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10. Januar 2018, 15:49 Uhr

Landwirtschaft und Klimaschutz

Darf's ein Schnitzel weniger sein?

Mit einer neuen Strategie will die deutsche Landwirtschaft klimafreundlicher werden. Denn viel ist bisher noch nicht passiert, klagen Umweltschützer. Wichtig sind nicht zuletzt die Konsumenten, also wir alle. Und unser Hunger auf Fleisch.

Landwirtschaft in ihrer aktuellen Form und Klimaschutz - wie gut geht das eigentlich zusammen? Ganz gut, sagt der Bauernverband. Aber es gehe noch besser: "Die Bauernfamilien nehmen die Verantwortung für einen effizienten Klimaschutz sehr ernst", sagt Bauernpräsident Joachim Rukwied. "Wir stehen zu unserem ehrgeizigen Ziel, die Emissionen an Treibhausgasen aus der Landwirtschaft um 30 Prozent bis 2030 gegenüber 1990 zu senken."

Der Bauernverband hat am Mittwoch in Berlin eine Zwischenbilanz seiner Klimaschutz-Anstrengungen vorgestellt. Und Pläne für die kommenden Jahre. Denn um das Ziel zu erreichen, muss noch einiges passieren. Eine neue Strategie enthält deswegen 20 Punkte. Dazu zählen unter anderem, dass Düngemittel mit neuer Technik sparsamer eingesetzt werden und deutlich mehr Gülle in Biogasanlagen landet.

Bisher sind die Treibhausgas-Emissionen der Landwirtschaft nämlich im Vergleich zu 1990 nur um 16 Prozent gesunken. Und diese Zahl wiederum erklärt sich zu einem guten Teil aus dem Rückgang der Viehbestände im Osten nach der Wende.

Umweltschützer sind daher noch nicht übermäßig zufrieden mit den Klimaschutzbemühungen der Agrarbranche. "Die Landwirtschaft ist nach der Verbrennung von fossilen Brennstoffen im Verkehr und zur Strom- und Wärmeerzeugung der zweitgrößte Verursacher von Treibhausgasen in Deutschland", beklagt Christoph Heinrich, Naturschutzvorstand der Umweltorganisation WWF. "Die künftige Bundesregierung muss dafür sorgen, dass diese direkten Treibhausgasemissionen aus der deutschen Landwirtschaft zügig sinken."

Gase deutlich klimawirksamer als Kohlendioxid

Klimawirksame Gase entstehen unter anderem durch den Methanausstoß von Wiederkäuern, also vor allem Rindern. Bei diesen entsteht es durch Fermentationsprozesse des Grünfutters im Magen. Bei der Düngung von Äckern wiederum gelangt Lachgas aus stickstoffhaltigen Düngemitteln in die Atmosphäre. Lachgas ist 300 mal so klimaschädlich wie Kohlendioxid, Methan immerhin noch 25 mal.

Umweltschützer Heinrich wirbt für mehrjährige und vielfältigere Fruchtfolgen, in denen auch Kleegras, Luzerne oder Lupine ihren Platz finden müssten. Diese verbesserten die natürliche Bodenfruchtbarkeit und Widerstandfähigkeit der Böden. Gleichzeitig enthielten diese Böden mehr Kohlenstoff und seien stickstoffreicher, bräuchten also weniger synthetische Düngemittel.

Welche Rolle wiederum die Verbraucher bei Veränderungen in der Landwirtschaft spielen können, zeigt der ebenfalls am Mittwoch in Berlin vorgestellte "Fleischatlas 2018". Er wird seit fünf Jahren vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), der Heinrich-Böll-Stiftung und der Zeitung "Le Monde Diplomatique" veröffentlicht.

Das Fazit: Die Deutschen sollten aus Sicht der Studienautoren nur noch halb so viel Fleisch essen - und die Tierbestände kräftig abbauen helfen. Anders seien weder die Klimaziele noch mehr Tier- und Naturschutz zu erreichen. "Weniger und dafür besser ist die Losung", sagte der BUND-Vorsitzender Hubert Weiger.

Gefordert wird eine verpflichtende Fleischkennzeichnung und eine Abgabe auf Stickstoffüberschüsse, wie sie durch große Güllemengen entstehen. Mehr als zwei Rinder oder zehn Schweine pro Hektar solle ein Betrieb nicht mehr halten. Demzufolge müssten die Schweinebestände um mehrere Millionen Tiere sinken, besonders betroffen wären das westliche Niedersachsen und Westfalen.

Nach Branchenzahlen haben die Deutschen 2016 pro Kopf im Schnitt 59 Kilogramm Fleisch gegessen, etwa eineinhalb Kilogramm weniger als im Vorjahr, jedoch kaum weniger als zehn Jahre zuvor. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt höchstens die halbe Menge.

chs/dpa

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