Christian Stöcker

Menschheitsgeschichte Abschied vom Feuer

Christian Stöcker
Eine Kolumne von Christian Stöcker
Eine Kolumne von Christian Stöcker
Seit Hunderttausenden von Jahren verbrennen Menschen Dinge, um Energie zu gewinnen. Wir lieben das Feuer – dabei könnten und sollten wir längst weitgehend darauf verzichten.
Foto: Cody Duncan / Cavan Images / IMAGO

»Jedes Stück Betonstahl hier stammt aus einem Walzwerk. Woher kommt die Hitze? Wir verbrennen Zeug. Der Zement stammt aus Brennöfen. Wie werden die angeheizt? Wir verbrennen Zeug. Wir verbinden Stahl und Beton und bauen Autobahnkreuze, damit Autos darüberfahren können. Wie halten wir die Autos in Bewegung? Wir verbrennen Zeug.«

Aus »Termination Shock« von Neal Stephenson (2021)

Eine interessante archäologische Überblicksarbeit aus dem Jahr 2011  beginnt mit diesem Wortwitz: »Wann der Mensch begann, das Feuer zu kontrollieren, ist ein heiß diskutiertes Thema.«

Manche glauben, Vormenschen in Afrika hätten schon vor 1,6 Millionen Jahren Feuer entzündet. Ziemlich sicher ist jedenfalls, dass unsere Urahnen vor 300.000 oder 400.000 Jahren begannen, regelmäßig und absichtsvoll Zeug zu verbrennen. Das und die Herstellung von Steinwerkzeugen gelten als »die bedeutendsten Ereignisse in der technologischen Entwicklung früher Menschen«, so die Studie.

Sachen ausgraben, Sachen verbrennen

Unsere Werkzeuge stellen wir mittlerweile anders her, aber Zeug verbrennen, das haben wir uns in all den Jahrtausenden nicht abgewöhnt, im Gegenteil. Irgendwann vor ziemlich kurzer Zeit begann Homo Sapiens, auch Zeug zu verbrennen, das er nicht vom Boden aufgesammelt oder geerntet, sondern ausgegraben hatte.

So richtig losgelegt hat die Menschheit damit vor etwa 200 bis 250 Jahren, die Ergebnisse sind bekannt: Wenn wir den ausgegrabenen Kohlenstoff aus der Zeit der Dinosaurier weiter in diesem Tempo verbrennen, wird es auf der Erde bald wieder so heiß wie zur Zeit der Dinosaurier.

Es gibt Leute, die das ernsthaft als Beleg anführen, dass man gegen die menschengemachte Erhitzung der Erde nichts tun müsse, denn den Dinosauriern sei es doch sehr gut gegangen, bis der Asteroid einschlug. Nachteil: Es war damals nicht nur viel heißer, der Meeresspiegel lag auch 170 Meter über dem heutigen. Das hatte auch mit flacheren Meeren zu tun, aber leider haben wir keine Zeit, darauf zu warten, dass uns geologische Veränderungen zu Hilfe kommen. Die dauern nämlich viele Millionen Jahre, der Meeresspiegel steigt aber schon jetzt.

Riecht gut, tötet Menschen

Aber zurück zum Feuer. Wir Menschen nutzen es schon sehr, sehr lang, und so etwas prägt natürlich. Wir lieben es, Zeug zu verbrennen. Wir bauen uns, ohne Not, sondern wegen der Gemütlichkeit, Verbrenn-Orte in unsere Häuser. Wir zünden Lagerfeuer an, so wie damals, als man ohne noch erfroren oder verhungert wäre. Wir finden den Geruch mancher Stickoxide und aromatischer Kohlenwasserstoffe heimelig.

Solange er nicht zu dominant wird. Dann bekommen wir Angst. Zu Recht, aber meist zu spät, denn an durch Rauch verursachten Krankheiten sterben pro Jahr Millionen Menschen .

Die Umdeutung des Gefährlichen ins Positive

Früher war das ein sinnvoller Tausch – warmes Essen und Wärme gegen das Risiko von chronischer Bronchitis und Lungenkrebs. Heute ist es das eigentlich nicht mehr, aber viele Millionen Menschen müssen trotzdem weiterhin Zeug verbrennen, um zu überleben, oft in geschlossenen Räumen.

Das Verbrennen von ausgegrabenem Zeug statt Holz bedroht nicht nur die Gesundheit einzelner Menschen, sondern der gesamten Menschheit. Den in dieser Hinsicht gefährlichsten Bestandteil des Rauchs kann man nicht sehen, hier ist er visualisiert:

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Jetzt müssen wir schnellstens ein psychologisches Kunststück vollbringen: Wir müssen die Hunderttausende von Jahren alte Assoziation »Feuer = gut« auflösen.

Dass Rauch eben eigentlich gefährlich und ungesund ist, wir ihn aber ständig erzeugen, erzeugt kognitive Dissonanz. Um sie zu reduzieren, haben wir im Lauf der Jahrtausende die sehr gefährlichen Eigenschaften von Feuer in positive umgedeutet – Rauch duftet. Oder?

