ihr gehören alle Unternehmen an, deren Geschäftsmodelle ohne die Dienste der Kategorien zwei und drei derzeit nicht auskommen. Das liegt daran, dass fast die gesamte Weltwirtschaft mindestens mittelbar von fossilen Brennstoffen und Zement abhängt. Kein Supermarkt und kein Schwimmbad, kein Fußballklub und keine Eisdiele kann heute wirklich klimaneutral wirtschaften.

Kategorie fünf ist winzig: Sie umfasst Unternehmen, die derzeit angeblich nachweislich CO2-neutral wirtschaften . Das funktioniert im aktuellen globalen Kontext allerdings nur, indem sie CO2-Ausgleichszertifikate kaufen. Und an deren Nachhaltigkeit und Aussagekraft bestehen berechtigte Zweifel. CO2-Vermeidung schlägt im Zweifel alle anderen Methoden.

Vermutlich noch kleiner ist Kategorie sechs: Sie umfasst Unternehmen mit einer tatsächlich negativen CO2-Bilanz. Dazu dürften manche Forstbetriebe gehören, sowie Unternehmen aus dem Bereich der erneuerbaren Energien, die tatsächlich fast oder ganz auf CO2-neutrale Stromerzeugung setzen und dem Gesamtsystem damit helfen, CO2 einzusparen. Von dieser Sorte brauchen wir viel, viel mehr.

Wer am meisten bewirken kann

Das größte Potenzial, etwas zu verändern, hätten derzeit Unternehmen der Kategorie zwei und drei, worunter die der Kategorie eins leiden würden: Wenn die Energieversorgung umgestellt wird, Transport, Produktion und Dienstleistungen CO2-neutral werden, ist schon sehr viel gewonnen. Diese Veränderung ist, um das klar zu sagen, unausweichlich, wenn der Planet bewohnbar bleiben soll. Der Markt wird sie aber nicht herbeiführen, solange CO2-Erzeugung nichts kostet.

Und damit wären wir bei Carsten Spohr, dem Chef der Lufthansa. Spohr hat sich diese Woche darüber beklagt, dass so wenige Kunden seines Unternehmens freiwillig Ablasszahlungen für den CO2-Ausstoß ihrer Flugreisen leisten. "Ungefähr ein bis zwei Prozent der Kunden nutzen die günstigste Kompensationsmöglichkeit ", sagte Spohr bei einer Veranstaltung, "die teurere Variante  wird von so wenigen Kunden genutzt, die könnte ich alle per Handschlag begrüßen."

Wir verursachen die Schäden, der Kunde bezahlt die Reparatur

Die Lufthansa möchte also gern weniger CO2 ausstoßen – aber sie möchte, dass ihre Kunden das finanzieren, privat, aus eigener Tasche, und vor allem: freiwillig. Auf die Idee, selbst freiwillig für CO2-Ausgleich zu sorgen und das den eigenen Anteilseignern in Rechnung zu stellen, kommt Spohr natürlich nicht. Und jedes Mal, wenn es um höhere Steuern für die Luftfahrt geht, setzt bei der Lufthansa ein großes Wehklagen ein. Spohr möchte auch, dass synthetische, CO2-neutrale Treibstoffe entwickelt werden  – aber finanzieren soll das der Steuerzahler, nicht die Branche, die diesen Treibstoff braucht.

All das ist aus der Sicht eines Managers, dessen Unternehmen zur Kategorie drei gehört, scheinbar durchaus rational. Schließlich steht seine Firma im internationalen Wettbewerb. Ebenso scheinbar rational wie das Verhalten eines Flugpassagiers, der nicht als einziger freiwillig 360 Euro mehr für ein Flugticket zahlt. Spohrs Klage über die mangelnde Zahlungsbereitschaft der Passagiere entlarvt die Lebenslüge der Branchen aus Kategorie zwei und drei: Irgendwie wollen sie ja schon, dass der Planet nicht zugrunde geht, aber dafür sorgen sollen bitte die Kunden, selbst, aus eigenem Antrieb und auf eigene Kosten. Und bitte keine Regulierung!

Innovationsanreize aus Australien

Das erinnert an die deutsche Automobilindustrie, die immer beteuert, sie baue nur so viele SUV, weil der Kunde das halt so wolle, und die gleichzeitig jeden Grenzwert erbittert bekämpft. Um E-Autos zu bauen, das hat der Branchenverband VDA noch Ende 2018 verkündet, fehlten "effektive Anreize für Innovationen" . Vielleicht sollten die deutschen Automanager mal kurz nach Australien rüberfliegen - vielleicht mit der Lufthansa! - da soll es im Moment eindrucksvolle Innovationsanreize zu besichtigen geben.

Interessanterweise scheinen sogar manche Unternehmen aus der Kategorie eins da mittlerweile weiter zu sein, obwohl am Endpunkt der Entwicklung zwangsläufig ihre eigene Abschaffung oder Totaltransformation steht. Unter dem milden Blick des Papstes haben Vertreter von Unternehmen wie ExxonMobil, BP und Royal Dutch Shell im vergangenen Sommer ein Papier unterschrieben, in dem eine "wirtschaftlich bedeutsame" Bepreisung von CO2  gefordert wird.

Das ist aus heutiger Sicht immer noch als Lippenbekenntnis und dürftiger Ausgleich zu werten – immerhin ist die Ölbranche selbst maßgeblich für die jahrzehntelange Leugnung und Irreführung in Bezug auf den Klimawandel verantwortlich. Und auch, ob das von Ölfirmen mitgetragene sogenannte "Climate Leadership Council"  wirklich mehr ist als eine PR-Veranstaltung, wird sich erst dann zeigen, wenn der US-Präsident nicht mehr Donald Trump heißt.

Eins aber ist klar: Man kann die Lösung des Klimaproblems nicht den Vertretern der Kategorien eins, zwei und drei überlassen. Es geht nur mit gesetzlichen Regelungen, die gravierende Änderungen erzwingen, und zwar international. Der Markt allein ist nämlich, was die Zukunft der Menschheit angeht, ein Idiot.