Erhebung von Germanwatch Diese Länder tun am meisten für den Klimaschutz

Skandinavische Länder und Großbritannien gehören im Weltranking zu den besten Klimaschützern. Deutschland ist nicht darunter – trotz Kohleausstieg und Klimapaket.
Windanlagen in Norwegen: Die skandinavischen Länder tun weltweit am meisten fürs Klima

Windanlagen in Norwegen: Die skandinavischen Länder tun weltweit am meisten fürs Klima

Foto: Anton Petrus / Getty Images

Schweden ist einsame Weltspitze beim Vermeiden von CO2-Emissionen und dem Voranbringen der Energiewende. Laut dem aktuellen Klimaschutz-Index der Organisation Germanwatch , der dem SPIEGEL vorab vorliegt, sogar das vierte Jahr in Folge. Schon 2030 könnte das Land klimaneutral werden.

Der jährlich erscheinende Bericht bewertet die Klimapolitik der 57 emissionsstärksten Länder und der EU. Seit seinem ersten Erscheinen vor 15 Jahren sind die ersten drei Plätze frei, weil sich laut der Autoren kein Land ausreichend für die Begrenzung der Erderwärmung engagiert. Traditionell stellt Germanwatch die Ergebnisse auf der Uno-Klimakonferenz vor, die in diesem Jahr allerdings aufgrund der Pandemie auf November 2021 verschoben wurde.

Unter den Siegern des Rankings sind auffallend viele skandinavische Staaten: neben Schweden (Platz 4) auch Dänemark (Platz 6), Norwegen (Platz 8) und Finnland (Platz 11). Das dänische Parlament stimmte vergangene Woche dafür, künftig keine neuen Lizenzen für Öl- und Gasbohrungen zu vergeben. Das Land ist das größte Förderland der EU und will allein bis 2030 den CO2-Ausstoß um 70 Prozent senken und hat zusammen mit Schweden die weltweit strengsten Klimaziele.

Erstmals ist auch Großbritannien unter den Top 5. Der Gastgeber der nächsten Uno-Klimakonferenz rangiert gleich hinter dem Musterland Schweden (Platz 5). Besonders punktet das Land bei der Absenkung von CO2-Emissionen aber auch beim Ausbau von erneuerbaren Energien – und hohen Investitionen in Klimaschutz.

Deutschland abgeschlagen in der Mittelmäßigkeit

Deutschland hingegen liegt weit abgeschlagen auf Platz 19 – trotz Kohleausstieg und Klimapaket. Der für 2021 vereinbarte CO2-Preis war der Jury des Berichtes zu lasch und unambitioniert, um das Land zumindest unter die Top 10 zu heben. Immerhin verbesserte sich Deutschland im Vergleich zum Vorjahr (von Platz 23 auf 19). Noch vor zehn Jahren lagen die Deutschen im unteren einstelligen Bereich – fielen dann aber immer weiter zurück.

Besonders »besorgniserregend« finden die Autoren den weiterhin hohen Pro-Kopf-Ausstoß und hohen Energieverbrauch der Deutschen. Auch beim Verkehr ist keine Trendwende zu erkennen. Im Gegenteil: Diesel und Benziner bleiben dominant trotz höherem Absatz von E-Autos.

Die unbelehrbaren »Bad-Boys«

Die gesamte EU rangiert in dem Bericht auch noch vor Deutschland auf Platz 16. Allerdings könnte sie sogar noch weiter vorn liegen, wenn nicht die osteuropäischen Klimabremser Ungarn, Slowenien, Tschechien und Polen wären. Sie alle stehen im Ranking in der letzten Kategorie: Klimaanstrengung »very low« (sehr gering). Doch nicht nur ihre Klimapläne, sondern auch wegen ihrer Blockadepolitik auf europäischer Ebene bekamen sie schlechte Noten.

In den vergangenen Jahren hatte beispielsweise Polen immer wieder Sonderkonditionen bei der Subventionierung von Kohle ausgehandelt oder gegen den Europäischen Emissionshandel lobbyiert. Derzeit versuchen die Staaten das europäische Klimagesetz zu verwässern.

Osteuropa hat besonders viele Kohlekraftwerke und deshalb eine schlechte CO2-Bilanz. Allein in Polen müssten bei einem Kohleausstieg fast 75 Prozent der Stromgewinnung auf klimafreundlichere Alternativen umgestellt werden.

