Schutz vor Hitze, Dürre und Fluten Interesse von Gemeinden an Klimaschutzprojekten steigt sprunghaft

Nach zwei trockenen Sommern ist bei Städten und Gemeinden das Interesse an Maßnahmen zur Klimawandel-Anpassung sprunghaft gestiegen. Ein Förderprogramm des Bundes war zuletzt dreifach überzeichnet.
Trockener Mai in Brandenburg: Extremwetterereignisse erreichen eine immer breitere Bevölkerung

Trockener Mai in Brandenburg: Extremwetterereignisse erreichen eine immer breitere Bevölkerung

Foto: Jochen Eckel/ imago images

Ob künstliche Bewässerung von Feldern, mehr Parks und Gärten gegen das sommerliche Aufheizen der Städte oder Vorsorge gegen Gebäudeschäden durch Starkregen - Kommunen und Unternehmen müssen sich auf Folgen des Klimawandels einstellen, die sich selbst bei ehrgeizigem Klimaschutz kaum noch abwenden lassen. In seinem 1,5-Grad-Bericht schrieb der Weltklimarat: "Klimabedingte Risiken für Gesundheit, Lebensgrundlagen, Ernährungssicherheit und Wasserversorgung, menschliche Sicherheit und Wirtschaftswachstum werden laut Projektionen bei einer Erwärmung um 1,5 Grad zunehmen und bei zwei Grad noch weiter ansteigen."

Verdorrte Felder und Wälder in den vergangenen Hitzesommern lassen nun offenbar die Einsicht wachsen, dass sich Vorsorgemaßnahmen nicht mehr aufschieben lassen. Projekte zur Anpassung an den Klimawandel fördert das Bundesumweltministerium seit 2012 mit bis zu 300.000 Euro pro Vorhaben. Im seit August 2019 laufenden aktuellen Förderfenster gingen so viele Anträge ein wie nie zuvor, wie aus einer Auswertung des Ministeriums für den SPIEGEL hervorgeht. Waren es 2018 noch 85 Anträge von Kommunen, Bildungsträgern und Unternehmen, stieg die Zahl im vergangenen Jahr auf 154.

DER SPIEGEL

Die Stadt Osnabrück nutzt die Förderung zum Beispiel dafür, zu ermitteln, wie sich kommunale Parks und Gewässer, aber auch Spiel- und Sportplätze als kühlende Inseln in asphaltierten und überhitzten Städten nutzen lassen. Das hochwassergeplagte Dresden hat seine Bürger befragt, welche Schäden ihre Häuser schon durch Starkregen genommen haben. Mithilfe der Ergebnisse sollen Bauherren Empfehlungen bekommen, wie sie ihre Gebäude künftig besser vor den herabstürzenden Wassermassen schützen können.   

"Während das Thema Anpassung an die Folgen des Klimawandels bis vor fünf Jahren noch wenig Beachtung fand, haben die Extremwetterereignisse in den vergangenen Jahren, insbesondere der Hitzesommer 2018, eine immer breitere Bevölkerung erreicht. Dies spiegelt sich auch in den Zahlen der eingereichten Projektskizzen wider", erklärte ein Sprecher von Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) auf Anfrage. Seit 2017 sei der Fördertitel vollständig ausgeschöpft, im vergangenen Jahr sei das Finanzvolumen aber um das Dreifache überzeichnet gewesen. Diese Entwicklung wolle das Ministerium bei der anstehenden Neuauflage des Programms berücksichtigen.

Bisher kaum Interesse bei Unternehmen

Noch immer verhalten ist das Interesse allerdings bei Unternehmen. Eigentlich will das Umweltministerium mit dem Programm auch Anpassungskonzepte für die Wirtschaft mit jeweils bis zu 100.000 Euro unterstützen. Doch selbst 2019 gingen nur neun Anträge ein, wie die jüngsten Zahlen des Ministeriums zeigen. Schon vor zwei Jahren beklagten Berater der Ministerin die mangelnde Nachfrage von Firmen. In mehreren Runden sei kein einziger Förderantrag zu diesem Schwerpunkt eingegangen. Die Gutachter von Adelphi  und der Fraunhofer-Gesellschaft empfahlen sogar, die Förderung für Unternehmen einzustellen. Immerhin ist das Interesse jüngst leicht gestiegen.

Die Anträge von Städten und Gemeinden haben sich dagegen von 37 auf 71 fast verdoppelt. Damit sind Kommunen die Treiber des gewachsenen Interesses an Klimaanpassung. Urbane Verdichtungsräume reagierten besonders sensibel auf den Klimawandel, erklärte das Umweltministerium dazu. Ein Weg, wie sich asphaltierte Kommunen auf den Wechsel von Hitzewellen und starken Regengüssen einstellen, ist etwa der Umbau zu Schwammstädten.

Die immer stärker spürbaren Folgen des Klimawandels beschäftigen allerdings auch ländliche Gemeinden. Mit der Förderung des Bundesumweltministeriums haben sechs Landkreise in Niedersachsen untersucht , wie sich der Klimawandel auf Landwirte und die kommunale Wasserwirtschaft auswirkt. Bis Ende des Jahrhunderts werde der potenzielle Bedarf an künstlicher Bewässerung um 15 bis 30 Prozent zunehmen, ergaben Berechnungen des Landesamtes für Bergbau, Energie und Geologie in Hannover.

In einem Folgeprojekt  wird seit 2019 untersucht, wie die Landkreise ihre Regionalentwicklung anpassen sollten. Die Planung ist verzwickt: Das Wasser muss länger am Abfließen in Nord- und Ostsee gehindert - und gleichzeitig der Hochwasserschutz verbessert werden.

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