Der schöne Schlot

Der auf die Geschichte des Plakats spezialisierte Wiener Historiker Bernhard Denscher hat einmal geschrieben : »In der Selbstdarstellung industrieller Unternehmen war der qualmende Schornstein stets ein uneingeschränkt positives Zeichen für wirtschaftliches Selbstbewusstsein.« Auch politische Parteien quer durchs Spektrum plakatierten lange Zeit gern Bilder mit rauchenden Schloten. Der Grafiker Klaus Staeck hat das in den Achtzigern einmal persifliert : finster qualmende Schlote, kombiniert mit »Brüder zur Sonne zur Freiheit/Brüder zum Lichte empor.«

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Christian Stöcker

Das Experiment sind wir

Verlag: Karl Blessing
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Der Qualm als Symbol des Fortschritts ist nicht mehr ganz so populär wie früher, aber so richtig lösen können wir uns von unserer Begeisterung für das Zeugverbrennen offenbar sehr schwer.

Der Unsinn mit dem Verbrennungsmotor

Das sieht man zum Beispiel an einem aktuellen Satz des FDP-Politikers Hans-Ulrik Rülke, ausgesprochen  beim Dreikönigstreffen seiner Partei: »Nicht der Verbrennungsmotor ist das Problem, sondern die Frage, was dieser denn verbrennt.« Es geht ihm um die Fiktion, dass demnächst massenweise Pkw mit synthetischen Kraftstoffen im Tank herumfahren. Das wird nicht passieren, das weiß mittlerweile auch die Autobranche. Sogar Chrysler will bis 2028 aus dem Verbrenner aussteigen .

Synthetische Kraftstoffe, »E-Fuels«, werden vermutlich eine gewisse Rolle spielen – aber nur für Bereiche wie Luftfahrt, in denen es eben derzeit gar nicht anders geht.

Dass Rülke so etwas sagt, liegt vermutlich nicht nur an der Liebe des Menschen zum Sachenverbrennen, sondern auch daran, dass er Fraktionsvorsitzender seiner Partei im Porsche- und Mercedesland Baden-Württemberg ist und glaubt, dass die Leute dort so etwas hören wollen. Beides macht den Satz aber nicht richtiger.

Unglaublich ineffizient

Die Besessenheit vom Sachenverbrennen hat die deutsche Autoindustrie in eine sehr gefährliche Lage gebracht: »Einige der besten Marken, die Ihnen einfallen, werden derzeit bewertet, als ob sie in vier bis fünf Jahren pleitegehen«, hat der Autobranchen-Analyst Arndt Ellinghorst kürzlich der »Financial Times«  gesagt. Wegen ihrer Liebe zum Verbrenner.

Wir können und müssen, pathetisch gesprochen, das Zeitalter des Feuers hinter uns lassen und das Zeitalter des (Sonnen-)Lichts einläuten.

Fakt ist, dass Verbrennungsmotoren unglaublich ineffiziente Werkzeuge sind, um Energie bereitzustellen. Drei Viertel der eingesetzten Energie werden buchstäblich verheizt, nur etwa 20 Prozent bewegen das Auto : Wenn man den Weg des Sprits bis in den Tank mitrechnet, bleibt nur ein Fünftel der Energie übrig fürs Fahren selbst.

Ein E-Auto dagegen hat einen Wirkungsgrad von, alles eingerechnet, 64 Prozent. Mehr als dreimal so viel wie ein Verbrenner also.

Verbrennungsmotoren sind in Wahrheit sehr schlechte Motoren, auch wenn das in Deutschland ein derzeit noch extrem unpopuläres Faktum ist. Die Autoindustrie hat es mittlerweile zähneknirschend akzeptiert. Selbst dieser Branche ist die FDP mit ihrer Verbrennerliebe mittlerweile ein bisschen lästig . Porsches Elektro-Taycan verkauft sich besser als der 911er.

Wir betreten ein neues Zeitalter

Als ich über den Auszug aus Rülkes Rede stolperte, musste ich an einen hoffnungsvollen Tweet des Klimaforschers Stefan Rahmstorf  aus dem Oktober 2021 denken: »Vor rund einer Million Jahren lernte die Menschheit den Umgang mit Feuer. Jetzt sind wir dank der Wissenschaft clever genug, ohne Verbrennen von Zeug zu kochen, zu fahren, unsere Behausungen zu heizen und vieles mehr. Wir erleben eine Zeitenwende der Menschheitsgeschichte!«

Genau so ist es: Trotz erbitterten Widerstands diverser Industrien sind wir jetzt so weit, dass wir das Zeitalter des Feuers hinter uns lassen können. Energie aus Wind, Schwerkraft und vor allem Sonne ist mittlerweile konkurrenzlos billig, zudem viel effizienter und vielseitiger einsetzbar.

DER SPIEGEL

Wir können und müssen, pathetisch gesprochen, das Zeitalter des Feuers hinter uns lassen und das Zeitalter des (Sonnen-)Lichts einläuten. Zur Sonne zur Freiheit, buchstäblich. Dazu müssen wir uns von einigen dissonanzreduzierenden, in Wahrheit absolut irrationalen Umdeutungen verabschieden: Rauch riecht gut, Verbrennungsmotoren klingen schön, Schlote sind Fortschrittssymbole.

Für die Alternative steht der eingangs zitierte fiktive texanische Milliardär aus Neal Stephensons Roman »Termination Shock«: Er lässt Massen von Schwefel in die Atmosphäre schießen, damit die Menschen weiter Sachen verbrennen können. Es geht darum, die Sonne zu verdunkeln und so den Anstieg des Meeresspiegels aufzuhalten.

Ich persönlich ziehe ein Zeitalter des Lichts vor.