Eine Regierungskommission in Tschechien kündigte am Freitag immerhin an, das Land wolle bis 2038 aus dem Kohleabbau aussteigen. Die Kohle soll zum einen durch erneuerbare Energiequellen, zum anderen durch bestehende und neue Atomreaktoren ersetzt werden.

Den letzten Platz und damit die schlechteste Gesamtnote bekommen die USA. Grund dafür ist nicht nur der Rückzug aus dem internationalen Klimaabkommen durch Präsident Donald Trump, sondern auch der mangelhafte Ausbau von erneuerbaren Energien. Das könnte sich nun aber unter dem neu gewählten Präsidenten Joe Biden wieder ändern.

Auf den hinteren Plätzen sind außerdem noch jene Klimasünder, die weiterhin an ihrer Kohle-Öl- und Gasabhängigkeit festhalten: Saudi-Arabien (vorletzter Platz 60), Kanada (58), Australien (54) oder Algerien (43).

In dem Klimaschutz-Index bleiben allerdings viele Veränderungen durch die Covid-19-Pandemie weitgehend unberücksichtigt. Denn Germanwatch nutzt die Daten von Uno-Einrichtungen und der Internationalen Energieagentur IEA. Die sind aber aufgrund mangelnder aktueller Auswertungen immer zwei Jahre alt – für den neuen Index also von 2018.

In die Gesamtnote eines Landes fließen die Veränderungen der Treibhausgasemissionen zu 40 Prozent ein, die Bewertung der Entwicklung erneuerbarer Energien und der Energieverbrauch zu je 20 Prozent sowie die Bewertung der Klimapolitik ebenfalls zu 20 Prozent. Zudem bewerten Umweltschützer noch einmal jedes Land einzeln.

Warum es Schweden leichter hat

Der Index schaut auf die nackten Zahlen und konkrete Verbesserungen: Ob ein Land bessere oder schlechtere Voraussetzungen für seine Anstrengungen hat, ist nicht berücksichtigt. So ist es für industrialisierte Länder wie Schweden mit geringer Einwohnerzahl von nur zehn Millionen sicherlich einfacher, im Klimaschutz zu glänzen. Außerdem ist das Land dank seiner Küstenlage mit viel Wind gesegnet und hat zudem einen hohen Anteil von CO2-neutraler Wasserkraft.

Nicht nur gegenüber ärmeren Staaten mit wenig Geld ist Schweden im Vorteil. Auch Deutschland hat einen weitaus schwierigeren Startpunkt: Deutschland ist der größte Stahlhersteller Europas und im Gegensatz zu Schweden gibt es eine geballte Konzentration an Schwerindustrie, chemischer Industrie und Autohersteller. In der Produktion arbeiten hierzulande fast so viele Menschen , wie Schweden Einwohner hat.

Andererseits entschied sich Schweden als eines der ersten Länder schon 1991, eine CO2-Steuer einzuführen. Deutschland hat erst ab Januar 2021 einen CO2-Preis.

Ohne solche politischen Entscheidungen wäre auch in Großbritannien heute nicht unter den Klimabesten: Der Ausstieg aus der Kohle ist gesetzlich schon für 2025 vorgeschrieben – und das in einem Land, das seinen Aufstieg der Industrialisierung mit fossilen Brennstoffen zu verdanken hat. Das Land hat außerdem seit 2008 ein unabhängiges Beratungsgremium zum Klimawandel, das Committee on Climate Change (CCC) . Das CCC prüft jedes Jahr die Fortschritte in der Klimapolitik. Ein solches Gremium soll es in Deutschland ab nächstem Jahr erstmals geben.

Am vergangenen Freitag kündigte die britische Regierung  zudem die Erhöhung ihres Klimaziels an: Bis 2030 sollen demnach die Treibhausgasemissionen um 68 Prozent im Vergleich zum Niveau von 1990 sinken. Klimaforscher begrüßten das ehrgeizige Klimaziel – mahnten aber auch an, sofort mit der Umsetzung zu beginnen.

Premier Boris Johnson will als Gastgeber des nächsten Klimagipfels in Glasgow im November 2021 ein starkes Zeichen setzen, um auch andere Länder zu ehrgeizigen Klimazielen zu bewegen. Bis dahin müssten alle Länder neue Klimapläne eingereicht haben. Bisher gibt es zwar neue Ankündigungen von rund 130 Staaten, jedoch wurden die meisten Klimapläne noch nicht offiziell bei der Uno eingereicht.

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